In vino veritas

David erschien in der Tür, ein paar Frauenaugen richteten sich auf ihn. Isabel musste unwillkürlich lächeln, als er auf sie zukam. Schnell nippte sie an ihrem Glas und sagte: "Hallo David!" Er blickte ihr sekundenlang tief in die Augen: "Hallo", dann wandte er sich seinem Nachbarn zu.

Isabel blickte im Raum mit den Leuten darin hin und her. Gerade hatte sie die Toilettentür ausgemacht, da wurde sie vom Gesprächspartner von David angesprochen: "Na, hast Du Dich in der kurzen Zeit gut eingewöhnen können?" "Oh ich wurde mit offenen Armen empfangen und mit großem Zartgefühl in die Materie eingearbeitet", antwortete sie lachend und vermied es dabei David anzusehen, "Entschuldigt mich bitte".

Im Schutz des Dreiecks von Oberschenkel, Bauch und aufgestütztem Unterarm:

30 zu 0; all die Johnnys gegen Ellis

Nach den ersten drei Toren klopfte man ihr tröstend auf die Schultern, "Kopf hoch, schönes Kind."

Als das siebte Tor gefallen war, lachte man sie an: "Na, in Taktik nicht so firm, was?"

Beim 14. Tor schüttelte man mißbilligend den Kopf und beim 20. sagte jemand zu ihr: "Du tust mir wirklich leid!"

Als dann endlich nach dem 30. Tor die Zeit zu Ende war, guckte sie kein Mensch mehr an.

Ihr Kopf sank auf die Oberschenkel, es war dunkel und sie war allein.

Vor zehn Tagen, sie hatte nach einem Geschenk gesucht, hat sie eine Menschenmenge vor einem Möbelladen gesehen. Sie kam näher, offensichtlich protestierten sie gegen etwas. Da sah sie einen Mann aus dem Geschäft kommen und auf ihn zu trat einer der Umweltschützer mit einem Papier in der Hand. "Der Umweltschutzbund zeichnet sie für ihre beispiellose umweltzerstörerische Geschäftspolitik aus!" Von allen Seiten ertönte Klatschen und Gejohle. Der Geschäftsmann verlor die Fassung, schnell drehte er sich um und schlug seine Geschäftstür hinter sich zu. Plötzlich bemerkte Isabel jemanden neben sich stehen. "Jetzt wird er wohl die Polizei holen.", war zu hören. Nach etwa 10 Minuten waren die ersten Auflösungserscheinungen zu sehen. Noch standen kleine Grüppchen um ihre Transparente, aber die Leute gingen nach und nach auseinander. Ihr Nebenmann stand noch immer dar. Er schien sie auch zu bemerken. Die Luft war von Schmetterlingen erfüllt. Gleich würde er sie ansprechen, sie spürte, wie er nach passenden Worten suchte und lächelte. Es war sehr leicht für ihn. Brachte er Worte über die Lippen, so antwortete sie mit offensichtlicher Zuneigung: "Oh ich kam gerade aus einem Schreibgeschäft und habe zufällig diese Versammlung hier gesehen" und wenn er nichts sagte, so drängte sie sich unscheinbar an ihn heran. Er leckte sich die Lippen. Sie setzten ihr Gespräch über die Umweltschutzorganisation auf dem Heimweg mit Umwegen fort und endeten bei einem Glas Wein in einer Bar.

Zum nächsten Abend waren sie verabredet, er würde sie anrufen. Der Bus ruckelte und schaukelte, grüne Bäume, viele Fahrradfahrer und Fußgänger flogen an ihr vorbei. Sie überließ sich ihren Träumen und Gefühlen:

Kläglich kauerte sie sich in die eine Ecke und dann in die andere. Jetzt könnte Jaques sie doch wirklich anrufen, sie wartete schon so lange. Ihr Blick fiel aufs Telefon, es wollte und wollte nicht klingeln. Eigentlich müsste sie noch ein paar Briefe schreiben, es war nicht daran zu denken. Sie windete sich und wälzte sich und wusste nicht wohin mit sich selbst. Sie konnte sich auch nicht aufraffen, ihr Regal zu reparieren oder im Internet etwas nachzusehen. Immer wieder erschien sein Gesicht vor ihren Augen und immer wieder stiegen Szenen aus dem letzten Treffen mit ihm in ihrer Erinnerung auf. Sie fühlte sich ausgebrannt – es half nichts. Sie verzehrte sich in unendlicher Sehnsucht – umsonst.

Sie sprang aus dem Bus unter einen blühenden Kirschbaum. David hatte ihr schon eine SMS geschickt. Er war es auch, der sie zum nächsten Treffen des Umweltschutzbundes gebracht hatte. Beide wollten nicht, dass ihre Beziehung dort sofort publik gemacht würde und jeder wüsste, wo und wie sie sich kennengelernt hatten. Die würden schon noch Augen machen.

"Du dahergelaufene Fremde, was fällt dir ein, mich zu belästigen?" Isabel wäre am liebsten im Boden versunken. Sie nahm sich zusammen. "Ich möchte gerne mit dir sprechen.", sagte sie mit Bestimmtheit. "Du bist wirklich unverschämt, du hast in meinem Leben nichts verloren. Fühlst du nicht, dass es völlig unangemessen ist, dich mir zu nähern. Ich habe selbst andere Probleme, jetzt lass‘ mich endlich in Ruhe.", antwortete Toni. Vor einer Woche hatten sie die Nacht zusammen verbracht und Isabel war froh, endlich die Gelegenheit gefunden zu haben, Toni anzusprechen. "Aber ich will doch nur mit dir reden, ich will doch erst einmal gar nichts von dir.", sagte Isabel und Toni erwiderte: "Reden, reden, reden – wozu das? Nun schön, ich bin ja kein Arschloch. Du kannst mich nächste Woche – ach nein, besser in 14 Tagen - einmal anrufen."

Isabel wurde von David am Arm gepackt. "Isabel, bist du eingedöst?" Er strich ihr über den Rücken. Ihre Augen trafen sich und in ihr bereitete sich das warme Gefühl aus, dass er für sie da war. Sie stand von der Parkbank auf, auf der sie auf ihn gewartet hatte, und sie gingen Arm in Arm von dannen.

Sie blickte in die Kerze, draußen dämmerte es. Der Duft des Weines stieg ihr in die Nase. Um sie herum erhoben sich schattenhafte Gestalten. Der eine redete ihr freundlich zu, der andere versuchte vorsichtig mit ihr zu schmusen und wieder ein anderer zeigte ihr Bilder: Bilder von Aschenputtel und Dornröschen. Sie erkannte die schneidenden Konturen, die Wucht ihrer Leiber, ihre unheimlichen Bewegungen. Sie schlängelten sich und zerbarsten nach allen Seiten. Nichts als Rauch. Die Gestalten um sie herum wurden deutlicher: die Berührung der Finger beim Überreichen der Kaffeetasse, das Nebeneinander beim Spazierengehen, das Gespräch am Bücherstand. Isabel überkam die Gewissheit nicht allein zu sein, traurig verabschiedete sie David und trieb gelöst auf einem Meer aus rotem Samt.

hoch

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