Feuer gebannt!

Es fing an mit einem verdächtigen Geruch im Hausflur. Naserümpfend stieg der Nachbar die Treppe hoch. "Wer hat denn das Essen anbrennen lassen?" Aber es wurde nicht besser – im Gegenteil. Zu dem intensiven Geruch gesellten sich dünne Rauchschwaden. Einer hatte die Tür gefunden, durch dessen Ritzen sie zogen. Ein anderer kam mit gezücktem Handy hinzu. "Ich habe die Feuerwehr schon gerufen." Und bekam zur Antwort: "Auf mein Klingeln hat auch niemand reagiert." Jetzt qualmte es sichtlich durch die Tür. Der eine hielt seinen Ärmel vor die Nase, der andere hustete. "Befinden sich noch viele Leute im Haus? Was meinst du?" Sie rannten nach unten zur Klingelanlage und klingelten alle durch. "Feuer! Feuer!" schrien sie. Es kamen immer mehr Hausbewohner. "Habt ihr die Feuerwehr schon gerufen?" "Ja! Ja!" Sie guckten die Häuserfassade hoch. Eine Fensterscheibe zersprang und dicke Rauchschwaden zogen nach draußen.

Zuerst hörte man ganz von Ferne die Feuerwehrsirene. Mit offenen Mündern starrten alle die Fassade hoch. Dick und gemächlich zogen die Rauchschwaden nach draußen. Ob sich eine züngelnde Flamme erkennen ließe? – Ein roter Schimmer, orangefarben. Das Sirenengeheul unterlegte die Szene. Anspannung kroch in die Menschentraube, die still und gebannt zusammen stand. Der Geruch dämpfte, betäubte und vernebelte und er biss. Ein gelber Blitz aus den Rauchschwaden und ein Aufschrei durchzuckte die Menge. Wie eine Glocke hing der Rauch über ihnen. Ein schwacher blauer Lichtschimmer kam von einem Ende der Straße, wurde stärker. Er bog förmlich um die Ecke. Und der Feuerwehrzug schob sich hinterher. Der ganze Straßenzug wurde in blinkendes blaues Licht getaucht. Das stark anschwellende Sirenengeheul unterband jedes Fühlen, Hören und Sehen. Wie eine Gruppe schwarzer Poller in unterschiedlicher Höhe standen die Menschen zusammen. Der Feuerwehrzug raste heran, größer werdend – Rettung. Konvulsivisch entwickelten sich nun die Rauchschwaden. Ein Fenster öffnete sich, jemand lehnte sich hinaus: "Hilfe!" In leuchtendem Blau schien der Raum eingefroren zu sein. In prächtigem Dunkelrot kamen die Feuerwehrautos zum Stehen. Majestätisch krönte die Drehleiter ihr Dach. Die Tür sprang auf und ...

Drei Künstler sprangen aus dem offenen Schaufenster ihres Ateliers auf die Straße. Mit ausgebreiteten Armen schrien sie: "Halt!" Sie umkreisten zwei Feuerwehrmänner, denen sie ihre Rücken zuwandten. "Halt", schrien sie den Umstehenden entgegen. "Halt", brüllten sie die Autos und Häuserwände an. Sie rangen die Hände und schlichen um ihre Beute, "Halt", hallte es in Rauch und Licht. Einer der Hausbewohner rief etwas und wie auf ein Signal sprangen die anderen Umstehenden herbei. Sie stürzten sich laut schimpfend auf die Künstler. Diese entwischten, die anderen rannten ihnen teils hinterher, teils bewarfen sie sie. Überhaupt umsprangen sie die Künstler wie eine Meute von Welpen, die man gerade aus dem Käfig gelassen hatte. "Halt", machte ein Künstler mit ernstem besorgtem Gesicht. Aber lange ließ sich so ihre Aufmerksamkeit nicht halten. "Schlitzohren!", klefften sie. "Feuer!", schrie nun ein Künstler auf die Hausfassade mit dem rauchenden Fenster zeigend. Sie ließen von ihnen ab - "Blödsinnige!" - und trotteten zum Ort des Geschehens zurück. Nun schlichen die Künstler die Häuserwände entlang. Rangen sich behutsam die Wände hoch. Fassten nach der Wand, als ob sie zerbrechen könnte. "Halt" – nicht umfallen! Mit unsichtbaren langen Fingern suchten sie die Häuser zu stützen. Einer von ihnen legte bittend die Hände zum Gebet: "Haaalt!" Und er spürte die Kühle des Mauerwerks – überwältigend diese massiven Schichten aus Stein. Schutz und Trutz des Gemäuers – festen Boden unter den Füssen.

"Wasser marsch", war jetzt zu hören. "Halt", schrien die Künstler mit weit vor sich hingestreckten Armen auseinanderspringend. (Wisst ihr denn nicht, dass man einen Häuserbrand nicht mit Wasser löscht?)

Die Feuerwehrleiter wurde ausgefahren, begleitet von Ahs und Ohs. Die Künstler verzerrten die Gesichter, machten abwehrende Handbewegungen: "Halt!" Jetzt steuerte die Feuerwehrleiter auf den Mann im Fenster zu. Die Künstler: "Nicht!", "Nein!", "gefährlich" Befreiendes Gelächter der Umstehenden. Der Mann aus dem Fenster befand sich jetzt zusammen mit einem Feuerwehrmann auf der Leiter. "Halt" echote ein Künstler noch kleinlaut hinterher. Die Leute begrüßten den Geretteten lachend.

Die drei duckten sich im Windschatten der Erleichterung. Das Feuer, die Rettung – überwältigend, unaufhaltsam, unüberbietbar. Es wiedergeben – ein fader Abklatsch, es verarbeiten – kleinkariert. Aber sie waren doch da mit ihren Entdeckungen und Schöpfungen – klein, zusammengekauert an der unumstößlichen Häuserwand. Sie ließen locker, entspannten sich, stützten den Kopf an die Wand. Lauschten. Da bollerte doch etwas. Was war das? Noch einmal. Woher? - hinter der Wand? Vor sich führten die Feuerwehrmänner nun unbehelligt ihre Löschaktion durch. Das Feuer war eingedämmt. Die Rauchentwicklung legte sich. Jetzt waren die Geräusche hinter der Wand unüberhörbar: ein Kratzen, ein Schleifen, bröckelnder Mörtel. Einer legte sein Ohr an die Mauer. "Da ist etwas gefangen.", "Etwas will hinaus." "Hilfe!", schrie jetzt ein Künstler und so mancher schaute verdutzt mit gekräuselter Stirn zu ihm herüber. "Wir müssen helfen!" Die wenigen Leute, die sie beachteten stießen sich gegenseitig an und lachten. Einer sprang zum Feuerwehrwagen und bat um eine Axt. Widerwillig und mit einigem Unverständnis bekam er sie doch. Ein anderer holte eine Axt, sein Arbeitswerkzeug, aus dem Künstleratelier.

Der Dritte feuerte beide an: "Eins zwei drei. Schlagt zu!" Der erste brach mit seiner imaginären Axt ein Loch in die Wand. Furchteinflößend schwang der andere seine Feuerwehraxt über den Kopf. Man konnte die unter den Schlägen erzitternde Mauer spüren. Putz sprang nach allen Seiten ab. "Noch einmal!" Die imaginäre Axt sauste auf das Mauerwerk, es gab jedes Mal einen lauten Aufprall. Schutt und Gesteinsbrocken fielen auf den Bürgersteig. Der Durchbruch war geschafft, rot leuchtend schimmerte es durch das Loch. Klitzekleine Qualmwölkchen umspielten die Öffnung. Plötzlich ein Feuerstoß, der mit einem Zischen hervorschoss. "Schau nur!" ein roter schuppiger Leib wand sich hinter der Mauer. "Weiter!" Mit einiger Vorsicht bearbeitete der Künstler mit seiner imaginären Axt das Mauerloch. Weder wollte er das Wesen dahinter verletzen noch es provozieren. Da kam ein Drachenkopf heraus: breites Maul, große Nüstern und blitzende schwarze Augen. Die Künstler stieben zur Seite. Sie hörten das Klatschen der Leute. Das Feuer war gelöscht! Doch der Lindwurm kroch in seinem Feuerschweif durch die Öffnung. "Ein Feuerdrache!" Er hielt inne, richtete sich auf und flog davon. Die Luft schien ihn abzukühlen und sein Schuppenleib erstrahlte hoch am Himmel in allen Farben des Regenbogens.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: