Arnim

Arnim wollte eigentlich erst gar nicht kommen. Aber wie konnte er Ihr den Wunsch nur abschlagen? Er hatte sich vorgenommen, die Sache im Sande verlaufen zu lassen. Aber die Hoffnung, dass auch sie sich einfach nicht mehr melden würde, zeriss im schrillen Klingeln des Telefons. Warum war er nur rangegangen? Vorsichtshalber hatte er doch seinen AB eingeschaltet. Fröhlich klang ihre Stimme aus dem Hörer: "Arnim, es gibt etwas zu feiern. Komm, ich lade dich zum Abendessen ein." Er schwieg ins Telefon, schluckte. "Arnim?", fragte sie, um kurz darauf ihren brabbelnden Redeschwall auf ihn loszulassen. "Ja", murmelte Arnim, "ja…gratuliere, Susanne, …toll!" Am liebsten hätte er aufgelegt. "Es gibt auch Dein Lieblingsessen - mit Käse überbackene Lasagne." "Den Termin, äh, ich kann ni.." "Das macht gar nichts", fiel ihm Susanne ins Wort, "zwei Tage danach ist doch sowieso viel besser, dann hast Du doch immer frei." "Ja, Susanne", und Arnim hatte nachgegeben.

Jetzt saßen? sie in ihrer Küche. Er saß? auf einem Stuhl. Zuerst hatte er sich ganz klein gemacht. Laut schwatzend wuselte sie um ihn herum: "Bin noch nicht fertig", "Meine Küche ist doch gemütlich." Er sah sie groß an, öffnete den Mund. Was sollte er bloß sagen? Fiel ihr denn nichts auf? "Seit wann bist du auf den Mund gefallen. Das ist doch gar nicht deine Art." Lustig schwenkte sie die Kochlappen. "Ich hab’s", setzte sie nach, "Ich mache dir einen Kaffee. Den magst du doch so gern. Und dann bist du wieder munter." Lächelnd eilte sie zum Küchenschrank. "Stopp! Den kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.", stieß er hervor. Susanne lies ab und wandte ihm ihr Gesicht mit einem spöttischen Ausdruck des Unverständnisses zu. Mit den Augen verfolgte er nun ihre Bewegungen. Der Duft von zerschmolzenem Käse stieg in seine Nase. Seine Arme baumelten schwer von dem Stuhl und seinem Körper herab: "Susanne". "Ja", sagte sie sich umdrehend. Doch anstatt "Ich geh jetzt mal", sagte er nichts. Wie sie lächelte, er wendete das Gesicht ab. "Willst du wirklich keinen Kaffee?", fragte Susanne. Einen Moment hielt sie still und musterte ihn. Er schaute ihr ins Gesicht, hob seine Kopf: "Susanne, ich muss mit Dir re…" Ein Zischen unterbrach ihn. Es kam vom Herd und schwoll ungemein laut an. Wusch machte es und eine Flamme schlug aus der Pfanne. Arnim sprang auf und stieß Susanne zur Seite. In seinem Augenwinkel erschien für einen Augenblick die Haustüre. Er packte das Küchenhandtuch. Feucht lag es in seiner Hand. Wie wild schlug er auf die Flamme ein. Scheiße, auch das Handtuch fing Feuer. "Austreten!", befahl er und schmiss es auf den Boden. Da der Deckel vom Kochtopf – groß. Arnim schnappte sich ihn. Er hörte das Trampeln und Keuchen von Susanne und tatsächlich konnte er die Flamme ersticken. Er trat einen Schritt zurück, blickte zur Seite. Das angekohlte Handtuch auf dem Boden, Susanne, die aufgehört hatte zu treten. Er wollte aufatmen.

Er unterdrückte den Impuls, Susanne am Arm zu packen, sie aus der Wohnung zu zerren und ihr zuzuschreien: "Wir müssen fort von hier." Susanne hatte sich gefasst. Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Die Lasagne ist noch gut.", hörte er sie wie im Traum sagen. "Nein!", sagte er spontan. Susanne war irritiert "Nein? Doch! Wie jetzt?" "Gut", sagte Arnim "packen wir es an." Er dachte daran, dass er nach ihren Prüfungen sich ganz sicher von ihr trennen würde. Leider hatte sich ihre Prüfungszeit schon wieder verlängert.

Er bewegte sich ins Wohnzimmer. Das Flüstern des Fernsehers empfing ihn. Er starrte auf den Bildschirm und erkannte einen reißenden Fluss. "Die Lasagne ist super!", tönte es aus der Küche. Ein Cowboy rannte den Fluss entlang. Offensichtlich wurde er verfolgt. Susanne flog durch die Wohnung und öffnete alle Fenster. Klirrend hörte er Susanne mit Teller und Besteck das Wohnzimmer betreten. Er guckte sie von Kopf bis Fuß an, zog den Kopf zurück und biss die Zähne zusammen. Auf dem Bildschirm erschien jetzt eine Brücke. Der Fluss war so über die Ufer getreten, dass er die Brücke überspülte. Und lockerte sich nicht gerade ein Brückenpfeiler? "Am besten ich mache das Fernsehen aus.", sagte Susanne entschlossen. "Nein", rief Arnim. Susanne sah ihn überrascht an. "Nein", wiederholte er. "Aber, Du…Wir", stotterte Susanne. Arnim starrte auf den Bildschirm. Der Cowboy hatte die Brücke erreicht und watete durchs Wasser. Die Verfolger drängten erschrocken zurück. Mutig betrat der Cowboy jetzt die Brücke genau über dem schwankenden Brückenpfeiler. Susanne verschwand in der Küche. Nur zögerlich folgten die Verfolger dem Cowboy. Bevor sie auch nur durch das Wasser wateten, warf er sich schon den Fluten entgegen und versuchte sich an schwankenden Brückenteilen festzuhalten. Der Brückenpfeiler wurde nun endgültig von den Fluten mitgerissen. Wie ein Wischlappen tanzte der Rest der Brücke im wilden Strom. Fluchend flohen seine Verfolger zurück ans Ufer. Der Cowboy hatte es fast geschafft. Jeder Brückenabschnitt, den er hinter sich gelassen hatte, war unmittelbar danach hinweg gespült worden. Als er das letzte sichere Brückenstück erreicht hatte, fiel es seinen Gegnern ein, scharf zu schießen. Vor ihm lag die offene Ebene unter strahlend blauem Himmel. Der Held zögerte, ging zu Boden und wich den Kugeln blitzschnell aus. Gebückt sprintete er fort. Susanne erschien mit zwei Gläsern Rotwein in der Tür, als ein Schuss den Cowboy im Arm traf. "Moment", winkte Arnim ab und ließ den Bildschirm nicht aus den Augen. "Wir wollen doch.." erhob sich Susannes Stimme. Der Cowboy fiel ins hohe Gras auf den Rücken. Seine Gegner feuerten noch ein paar Schuss ins Blaue. Der Cowboy schloss die Augen. "Moment", wiederholte Arnim. Susanne hatte die Rotweingläser auf den Plattenspieler abgestellt. "Was ist los Arnim? Hey, was ist los?" Arnim antwortete: "Der Film ist echt spannend. Ich habe ihn als Kind schon gerne gesehen – Clint Eastwood." "Schön", sagte Susanne, "Sag‘ mal. Kannst Du an nichts anderes als an Fernsehen denken?" "‘Tschuldigung", murmelte Arnim, "der Film ist doch auch gleich zu Ende." "Aber ja, Arnim", sagte Susanne zärtlich, "Ich decke schon einmal den Tisch zu Ende." Arnim wischte sich über das Gesicht "Susanne", stöhnte er. Susanne baute sich vor ihm auf "Arnim, sag endlich, was los ist!" "Susanne, also unsere Beziehung…" "Nicht schon wieder, Arnim", ermahnte ihn Susanne. "Ja, aber", sagte Arnim "Was willst Du mit Deinem ‚Ja aber‘! "Wir passen einfach nicht zusammen" "Ach, Arnim, das hast Du doch alles schon längst gesagt. Ich kann es nicht mehr hören." Arnim sagte: "Eigentlich würde ich jetzt gerne gehen." "So ein Unsinn.", sagte Susanne, " wo doch so ein leckerer Nachtisch im Kühlschrank bereit steht." Arnim sagte: "Das ist mir gerade egal." "Kennst Du Dich aber schlecht! Komm schon, nur noch der Nachtisch. Dann kannst Du immer noch nach Hause gehen." Arnim murrte. Susanne sagte: "Du musst mich ja nicht gleich heiraten, nur weil Du einen Nachtisch mit mir isst. Wenn ich es so betrachte, schön wäre es doch."

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