Die Lausebengel von Gaia

"So jetzt reicht’s!" Mutter Erde nahm ihre Jungs an die Hand. Sie zog an dem Kleineren, der sich glucksend widersetzte, während der andere seine Unschuldsmiene aufsetzte. Der Kleine riß sich los, während der andere langsam voran schritt und sich betont lieb an die Kinderzimmertür stellte. Mutter Erde rannte ihrem Kleinen hinterher, der kichernd auf das Kinderbett zusteuerte, unter das er sich flink rollen konnte. "Nein!". Die Schleife ihrer fleckigen Schürze war aufgegangen. Mit unbeholfenen Schritten tapste sie auch ins Kinderzimmer. "Nein! Nicht darunter", und sie schüttelte ihren Kopf so heftig, dass die Spange, die die Haare zusammen hielt, sich löste. "Das ist kein Scherz. Du wirst es noch bereuen." Doch bevor er sich unters Bett warf, stolperte er und kullerte ihr vor die Füße.

Die beiden Brüder hatten ihrer Mutter versichert, dass sie ruhig ihre kranke Freundin besuchen könne. Sie wollte sie gerne besuchen und ihre vielleicht etwas mitbringen, vor allem was zu essen und einen kleinen Trost vielleicht. "Wir werden auch unser Zimmer aufräumen und die Blumen gießen – ganz vorsichtig", schlugen die beiden vor.

Am Ende quoll das Abwaschbecken über. Ein paar Papier- und Plastikschiffchen schwammen darin. "Das Meer", erklärte der Kleine seiner Mutter, "es soll doch bis ans Sofa im Wohnzimmer reichen". Auf dem Boden im Wohnzimmer lag überall eine wüste Mischung aus Mehl, Reis, Erbsen , Vogelsand und Kies - "der Strand", wie der Kleine erklärte. Die Liegestühle von draußen hatten den Platz von den Wohnzimmersesseln eingenommen und umgekehrt. Das Sofa hatten die Jungs ganz okay gefunden. Sie ließen es als Berglandschaft durchgehen. Dazu hatten sie ein paar Spießer als Gebüsch und Pflanzen aufgesteckt. Essen und Trinken – so fanden sie – sollte direkt greifbar sein. Äpfel, Birnen und Tomaten lagen teils zertreten herum und staken auf den Spießen. Stolz zeigte der Kleine auf einen ganzen Wald an aufgespießten Gewürzgurken. Zuerst hatten sie den Sand aus dem Käfig des Kanarienvogels genommen, den sie bei der Gelegenheit auch direkt frei herumfliegen ließen, aber dann haben sie noch einen schönen großen Sandsack im Keller gefunden. Sie mischten noch etwas Kies aus dem Garten darunter – für ihren richtig schönen Sandstrand direkt vor dem Fernseher. Für so ein richtiges Schlaraffenland sollten auch die Süßigkeiten auf den Bäumen wachsen. Also wurde das Obst mit Keksen, Schokoladenstückchen und Fruchtgummi ergänzt. Bonbons lagen herum. Sie hatten auch diverse Limo-, Cola- und Bierflaschen geöffnet und mit Strohhalm versehen an den Rand gestellt.

Das erste, was Mutter Erde sah, als sie die Tür öffnete war der laufende Fernseher mit dem Film Terminator II. Ihre Jungs hatten es sich davor in den Liegestühlen bequem gemacht. Sie hatte sich schon darüber gewundert, dass der Couchtisch in der Diele an die Wand gelehnt war.

Die Jungs waren völlig unbeeindruckt von ihrer missbilligenden Reaktion. Sie gingen über ihre Vorhaltungen einfach hinweg. Als sie den Fernseher ausschaltete, fragten sie sie, ob sie nicht noch Popkorn holen könne und dann nicht schnell schlafen gehen wolle. Das Wohnzimmer sei doch geil umgestaltet. Ihre Anweisung, die Schweinerei sofort wieder zu beseitigen, ignorierten sie. Sie selbst musste das Wasser in der Küche aufwischen und den gröbsten Dreck beseitigen. Währenddessen protestierten ihre Jungs und beschimpften sie. In ihrer Verzweiflung verhängte sie Stubenarrest für ihre Racker – so lange wie möglich. Sie hatte sie also ins Kinderzimmer geschubst, die Tür zugeworfen und schnell den Schlüssel umgedreht. Dann öffnete sie sie wieder und schrie hinein "Und ihr überlegt euch jetzt, wie ihr die Welt retten wollt."

Die beiden Jungs stürzten zur zweiten Tür ihres Kinderzimmers, aber sie war auch verschlossen. Dann betrachteten sie das Fenster mit dem Baum davor. Aber die erste Etage war doch sehr hoch und die Äste des Baumes sehr weit weg. Es gab nicht einmal ein Regenwasserrohr in der Nähe. Egon der Große hatte eine Idee: "Wenn wir hier nicht rauskommen. Dann lassen wir unsere Freunde einfach zu uns kommen." "Ja", rief Mäxchen, "dann können wir mit meinen neuen Kriegern spielen." Der Große überlegte: "Wenn sie ins Kinderzimmer wollten, müssten sie durch das ganze Haus – das ist nicht gerade unauffällig. Und durchs Fenster? Selbst wenn wir ein Seil, das wir nicht haben, hinunterlassen könnten...Wir müssen einfach in den Keller." "Ich habe Durst", schrie Mäxchen und wollte an der Tür klopfen. "Halt, Moment, warte", hielt ihn Egon davon ab, "Soll ich dir mein neuestes Computerspiel zeigen?" Sofort war Mäxchen begeistert "Counterstrike!" Egon schmiss den Rechner an und regelte die Lautstärke besonders hoch. Dann lud er das Spiel hoch und fing an. "Hier" und er gab dem Kleinen den Joysticker "Bumm, buff, buff, yeah". Dann klopfte er laut an die Tür. Er lauschte. Da es rührte sich etwas, die Mutter kam die Treppe hoch – näherte sich der Tür. Da wandte er sich Mäxchen vor dem Computer zu und schrie aus Leibeskräften: "Schnell, den Computer ausmachen!" – zu spät! Die Mutter stand schon in der Tür. Ihr Gesicht färbte sich dunkelrot. "Oh, ihr Bengel! Jetzt könnt ihr was erleben." Sie marschierte zum Computer, schob ihren Jüngsten davor weg, der großes Protestgeschrei erhob, und machte ihn aus. Mit aufgestützten Armen sah sie zu Egon. "Habt ihr heute nicht schon genug angerichtet? Stubenarrest reicht nicht, was? Egon du gehst in den Keller!" "Ich will auch mit", sagte Mäxchen. "Was?", sagte die Mutter, "nein, ihr trennt euch jetzt. Du, Mäxchen, bleibst allein auf deinem Zimmer hier." Sie war wirklich wütend. Egon zog ein Gesicht. Im Keller gab es zwar kein Tageslicht, aber er war gut ausgebaut. Neben einem Hobbyraum gab es einen Kicker und auch eine Toilette. Das wichtigste war aber das Telefon auf einer Anrichte. "Ich habe Durst!", fiel Mäxchen wieder ein. Egon sagte: "Mäxchen kann schon allein den Computer bedienen." Mäxchen guckte ihn erstaunt an. Die Mutter zögerte: "Ich hol jetzt erst einmal was zu trinken" und sie ging runter. Egons Grinsen breitete sich nun groß auf seinem Gesicht aus. Mit Becher und Wasserflasche in der Hand kam die Mutter wieder hoch: "Dann müsst ihr halt beide in den Keller", sagte sie erschöpft. Egon schnappte sich Mäxchen und rannte mit ihm zur Kellertreppe hinunter. "Nicht so schnell", schrie die Mutter hinterher.

Egon rief die Freunde mit dem Auftrag an, Cola und Bier und etwas zu knabbern mitzubringen – Limo ergänzte Mäxchen. Später hörten sie, wie ihre Mutter den Fernseher anmachte. Als Egon den ersten Freund am Kellerfenster hörte, kam die Mutter zur Kellertüre "Und das Abendessen ist auch gestrichen." "Macht nichts!", rief Egon. Und einen Augenblick nachdem die Mutter die Kellertür zugemacht hatte, klopfte es noch einmal laut am Kellerfenster. Es war Fritz. Zuerst reichte er seinen großen grünen Rucksack nach unten. Dann ließ er sich mit den Füssen voran durchs Oberlicht gleiten. Er begrüßte Egon und Mäxchen per Handschlag. Und er setzte seinen Rucksack auf einen Stuhl und ordnete die Dinge auf dem Tisch davor. Generalstabsmäßig zog er ein Six-Pack Bier aus dem Rucksack, das er sorgsam auf dem Tisch platzierte. Dann nahm er Stück für Stück sechs Bretzeln heraus, die er ordentlich in zwei Dreierreihen legte. Er sagte: "So und jetzt ist sich gemütlich Hinsetzen dran." "Jawohl", antwortete Mäxchen und holte einen großen Kirmes-Teddy, mit dem er sich kuschelig auf den Boden setzte. Egon sah sich im Keller um, ob es hier einen Flaschenöffner gab. Lächelnd sah ihn Fritz an und zog einen aus seinem Rucksack, den er akkurat zwischen Six-Pack und Bretzel-Reihe legte. Fritz setzte sich dann seinem Six-Pack gegenüber, sein Rucksack an das Stuhlbein gelehnt. Als Egon sich auch gerade setzen wollte, klopfte es erneut. Diesmal kamen drei auf einmal: Miroslav, James und Mustafa.

Sie befüllten den Tisch mit weiteren Getränken und Süßigkeiten. Auch die Stapel Papiere dienten jetzt auch als Unterlage für Whisky- und Limoflaschen, Schokoladenkuchen und klebrige Geleefrüchte. "Wo ist denn die Cola?", fragte James plötzlich. Miroslav zeigte auf Mustafa, "Du wolltest sie doch mitbringen!" "Das stimmt doch gar nicht", widersprach der. "Und ob das stimmt." Es blieb nicht lange bei Drohungen, die Fäuste flogen. "Halt, stopp", schrie Egon, "zum Prügeln seid ihr nicht hier!" "Nicht?", fragte James, "Ich dachte, wir wollten Spaß haben." "Nein, dann könnt ihr gleich wieder nach Hause gehen", sagte Egon zornig. "Wer hat denn die Geleefrüchte mitgebracht?", fragte jetzt Fritz, "die können unmöglich auf den Dokumenten liegen bleiben." "Mustafa!", schrie James, "und die Limo auch" "Und Miroslav hat den Schokoladenkuchen und den Whisky mitgebracht", warf jetzt Mustafa ein. "Ihr seid hier zu Gast. Ihr könnt nicht einfach alles beschmieren. Könnt ihr euch nicht benehmen?" sagte Fritz barsch. Und wieder wäre es zur Prügelei gekommen, wenn nicht Egon sich dazwischen geworfen hätte: "Ihr seid meine Gäste und ich danke euch für eure Mitbringsel." James sagte: "Sei nicht so gutmütig Egon, sonst müssen wir uns etwas überlegen, um dich zu einem Mann zu machen!" "James!", antwortete Egon, "ich..." er stammelte, "Wir können uns hier keine Prügelei leisten." "Mit so einer Memme braucht man erst gar nicht Party zu feiern!", sagte James. Egon ballte die Fäuste: "Du bist der Einzige, der hier nichts mitgebracht hat, James. Du kannst gleich wieder nach Hause gehen, wenn du willst." James war umringt von Egon Mustafa, Miroslav und Fritz. "Schon gut, schon gut", murrte er. Fritz legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Inzwischen hatte Mäxchen sich am Schokokuchen gütlich getan. Mit beiden Händen griff er hinein und stopfte sich den Mund voll. "Musik!", sagte er vernuschelt, als ihn ein paar aufmerksame Blicke trafen. Und tatsächlich hatten sie noch ein altes Radio im Keller. Wie gut, dass Mutter Erde ihr Schlafzimmer auch im ersten Stock hatte. Stimmung kam auf, als ob das Drohen und die Wut sie befeuert hätte. Miroslav, Mustafa und Mäxchen tanzten vergnügt vor dem Tisch, den sie ein wenig nach hinten gerückt hatten. Ein Papierstapel mit Geleefrüchten und Limo war dabei zu Boden gegangen. Sie kümmerten sich nicht drum und tanzten zwischen den Papieren. War doch nicht schlecht, direkt vom Teppichboden zu essen. Nur Fritz hob die Flaschen auf und brachte ein paar Geleefrüchten zur Seite. "Ihr Schmierfinken", brüllte er zu den Tanzenden. "Lass doch", sagte Egon und James klatschte laut in die Hände: "Jetzt machen wir ein Tanz-Wettbewerb" und er versuchte schubsend die Tanzfläche frei zu kriegen. "Ey", wehrte sich Miroslav und jetzt trat genau das ein, was Egon befürchtet hatte – eine große Prügelei. Diesmal konnte er sie nicht mehr aufhalten. Nur Mäxchen zog er noch rechtzeitig aus dem Pulk heraus.

Es klopfte am Fenster. Mäxchen hatte es aus dem Tumult heraus gehört. Sören reichte seine Tasche herunter: Stracciatellaeis und Cola. Dann rutsche er durchs Oberlicht. "Was ist denn hier los?", rief er entsetzt aus. "Oh Sören", sagte Egon, "gut, dass du noch kommst." Und er schaute hilflos auf die Prügelnden. Sören trat heran und schrie: "Wer sofort aufhört, bekommt Cola und Stracciatellaeis" Alle außer James hielten inne. Und dieser sah jetzt zu Sören und Egon hoch. "James", ermahnte ihn jetzt Egon. Sören ließ die Blicke über den verwüsteten Raum schweifen und wisperte: "Leute, wie retten wir denn jetzt noch die Welt?" Sogar der Teppich hatte schon Wellen geschlagen. Verklebtes Zuckerzeug, Flaschen und Papiere lagen wild durcheinander. Ausgeschüttete Flüssigkeiten bildeten große Flecke und es gab einen Blutfleck. Er stammte von Mustafa, der immer noch aus der Nase blutete. Er hatte sich hingesetzt und seinen Kopf in die Hände genommen.

"Weltrettung", wiederholte Fritz, "wir sortieren alle Papiere nach dem Anfangsbuchstaben ihres ersten Wortes! Das ergibt 26 Stapel." Und James ergänzte: "Wir hauen jedem Randalierer eins in die Fresse." "Elementares Chaos", sagte Sören erschüttert und ein wenig fasziniert. Egon eilte zu Mustafa "Sören", rief er und Miroslav kam zu Hilfe. Sie stoppten die Blutung und legten ihn mit einem feuchten Lappen im Nacken hin. Sören war im Begriff an der Kellertür zu klopfen. "Spinnst du!", rief Egon. "Nur sie kann uns noch helfen", sagte Sören. Er drückte die Klinke herunter und fand die Türe unverschlossen. Sie gingen alle nach oben. Erst voller Furcht vor dem drohenden Unwetter. Sie konnten Mutter Erde nirgendwo mehr finden, auch nicht in den oberen Etagen

Sie schien spurlos verschwunden zu sein. Mäxchen weinte nach ihr und Egon tröstete ihn. "Was machen wir nur ohne sie?" Sören zeichnete ein lebensgroßes Bild von ihr an die Wand. Das half ein bisschen. "Wir müssen es hier wieder wohnlich machen.", sagte er.

Fritz schlug vor: "Wir könnten den Fussboden mit auseinandergeschnittenen Plastiktüten abdecken." Er steigerte sich immer mehr in seine Ideen, wie der Wohnraum hier zu retten sei, hinein und nannte sie Room-Ingeneering und Green Innovation. Den Vorschlag, das Meer und den Strand in Küche und Wohnzimmer einfach abzubauen, lehnte er vehement mit der Begründung ab, dass das die fundamentale Ordnung aufheben würde. James sprang ihm bei und drohte jedem Ungläubigen mit seinen Fäusten. Dann reklamierte er Fritz Ideen für sich. Man müsse das Gute mit aggressiver Gewalt verteidigen, dann setze sich das Beste auch durch.

Sören besorgte Gummistiefel, verehrte sein Muttererde-Bild und gab sich als Narr aus. Es sei ja nur harmlose Kunst. Was tangiere es die reale Welt? Und so setzte er seine Vision in Zeichnungen vom Haus und seinen Räumen um, die er in einer Mappe sammelte:

Ein Haus mit einem offenen Innengarten und blauem Mosaikbrunnen in der Mitte. Es stütze sich sachte auf die vier Bäume im Innenhof. Der innere Kranz mit schließbaren Räumen wäre von einer durchlässigen Membran umgeben, in welcher Natur und Bauwerk einander durchdrängen. Sören fragte hoffend: Würde Mutter Erde sich darin wieder zeigen?

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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