Courage

Uwe zog seine schwarze Jacke an. Am liebsten hätte er seine dunkel getönte Sonnenbrille aufgesetzt. Dann hatte er immer das Gefühl aus einem heimlichen Versteck herauszugucken, aber mit der Brille fiel er zu sehr auf, wie er fand.

Er zog die Wohnungstür hinter sich zu und trippelte die Treppen herunter. Er wollte zum Flohmarkt. Wie viele Leute ihm entgegen kamen! Uwe sah sich unauffällig um. Sollte er nicht umkehren und in sein Stammcafé gehen? Vielleicht würde er seinen Freund Malte dort treffen.

Er zögerte, war schon im Begriff sich umzudrehen und ging dann doch immer langsamer werdend weiter. "Das ist ja ein Ansturm auf den Flohmarkt hier", dachte er entsetzt, als er aufschaute. Hatte er nicht etwas vergessen? Und schon befand er sich abermals auf dem Rückweg. Stopp! Er stierte beschämt in ein Schaufenster. Wie schmutzig die Scheiben waren. Alte Prospekte lagen neben einem umgefallenen Kaktus. Angestrengt stierte er ihn an - sehr interessant. Was hatte er nochmal vergessen? "Uwe!", zischte er zu sich selbst und dachte: "Reiß dich zusammen. Du gehst jetzt!" Und er wollte doch unbedingt einen Notenständer auftreiben. Vielleicht gab es auch ein paar Vinylplatten.

Er blinzelte Richtung Flohmarkt den teils schlendernden und teils schnell laufenden Menschen entgegen. Entschlossen ging er los, schob sich blindlings vorbei, entschuldigte sich, wich aus. Die ersten Stände. Uwe drängte sich weiter, tauchte ein zwischen die unzähligen Körper. War doch gar nicht so schlimm. Er ließ sich treiben und blieb unschlüssig vor einem Pappkarton mit Schallplatten stehen. Sein Blick fiel darüber hinweg in den Stand und blieb an einem Busen hängen. Er räusperte sich und zwang sich einen Plattentitel nach dem anderen zu lesen. Als er aufblickte, stand das Mädchen mit dem Rücken zu ihm. Sie hatte ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihr lindgrünes Top ließ einen wunderschönen Rücken erkennen. Jetzt drehte sie sich um. Er hielt den Atem an - oh. "Ich nehme die drei Platten hier", sagte er schnell. "10 Euro", sagte das Mädchen. Er konnte die Augen nicht von ihr abwenden. 10 Euro, 10 Euro, seine Hand tastete in seiner Brusttasche, glitt zu seiner Jackentasche hinab. "Ich habe vergessen...", kam es stoßweise aus ihm heraus. "Lange kann ich die Platten aber nicht für dich aufbewahren." Kaum hatte sie es gesagt, als sie sich ihrem Handy zuwandte. "Natürlich", rief er aus. Als er gehen wollte, landete seine Hand auf seinem Po und er fühlte sein Portemonnaie unter seinen Fingerspitzen. Er zog es heraus, hielt es in die Höhe und sagte: "Hab ich es doch!" Aber er sprach ins Leere. Dann entdeckt er sie, wie sie am anderen Ende des Standes mit einem Kunden sprach. "Hallo, hallo", rief er verzweifelt in ihre Richtung.

Sollte er nicht einfach weitergehen? Zaghaft rief er noch einmal: "Hallo". Jetzt musterte sie ihn mit einem kurzen Seitenblick, der zu sagen schien: "Was willst du!?" Uwe ließ das Portemonnaie sinken, geduldig würde er jetzt warten, sie hatte seinen Wunsch ja gehört. Er wartete und zwar ziemlich lange. Nein, sie würde sich nicht von sich aus noch einmal zu ihm hinwenden. "Hallo", rief er entschlossen, "ich nehme die drei." Erwartungsvoll schaute sie jetzt herüber. "Äh" machte er und durchforstete blitzschnell den Pappkarton mit den Platten. Das Mädchen beschäftigte sich wieder mit seinem Handy. Er konnte nur eine seiner Platten wiederfinden. Inzwischen sprach das Mädchen wieder mit jemand anderem - einer Frau.

Dann kam ein anderer Junge und wollte etwas kaufen. Uwe rief laut: "Jetzt möchte ich gerne die drei Platten haben." Der Junge sah ihn an, als ob er nicht ganz richtig im Kopf wäre. "Gleich", rief das Mädchen und bediente den Jungen zuerst. Dann nahm sie die drei Platten neben ihrer Kaffeetasse, gab sie Uwe und hielt die offene Hand hin. Schnell fummelte Uwe einen 10 Euro Schein aus dem Portemonnaie. Dabei fiel ihm eine Münze herunter. "Au Mann", sagte das Mädchen. Uwe zog den Kopf ein, schnappte sich die Münze vom Boden und die Platten und verschwand. Das war seine Traumfrau – jetzt brauchte er sie auch nicht mehr anzusprechen.

Er stolperte vorwärts, vorbei an einer Kleidersammlung, an einer Jeansjacke. Seine Blicke blieben an einzelnen Dingen hängen, während es ihn vorwärts trieb. Da bemerkte er ein ihm zugewandtes Gesicht, erstaunt guckte er es an und da - noch eines. Viele Blicke trafen ihn. Warum? –So plötzlich. Wie gespannt und konzentriert die Gesichter waren. Er blickte vor sich. Da stand ein Mann mit schwarzer Lederjacke. Er machte ein Schritt auf ihn zu. Der Mann hob die Hand und Uwe entdeckte das Messer darin. "Entschuldigung", murmelte er, "Ich will doch nur…" Er blickte seitwärts in die umstehende Menge. "Gut", sagte die schwarze Lederjacke vor ihm und steckte das Messer weg. Allgemeine spürbare Erleichterung setzte ein. Aufatmen, Gemurmel. "Kann ich jetzt gehen?", fragte Uwe und als er sich umschaute, sah er, dass es einen zweiten Streithahn hinter ihm gab. Er wurde von mehreren festgehalten. Stirnrunzelnd guckte er wieder in Richtung schwarzer Lederjacke. Er ging an ihr vorbei und die Menge wich ihm aus.

Plötzlich befand sich eine junge Frau neben ihm und hielt mit ihm Schritt. Er sah kurze rote Haare und lief schneller, aber sie ließ sich nicht abschütteln. "Toll hast du das gemacht.", sagte sie mit einem breiten Grinsen. Uwe schaute sie an, ein wenig mollig war sie auch. Ihm fiel nichts dazu ein. "Du bist ein Held.", sagte sie. Er blieb stehen: "Ich?" Ohne zu zögern schmiegte sie sich an ihn. "Ich heiße Monique.", wisperte sie, "und du?" Uwe starrte auf sie herab. "Uwe", kam es aus ihm heraus. "Uwe", wiederholte sie. Der Rotschopf wühlte sich an seine Brust. Er schnappte nach Luft und verzog das Gesicht. Und ihr Parfum! Hoffentlich fiel er nicht gleich in Ohnmacht.

hoch

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Genres:
* Prosa * Liebe * Alltagsgeschichten *


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