Tagesrückblick von Sir Otto of Gangbang

I. Schon seit einer dreiviertel Stunde saß Sir Otto of Gangbang auf dem Trimm-dich-Rad eines ganz ordinären Fitnessstudios. Trotz seines hohen Postens bewegte ihn Bescheidenheit und Sparsamkeit dazu, gewöhnliche Etablissements den ihm als Minister angemessenen höheren Standards vorzuziehen. Sorgenvoll glitten seine Blicke durch die verglaste Fassade über die Lichter der Stadt, welche das bunte Treiben des allabendlichen Amüsierbetriebs bezeugten. Sein scharfer Intellekt arbeitete genauso konzentriert wie sein beständig sportliche Leistung hervorbringender Körper. Umso erschütternder musste ihn die Erkenntnis treffen, dass er den größten Teil seiner Zeit und Kraft nicht direkt seiner eigentlichen Aufgabe zuwenden konnte, sondern auf widerstrebende Kräfte verschwenden musste. Die ganze Gesellschaft war durchsetzt von diesen Uneinsichtigen, welche lieber die harten Fakten beiseiteschoben als den Innenminister bei seiner Arbeit zu unterstützen oder ihn wenigstens nicht zu behindern. Und so sah er sich unausgesetzt gezwungen erst aberwitzige Hindernisse aus dem Weg räumen zu müssen, bevor er zum Eigentlichen kommen konnte. Als sein Blick wieder auf die Stadt fiel, diese nächtlich Schöne, beschloss er seinen Schäfchen, soweit es sich mit seinem Verantwortungsbewusstsein vereinbaren ließ, zu verzeihen – trotz ihrer tollkühnen Eigenwilligkeit.


II. Er hatte seinen Tag um 5:30 Uhr anfangen lassen – einen Tag im Kampf für die Freiheit.

Der Präsident hatte ihn angerufen. Er müsse ihn dringend sprechen. Sir Otto of Gangbang bat ihn um einen klitzekleinen Aufschub wegen eines unaufschiebbaren klitzekleinen Notfalls. Dies könne er ihm, so antwortete der Präsident, wegen staatstragender Bedeutsamkeit und dem äußerst bedrohlichen Weltaugenblick nicht gestatten. Otto of Gangbang biß seine Zähne und besonders seine Knie zusammen. Der Präsident wollte offensichtlich seine Ideen, die ihm über Nacht gekommen waren, vor ihm aufrollen, da sie morgens immer so flüchtig waren. Otto kannte das schon, setzte sich in einen Sessel und hielt Ausschau nach Brauchbarem wie Decke, Block und Stift. Der Präsident wollte von seiner Vision, was die Stunde geschlagen hat und was ihm folglich als geboten erschien, berichten. Weltweit müssten alle orientalisch geknüpften Teppiche konfisziert werden, sowie alle gewebten Gewänder ab einer bestimmten Länge und von muslimischer Machart.

Mit der Sicherstellung aller orientalisch geknüpften Teppiche ließe sich die Einwicklung von führenden Persönlichkeiten der freien Welt vorbeugen. Besonders trieb ihn der Fall um, dass sich ein paar fliegende Teppiche darunter befinden könnten. Angesichts der höchsten Gefahr müsse man sich auf alles, auch das Unglaublichste, gefasst machen. "Stell dir vor, Otto, eine Flotte fliegender Teppiche würde unseren großen Leuchtturm der Demokratie angreifen! Feige und hinterhältig würden sie in den Himmel einfallen bis dieser ganz schwarz von ihnen wäre. Ihre aus dem vulkanischen Abgrund primitiver Vorzeit aufsteigenden Aggressionen würden sie gegen unseren dicksten Schwengel richten – äh, gegen ... UNS. Unsere höchsten Höhen der Hochkultur! Denk nur! Der Leuchtturm unserer Leitkultur, Wahrzeichen unserer höchsten Werte, zu dem aufzuschauen uns regelmäßig Kraft und Trost spendet, - eingewickelt in lauter orientalischen Teppichen!" Der Präsident gab ein grauenvolles ächzen von sich. Der einzige Ausweg aus diesem bedrohlichen Szenario sei eben die Konfiszierung aller orientalischen geknüpften Teppiche. Ja, das sei eine ganz sachliche und logisch stringente Schlussfolgerung, dachte Sir Otto of Gangbang einen Moment lang und im nächsten, dass der Präsident vielleicht selbst von einem aggressiven arabischen Virus wilder Phantasie angefallen worden sei. Er starrte vor sich auf den Boden: "Und was ist mit meinem persischen Teppich im Wohnzimmer?" schrie er in den Telefonhörer, kaum das sein Blick auf den eigenen gefallen war. "Sieh mal, Otto", entgegnete ihm der Präsident, " anscheinend bist du insgeheim auch anfällig für arabische Verführungs- und Verstellungskünste, sonst würdest du nicht deine Überlegungen, wie die Welt vor der terroristischen Gefahr zu retten sei, von solchen banalen Dingen abhängig machen. Außerdem weißt du doch, dass für bestimmte Personen Ausnahmen immer möglich sind."

"Und wozu dient die Konfiszierung bestimmter Gewänder ab einer bestimmten Länge?", fragte Sir Otto of Gangbang. In seiner Weit- und Voraussicht wollte er den Präsidenten dazu bringen, möglichst bald alle seine nächtlichen Einfälle herauszubringen. Schließlich warteten am heutigen Tag noch andere Termine auf ihn. "Das ist nicht so leicht in Worte zu fassen.", antwortete der Präsident, "Ich sag’s mal so. Naja...um das Haarige ihres Wesens ans Tageslicht zu zerren." "Das leuchtet mir sofort ein.", sagte Sir Otto, " Was soll daran so schwer zu verstehen sein?" und suchte mit seinen Augen nach einer Uhr. "Otto, das kann gar nicht sein. Du hattest nicht etwa dieselben Gesichte wie ich?" "Max!", übernahm Sir Otto of Gangbang das Wort, "Durch die Konfiszierung von Gewändern alleine werden die Araber noch lange nicht durchsichtig. Dazu braucht man andere Mittel. Der neueste technische Stand..." Max: "Bist du wirklich so schwer von Begriff? Es geht um die Reaktionen, wenn ihnen plötzlich ihre Gewänder genommen werden. Sie sollen erst einmal aus ihrem Parallelunterschlupf gelockt werden. Wie an-Paß-gezogen können sie sein?"

Otto: "Nicht schlecht, Max! Das hätte ich gar nicht von dir gedacht. Da kommen wir der Sache schon näher. Also erstens muss die Überwachung aller Verdächtigen massiv erhöht werden. Wenn wir sie ein wenig, etwa durch Verbote religiöser Symbole und Gebote gesellschaftlicher Anpassung, hinter dem Ofen hervorlocken, dann können wir auch viel schneller die Radikalen und Gewaltbereiten unter ihnen ausmachen. Wir werden alle Gefährder und ihr gesamtes soziales Netz aufspüren. Zweitens üben wir uns dann in Zurückhaltung und beobachten sie erst einmal. Dann legen wir noch ein bisschen Zunder nach. Drittens rücken wir noch rechtzeitig, bevor sie zur Tat schreiten, mit vollem Einsatz an - die ganze Nummer - und kriegen zuletzt die ganze Bagage mit einem Schlag zu fassen!" Max: "Wovon redest du? Zunder? Welche Tat?" Otto: "Na, um terroristischer Anschläge zu vereiteln. Erst kitzeln wir ihre ganzen Laster und Gelüste aus ihnen heraus und dann haben wir sie nagelfest im Griff." Max: "Und du meinst, man muss gleich an Terrorismus denken? Das hatte ich bei dieser Sache gar nicht im Blick. übertreibst du nicht?" Otto: "übertreibung? Nein, man muss das Wesentliche durchaus im Blick behalten." Max: "Gut Otto, dann kommen wir gleich zur Sache. Wenn wir von vornherein schon wissen, was für Typen wir da vor uns haben, warum sperren wir sie nicht einfach weg, bzw. schieben sie gleich ab. Dann haben wir sie vom Hals!" Otto: "Das hätte ich jetzt nicht von dir gedacht, Max. Ich denke, es geht um die Verteidigung der f r e i e n Welt und nicht um die Errichtung eines gesellschaftlichen Dompteuse –Zirkus."

Max: "Ich kann es dir gar nicht sagen. Otto, ... was für eine mysteriöse Kultur. Offen gesagt die Muslime sind mir unheimlich. Sie verbreiten sich so schnell und sind so dominant. Irgendetwas muss man ihnen doch entgegensetzen." Otto: "Da muss ich dich leider enttäuschen, Max. Muslime sind frauenfeindlich und primitiv – nicht alle, aber größtenteils. Aber sie sind bestimmt nicht unheimlich oder mysteriös, ganz im Gegenteil." Max: "Ich finde, ehrlich gesagt, dass du da Vorurteilen aufsitzt. Du unterschätzt sie meines Erachtens maßlos. Otto, du musst was gegen die von ihnen ausgehende Gefahr unternehmen! Tu was!" Otto: "Ich will dir mal was sagen: Freiheit muss man auch ertragen können. Wir können nicht irgendwelchen Angstphantomen hinterherjagen. Zur Beruhigung. Wir lassen sie zwar in Ruhe, aber wir beobachten sie erst einmal – alle! Und wenn sie dann unsere Freiheit mißbrauchend heimlich..., dann ist unser Augenblick gekommen, Peng und all ihre intriganten Machenschaften zusammen mit ihrem rückwärtsgewandten Wesen werden hinweggefegt." Max: "Nein, Otto, nein! Dann ist es möglicherweise schon zu spät. Das allzu lange Gewand muslimischer Machart ist ein Zwangsgewand mit Zwangsgesinnung. Mit ihm wird offen die Ablehnung unserer Kultur zur Schau getragen. Es zu tragen ist ein direkter Affront gegen unsere Werte." Otto: "Das ausgerechnet du so etwas sagst. Klingt ja so, als ob deine Ängste mit dir durchgehen würden. Wir können doch nicht alle allzu langen Gewänder verbieten, wo kommen wir denn dann hin?"

Max: "Otto! Mich hat eine schreckliche Vision heimgesucht. Du ahnst es nicht. Plötzlich wache ich aus tiefem Schlaf auf und kaum dass ich die Augen aufschlage, befinde ich mich in der Mitte eines entsetzlichen Reigens. Muslimische Gewänder ohne Köpfe tanzen um mich herum und über mir schweben mit unheimlicher bedeutungsvoller Bewegung Turbane. Sie kommen immer näher. Sie streichen über meinen Rücken! Da erwische ich einen Zipfel und ziehe daran. Und Otto, es kommen Wülste über Wülste schwarzen Fells zum Vorschein." Otto: "Aber Max, das ist nur ein Angsttraum." Max: "Angsttraum? Otto, machst du eigentlich immer die Augen zu, wenn du über die Straße gehst? Hast du überhaupt ein Gespür für innergesellschaftliche Vorgänge?" Otto: "Mich würden eher Waffen interessieren, welche illegal unter den Gewändern versteckt werden, Waffen und Sprengkörper." Max: "Das ist gar nicht beruhigend, Otto, dir fehlt jegliches Feingefühl!" Otto:"Und dir fehlt eine nüchterne Betrachtungsweise. Komm erst einmal auf den Boden der Realität!" Max: "Verstehe doch! Wir dürfen keine Kultur der Intoleranz und Unfreiheit bei uns groß werden lassen. Wir müssen an der Ordnung der säkularen, christlichen Leitkultur festhalten." Otto: "Säkulare christliche Leitkultur? – Max, gib mir mal ein Beispiel." Max: "Da fällt mir die ordentliche und saubere Blue Jeans ein: tough, aber cool."

Otto: "Natürlich, und wenn wir erst anfangen alle besagten Gewänder zu konfiszieren, dann wird sich auch die Einsicht, wie notwendig sich in Jeans ausdrückende Freiheit ist, wie ein Lauffeuer verbreiten, denn alles andere wäre haarig." Max: "Nein, Otto! Nein! Man kann anziehen, was man will. Nur sollte man beweisen können, dass man jeden anderen auch anziehen lässt, was er selbst will." Otto: "Und du glaubst wirklich, diese Leute ließen sich dadurch bezähmen, dass man sie in Blue Jeans steckt?" Max: "Die Bedrohung, die von ihnen ausgeht ist subtiler. Die freiheitliche Gesinnung muss sich eben auch an der Kleidung, die man trägt, ablesen lassen." Otto: "Und alles, was irgendwie komisch aussieht, widerspricht dem großzügigen Denken und der Toleranz." Max: "Otto! Problem sind nur Kleidungsstücke, welche sehr stark auf eine bedenkliche Geisteshaltung hinweisen." Otto: "Und du glaubst allen Ernstes, Menschen mit latent terroristischer Anlage verlören diese, wenn sie sich nur freiheitlich und tolerant kleideten?" Max: "Jetzt finde ich deine Haltung aber panisch und verbohrt. Die Muslime haben eine anders geartete Kultur als wir, aber wieso soll die schnurstracks zum Terrorismus führen? In Wirklichkeit hast du einen leicht paranoiden Einschlag und witterst überall Dynamit!"

Otto: "Max, soll ich dich und deine christlich säkulare Leitkultur nun schützen oder nicht?" Max: "Meine Rede. Aber doch nicht, indem man hinter jedem Bart einen fanatischen Terroristen sieht." Otto: "Besser ist natürlich wahnsinnige Angst vor jedem wehenden Rock." Max: "Und dich stört diese schleichende Unterwanderung nicht im geringsten. Hauptsache du findest jemanden, dem du mit guten Grund tüchtig eins auf die Nase geben kannst." Otto: "Das ist mal eine Unterstellung! Sprachst du vorhin nicht noch von akuter Gefahr – wie war das ‚staatstragende Bedeutung‘ und ‚bedrohlicher Weltaugenblick‘? Und wie meinst du dieser zu begegnen? – Mit einer Feder etwa? Oder ein paar ausgefuchsten nächtlichen Einfallen. Offen gesagt, du verschwendest meine Zeit!" Max: "Das ist also dein wahres Gesicht. Du Klotz von einem Mann! Dir geht jegliche Einsicht und Sensibilität ab, es ist erschreckend. Ich leg‘ jetzt auf!" Otto: "Max, nein! Bitte, nicht! Nein, nein. Lass uns in Ruhe darüber sprechen." Max: "Tut mir leid. Du bist zu weit gegangen..." Otto: "Max?" Schweigen am anderen Ende der Leitung "Max? – Max, deine Befürchtungen gehen ja schon in die richtige Richtung. Dir fehlt einfach ein wenig Bodenhaftung." Max: "Bodenhaftung?!" Max schnappte nach Luft. Otto: "Wenn eine ethnische und kulturelle Gruppe doch offensichtlich Anlagen zum Fanatismus hat, dann sind doch vorbeugende Maßnahmen gegen die Gewalt, welche möglicherweise von ihnen ausgeht [.]" Es machte Klick, Max hatte aufgelegt.

Sir Otto of Gangbang ließ den Hörer sinken. Es fiel ihm schwer. So konnte er sich wenigstens seinen Geschäften zuwenden. Vielleicht klärte sich das mit Max noch. Er sah an sich herab. Wo waren seine Zeitungen? Hatte er überhaupt noch Zeit diese zu lesen? Er goß sich einen Cognac ein. Erst müsse er sich beruhigen. Kaum saß er mit aufgeschlagener Zeitung da, als erneut das Telefon klingelte. "Otto", ließ sich Max am Hörer vernehmen, "wir sollten uns nicht wegen kleiner Meinungsverschiedenheiten vom gemeinsamen Kurs abbringen lassen." Otto brummte...

Sir Otto of Gangbang hatte ein leicht ungutes Gefühl auf seinem Trimm-dich-Rad, als er an dieses Gespräch zurückdachte. Auf diese Weise haben sie immerhin irrationale Gefühle und Vorurteile in der Debatte, wie Angst vor der anderen Kultur und latente Fremdenfeindlichkeit, ausgiebig besprochen. Auch wurde in Erwägung gezogen, ob es im Kampf gegen den Terror möglicherweise eine zu drastische Bekämpfungspolitik geben könnte. Und vor allem es hat ein gutes versöhnliches Ende genommen. Vielleicht war dieses Gespräch etwas lang. Streitereien mit Max gingen ihm immer an die Nieren. Aber sie hatten dieses Mal bestimmt eine reinigende Wirkung und im Ergebnis sind sie zu einem ausgewogenen Konsens gekommen. Sir Otto schloss die Augen und ging in seiner Erinnerung weiter.


III. Sir Otto of Gangbang schlürfte ins Bad und überlegte, ob Maria, die Haushälterin, Kaffee gekocht hatte – wenn sie überhaupt schon da war. "Sie werden am Telefon verlangt.", ließ sich ihre Stimme laut und deutlich vernehmen. Er steckte den Kopf aus der Badezimmertür und fragte: "Kaffee fertig?" "Na kommen sie schon!", antwortete sie, "Der Kaffee ist ohnehin schon kalt. Es ist 11 Uhr." "Was?!", rief of Gangbang ganz außer sich, während ihm seine lateinamerikanische Haushälterin in ihrer fürsorglichen Art das Telefon in die Hand drückte. "Ja", ließ sich am anderen Ende vernehmen, "Sie haben richtig verstanden – ja?!" "Wie bitte?! Was meinen?!", gellte Gangbangs Stimme. "Sie haben r i c h t i g verstanden – ja?! Islamistische Terroristen wollen in einer konzertierten Aktion unsere höchsten Werte: Demokratie, Freiheit und Menschenwürde aus dem gepanzerten Tabernakel unserer Großbank entführen. Zugleich soll unsere Gesellschaft durch enorme Gewalt zutiefst verunsichert und erschüttert werden." "äh, hab’ ich mir fast schon gedacht", murmelte Gangbang. Mehrere Seiten hätten unabhängig voneinander von der drohenden Aktion berichtet. Gerüchten zufolge sollen die islamistischen Terroristen schon über den geheimen Code zu unserem gepanzerten Tabernakel verfügen. Sir Otto of Gangbang raufte sich die Haare. Die gute Maria drückte ihm einen dampfenden frisch gebrühten Kaffee in die Hand. Gangbang sah sie entgeistert an und verbrannte sich beim ersten Schluck die Zunge. "Scheiß Terroristen", entfuhr es ihm. Maria nahm seine Tasse. Er stolperte zu dem Stuhl mit seiner zurechtgelegten Kleidung und rief das Polizeipräsidium und das BKA an. Maria kleidete ihn unterdessen an. Er beorderte schwerbewaffnete Polizisten auf alle öffentlichen Plätze und vor alle wichtigen Gebäude. Außerdem postierte er auch Jünger der Harmonie vor der Großbank, das waren die Zahnärzte der Spiritualität. Um das Übel besser an der Wurzel packen zu können, sollten sie die Atmosphäre mit Heilbringendem anreichern und die Besinnung auf die eigene Tradition, die Quelle aller Güte, anregen.

Es trafen noch mehr Terrorwarnungen beim Innenministerium Sir Otto of Gangbangs ein. Dieser spielte mit dem Gedanken, ob eine kurzfristige Ausnahmeregelung es ermöglichen könnte, das Militär im Inneren einzusetzen. Doch sobald erste Vorkehrungen dafür getroffen wurden, inszenierten randalierende Demonstranten, die sich gegen einen Polizei-.und Überwachungsstaat halbstark machten, eine Spontandemonstration gegen Gangbangs Sofortmaßnahmen. Es gelang den randalierenden Demonstranten trotz ihrer offensichtlichen Gewaltbereitschaft und ihres offen zur Schau getragenen Extremismus‘ die öffentliche Meinung auf perfide Weise zu verführen. Und so schlug dieses Lümmelpack in der düsteren Stunde anschwellender Terrordrohung Gangbangs letztes und effektivstes Mittel aus der Hand. Die nun einsetzende Ohnmacht und Schmach ließ die edle Statue Sir Otto of Gangbangs erzittern. Nie hätte er gedacht, dass ihm solche Gegenkräfte aus den eigenen Reihen in den Rücken fallen könnten. Von nun an waren ihm die Hände gebunden und es blieb ihm nichts anderes übrig, als schaudernd das Geschehen abzuwarten – immer das Bild vor Augen, dass islamistische Terroristen unter Beihilfe – wenn auch indirekte - von Gruppen aus der eigenen Bevölkerung einen listenreichen Anschlag auf das Wertvollste unserer Gesellschaft im Schilde führten und wahrscheinlich zu dieser Stunde durchführen würden.

Die Minuten und Stunden zogen vorbei – es geschah nichts. Dies war wahrscheinlich der Vielzahl inbrünstiger christlich-jüdischer Gebete zu verdanken. In dieser vertrackten Lage konnte man sich nur an höhere Kräfte wenden und Sir Otto of Gangbang hat im Augenblick größter Verzweiflung christlich-jüdische Religionsmänner einberufen. Und Kraft der uralten gemeinsamen christlich-jüdischen Tradition, welche nur in einem kurzen Intervall moderner Verwirrung ausgesetzt hatte, ließ sich das Wunder vollbringen und die höchst reale Terrorgefahr zog vorbei. Terrorentwarnung am Spätnachmittag – Aufatmen.

Am Abend wurde eine Anti-Terror-Konferenz einberufen. Diese gab als Erstes eine Note an die Presse heraus. Darin hieß es, dass die Terrorwarnung von einem Verbindungsmann einer radikalislamischen Terrorgruppe ausgegangen sei. Es handelte sich eventuell um absichtsvolle Irreführung. Man kann die Bösartigkeit von Islamisten ein weiteres Mal bestätigt finden, da diese offensichtlich keine Mühen scheuten, Kosten zu verursachen und Angst und Unsicherheit zu verbreiten. Desweiteren wurde auf der Anti-Terror-Konferenz vorgeschlagen, das Innenministerium in ‚Ministerium für Innere Sicherheit‘ umzubenennen. Auf diese Weise könnten Gegner des Polizei- und Überwachungsstaates darin beschwichtigt werden, dass das Innenministerium im Kampf gegen den Terror keinen internen Umwandlungen unterläge. Das Ministerium für Innere Sicherheit aber könnte mit einschlägigen Maßnahmen, wie die Zusammenlegung von Polizei und Geheimdienst mit erweiterten Befugnissen, Kriegsführung mit Sonderzonen außerhalb des geltenden Rechts, eine effektive Terrorbekämpfung gewährleisten. Und so könnten alle trotz des wach zu haltenden Bewusstseins der Terrorgefahr ganz normal ihrem alltäglichen Leben nachgehen. Die einen, weil ihre persönliche Freiheit gar nicht durch staatsinterne Umwandlungen beeinträchtigt würde und die anderen, weil auf die staatlichen Anti-Terror-Maßnahmen Verlass sei. So könnte schon einmal das Ziel der Terroristen die Bevölkerung zu verunsichern und die Gesellschaft zu erschüttern vereitelt werden.

Sir Otto of Gangbang fasste es so zusammen: "Liebe Bürger, gebt uns im Namen der Terrorbekämpfung einen Freibrief zur Überwachung, Kontrolle und Kriegsführung. Im übrigen stört euch nicht an der Aussicht, dass der ein oder andere von euch in die Luft gesprengt werden könnte.

Um unseren Standpunkt der Freiheit zu behaupten, würden wir jede noch so versteckte terroristische Gesinnung aufspüren und bezwingen, und im Namen der Gefahrenabwehr setzten wir um jeden Preis – sei es auch die terroristische Gesinnung selbst, solange sie nur ohnmächtig bliebe – das äußerste an Gewaltmitteln ein."


IV. Voll Befriedigung dachte Sir Otto of Gangbang an seine prägnanten Worte, während er tüchtig auf seinem Fitness-Rad weiterstrampelte. Hatte er sich nicht nach so einem Tag ein Glas Portwein und eine kubanische Zigarre verdient? Er wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß vom Gesicht. Nach einer langen Dusche trat er frisch aus der Tür des Fitnessstudios. Sein Handy klingelte. Bei einem Anschlag, so erfuhr er, hatte ein Terrorist mit einem Maschinengewehr auf einen Bus voller Soldaten geschossen. Mindestens vier Menschen, darunter der Busfahrer, seien dabei ums Leben gekommen. Kurze Zeit später verkündeten alle öffentlichen Medien: Jetzt sind wir endlich in der Welt realer Terrorgefahr angekommen. Gangbang frohlockte grimmig: "Siehst du wohl, du dummes Volk!" Enthusiastisch schritt er aus und sog die Luft tief in seine Lungen. Dann griff er sich an die Stirn, die er sorgfältig in Falten legte, und murmelte: "Jetzt wird’s Ernst. Jetzt müssen wir uns verteidigen. Freiheit und Demokratie sind bedroht. Meine Aufgabe ist es mein Volk zu schützen." Voll Tatendrang machte er sich kurzentschlossen auf den Weg in sein Büro. Eine Nachtschicht, das war mindestens angebracht.

Schwungvoll öffnete er die Tür zu seinem Büro. Aber, was war das? Anstatt von seiner Sekretärin begrüßt zu werden und seine Mitarbeiter still und fleißig bei der Arbeit zusehen, war sein Büro vollkommen dunkel und ganz still. Nein, auch sein eifrigster Mitarbeiter hatte sich nicht etwa heimlich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. "Was ist denn hier los?", brach es aus ihm heraus. Niemand antwortete. Was sollte er jetzt tun? Ratlos sah er sich um. Hatte er sich getäuscht? Er rief die Bundespresseagentur an. Nein, der Anschlag hatte tatsächlich stattgefunden. Sir Gangbang: "Ja, berührt sie das denn überhaupt nicht?" Die Person am anderen Ende der Leitung wiegelte ab. Er rief seinen engsten Mitarbeiter an und bekam eine verschlafene Stimme am Telefon zu hören. "Was fällt Ihnen ein? Sie Schlafmütze!", kreischte er. "Was wollen Sie zu dieser nächtlichen Stunde. Es gibt auch ein Recht auf Feierabend und Ruhe.", wagte es dieser Schelm zu erwidern. Otto: "Sie kommen sofort hierher!". "Also wenn Sie nicht der Chef wären, würde ich sie für verrückt erklären.", sagte sein engster Mitarbeiter. "Was?!", Sir Otto of Gangbang verstand die Welt nicht mehr, "Ich habe sie für sofort hier einbestellt! Bewegen sie gefälligst augenblicklich ihren Arsch hierher." Um so einen Ausdruck zu benutzen musste es schon schlimm um Sir Otto of Gangbang bestellt sein.

Sein Mitarbeiter würde wohl gleich hier sein. Zwischenzeitlich rief er schon einmal die Polizei an und bekam zu hören: "Aber selbstverständlich, Sir Otto of Gangbang. Die Ermittlungen sind sofort aufgenommen worden. Ehrlich gefragt, was erwarten sie eigentlich?" Sir Gangbang: "Und sie wollen nicht auf die Gefährdungssituation adäquat antworten? Keine besonderen Polizeieinsätze?" "Wie jetzt?", tönte es aus dem Telefon. Es war zwecklos. Sir Gangbang versuchte es noch mit einem vertraulichen Gespräch mit dem BKA, aber da war niemand zu erreichen. Er schaltete seinen Computer an, vor dem er am nächsten Morgen aufwachte.

Der Wind hatte sich gedreht, er wehte, ja stürmte vom arabischen Frühling herüber. Trotz des markanten Anlasses wurde auf vollmundige Beschuldigungen einer Religion, einer Kultur und auf den Ruf nach unerlässlichen Gegenmaßnahmen vorsichtshalber verzichtet. Sir Otto of Gangbang richtete seinen Ärger nun gegen die schwächelnde öffentliche Stimme. Die ausgiebigen Telefonate mit Max boten ihm ein wenig Erleichterung. Insgeheim ärgerte er sich: Nicht einmal in der Beziehung war auf Türken und Araber Verlass.

Ende

hoch

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Genres:
* Prosa * Satire *


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