Am Neptunbrunnen

Vom Neptunbrunnen herab tönte die Stimme des Meeresgottes mit seinem Dreizack: "überflüssig zu erwähnen, dass Kinder die europäische Kultur schon mit der Muttermilch aufsaugen sollten. Meine Worte geben nur die Wahrheit alter Sprichwörter...".

"Halt die Klappe", fuhr ihm ein Punk, der auf dem Brunnenrand saß, dazwischen.

"In meinen Worten findet sich die Wahrheit..." fing der Meeresgott von neuem an und wurde diesmal mit einem "Ey" vom Punk unterbrochen. Der Punk schmiß zusätzlich seine Bierflasche auf den Meeresgott. Dieser wollte sich ducken, aber sein erhabener erzener Körper erlaubte es ihm nicht und so zerschellte die Flasche an seinem Kopf und das Bier ergoß sich über seine Gesicht und seine Locken.

"Ahäm, ähö, ähö" machte er. Vor lauter Schreck hatte er sich verschluckt und es rasselte tönern.

"Cooler Sound, Alter", sagte der Punk und stützte die Hände in seine Seiten.

"Jaja", brachte der Meeresgott mühsam hervor "keine Moral, keine Religion, keinen Ordnungssinn und keinen Anstand!"

"Lockenkopfoper", grölte jetzt ein Herankommender ihm entgegen.

"Hallo Andy", begrüßte ihn der Punk.

"sieben Uhr aufstehen, Frühstücken, pünktlich Mittagessen, Abendessen und spätestens um halb zehn im Bett sein.", der Meeresgott erlangte seine feste Stimme wieder, "Das ist gesund! Das ist europäische Kultur!"

"Oha, das ist ja ganz was Neues", musste er sich jetzt anhören.

"Der Mann bewährt sich draußen in der Welt und die Frau hütet Heim und Kinder.", fuhr der Meeresgott unbeirrbar fort.

"Ey, du Oberblechlehrer, was hat dich eigentlich dorthin verschlagen?"

"Gleichgültig an welchem Ort, ich stehe meinen Mann."

Es folgte ein Schlagabtausch zwischen dem Punk und ihm: "Spießer!"

"Lausebengel!"

"Chauvinist!"

"Rotzlöffel!"

"autoritäres Arschloch!"

"impertinenter Parvenü!"

"Hey, lass doch", schritt Freund Andy ein, "ist doch lustig wie er dort festsitzt und große Töne spuckt."

"Das könnte euch so passen.", meldete sich der Meeresgott wieder, "und ich soll die Rechnung zahlen."

"Stimmt", lachte Andy.

Der Meeresgott: "Euch fehlt eine feste Hand!"

Stefan: "Das musst du ja sagen. Meine locker sitzende Wurfhand hast du ja schon zu spüren bekommen. Willste noch einmal?"

"Dich sollte man mit der Zuchtrute vertrimmen."

"Lass uns einfach gehen.", schlug Andy vor und zog den Punk am Arm fort.

"Du bist ja von vorvorgestern", schrie der Punk dem Meeresgott noch nach.

"Ich bin Avantgarde!", verteidigte sich der Meeresgott, "meine uralte Weisheit...", aber der Punk und sein Freund Andy befanden sich schon nicht mehr in hörbarer Reichweite.

Abends landeten die beiden, der Punk, welcher übrigens Stefan hieß, und sein Freund Andy, unversehens wieder am Neptunbrunnen – beide waren sturzbesoffen.

"Mein guter Freund", gab Stefan etwas unartikuliert von sich "schetzen !"

Und sie hielten einander in den Armen – teils um sich gegenseitig daran zu hindern, vom Brunnenrand zu purzeln, teils um sich zu wärmen und zu trösten.

"Och, war das eine schüse Maus" sagte Andy.

"Stimmt.", sagte Stefan. Sie horchten auf. War da nicht ein Seufzen gewesen? Es klang weinerlich.

"Huch, sind wir nicht allein."

"Stefan! Wie unheimlich!"

"Nein", wimmerte es hinter ihnen. "ihr seid nicht allein. Aber ich bin im Gegensatz zu euch nicht ganz freiwillig hier."

"Andy, ist das nicht unser chauvinistischer Freund mit dem Dreizack?" flüsterte Stefan ganz leise.

Der Meeresgott: "Nur weil ich die alten Werte verteidige. Glaubt mir, wenn ihr erst einmal meine Lebenserfahrung habt, werdet ihr genauso denken."

Stefan: "Ach, Opa, lass gut sein. Dazu bin ich gerade wirklich nicht in der Stimmung."

Der Meeresgott: "Oh, diese Jugend, müsst ihr denn immer erst ein Einsehen haben, wenn es zu spät ist."

Andy: "Und hat deine jetzige Weisheit dir geholfen in eine bessere Lage zu kommen?"

"Nein!", heulte der Meeresgott, "Im Gegenteil. Die Schlechtigkeit der Welt ist grenzenlos und unberechenbar."

Stefan: "Och Alter, glücklich hört sich das nicht an."

Der Meeresgott: "Martina, diese Hexe. Nicht nur das sie undankbar gegen meine Größe und mein Wissen gewesen ist... sie ist gemein, so gemein."

Andy: "Was ist denn passiert?"

Der Meeresgott: "Ich war ein stattlicher Mann. Einer von der Sorte, die heute nur noch selten anzutreffen sind."

Stefan: "Gott sei Dank!"

Der Meeresgott: "Flegel".

Andy: "Erzähl weiter".

Der Meeresgott: "Eines Tages lernte ich Martina kennen, oh, was für ein Weib!" und seine eiserne Figur vibrierte, "Wir verabredeten uns zum Abendessen. Gerade stand ich vor dem Spiegel im Bad und stählte die Locken meines Hauptes, da klingelte es an der Tür. Ahnungslos öffnete ich. ‚Martina‘, sagte ich, ‚wir sind doch im Restaurant verabredet – das war doch nicht nötig mich abzuholen.‘ Das wäre doch kompromittierend, nicht wahr? Aber sie war total aufgebracht ‚Schuft‘, schrie sie immer wieder. Ich war ganz verstört: ‚Aber Martina!‘ Und dann, ehe ich mich versah, zog sie eine Puderdose aus ihrer Manteltasche und bestäubte mich. Ich fiel sofort in einen tiefen Schlaf und als ich aufwachte, spürte ich, diesen andauernden Nieselregen. Obwohl ich nicht fror, war alles so kalt und so eisern, ich konnte und kann mich nicht rühren."

Stefan: "Tja".

Andy: "Woran lag's?"

Der Meeresgott weinte herzzerreißend.

Andy: "Können wir irgendetwas für dich tun?"

Der Punk stubste seinen Freund daraufhin in die Seite: "Man, muss das sein?"

"Könntet ihr vielleicht Martina aufsuchen?", fragte der Meeresgott leise. Sie ließen sich tatsächlich darauf ein.

Sie fanden Martina unter der vom Meeresgott angegebenen Adresse. Und sie konnten ihr auch wirklich das Versprechen abzunehmen, zum Neptunbrunnen zu kommen. Einige Zeit war seitdem vergangen. Eines guten Tages sprach sie ein schmächtiges Männlein an. Es trug einen langen Bart und lange Haare, unter denen sich ein kleines Gesicht voller Falten verbarg - um nicht zu sagen ein Hutzelmännchen.

"Erinnert ihr euch noch an den Meeresgott auf dem Neptunbrunnen?", sagte es, "Martina ist wirklich zu mir gekommen. Sie sagte ‚gut, mein Lieber, du dauerst mich. Ich gebe dir deine Bewegungsfreiheit zurück, aber du nimmst sofort zurück, dass mein todschickes Lieblings-Top unweiblich aussieht!‘ Ich erwiderte: ‚Aber Martina, wer sollte ein ganzes Weib sein, wenn nicht du? Ich flehe dich an – nur wegen diesem blöden Top!‘ ‚Mein Top ist der letzte Schrei und hat über dreihundert Euro gekostet!‘, schrie sie nun. ‚Aber ja, Martina‘, versuchte ich zu beschwichtigen, ‚ich liebe deinen ausgesuchten Geschmack! Dein Top…äh ..ist außergewöhnlich, ja.‘ ‚Liebst du mich etwa nur wegen meinem Äußeren? Kein Wunder, dass der wahre Ausdruck meiner Persönlichkeit dir nicht gefällt!‘ ‚Martina bitte, lass mich hier runter! Bitte! Ich gehe auch mit dir Schuhe kaufen.‘ Sofort bedauerte ich meine Worte, beim Schuhe-Kaufen kam es immer zum Krach und das erschien mir jetzt ganz unberechenbar. ‚Gut, ich befreie dich jetzt aus deiner Lage‘ ‚Danke Martina, mein Götterweib, mein Mannequin unter den himmlischen Wesen‘ ‚Was? Du hältst mich für ein Flittchen vor den Augen des Herrn? Da, nimm das dafür!‘ Und seht, kaum war ich aus meinem Gefängnis gestiegen, schrumpfte ich zu dem hier zusammen. Der Meeresgott, das bin ich!"

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Genres:
* Prosa * Satire *


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