Frank und der grüne Brotaufstrich

"Iiieehh, was ist das denn ?" Entsetzt zeigte Frank auf eine grau-grüne Masse in einem durchsichtigen Plastikbecher auf dem gedeckten Frühstückstisch. "Das ist Häckerle!" antwortete seine Mutter, die am Herd stand und darauf wartete, dass die Spiegeleier fest wurden. "Das stinkt ja entsetzlich und sieht aus wie schon mal gegessen". "Ach Junge, das ist in kleine Würfel geschnittener Matjes mit Gurke, Zwiebel, Ei und Öl. Dafür hat dein Großvater immer eine Vorliebe gehabt. Ich bin froh, dass ich jetzt auf dem Wochenmarkt einen neuen Stand gefunden habe, wo sie noch selbstgemachtes Häckerle verkaufen". "Aber Opa ist nach dem Essen bestimmt nicht direkt zur Schule gegangen. Da riecht man ja wie eine Mülltonne aus dem Hals. Das kann ich den Anderen nicht antun!". "Dann nimm’ eben die Nuß-Nougat-Creme oder die Salami auf deinen Toast. Die Eier sind auch gleich soweit".

Zu Beginn der 2.Stunde, Deutsch gemäß Stundenplan, platzte plötzlich der Direktor ins Klassenzimmer der 6 A und hatte ein blondes, recht nett aussehendes Mädchen im Schlepptau. Er räusperte sich laut und es wurde zusehends leiser im Raum. "Darf ich mal kurz um ihre Aufmerksamkeit bitten. Ich habe ihnen hier eine neue Mitschülerin vorzustellen. Das ist Svenja Nilsson, die bisher in Rostock lebte und jetzt in unsere Stadt gezogen ist."

"Da der Platz neben Frank noch frei ist, schlage ich vor, dass du dich dort erst einmal hinsetzt", schlug Herr Berndt, der Klassenlehrer, vor. Frank schluckte verlegen und räumte die zweite Tischhälfte frei, auf der er sich aus alter Gewohnheit breit gemacht hatte. Wer hätte gedacht, dass ich heute noch so ein Glück habe, frohlockte er innerlich. Doch während der Deutschstunde kam noch kein näherer Kontakt zustande und in der großen Pause hatte die Neue noch einige Dinge wegen ihrer Anmeldung im Sekretariat zu erledigen. Da in der 3. und 4.Stunde der Sportunterricht stattfand, den die Jungen und Mädchen getrennt absolvierten, trafen sie erst in der 5. und letzten Schulstunde wieder aufeinander. Es war Englisch und da Svenja sich noch nicht das entsprechende Lehrbuch besorgt hatte, schauten sie jetzt gemeinsam in Franks Exemplar und ihre körperliche Nähe machte ihn ziemlich nervös.

Als sie dann nach dem Klingeln, das den Unterrichtsschluss verkündete, ihre Sachen einpackten, berührte Svenja leicht seinen Unterarm und fragte mit ihrer sanften Stimme und ihrem unverkennbaren mecklenburgischen Akzent: "Kannst du mir zeigen, wie ich zum Marktplatz komme? Meine Mutter hat mich heute morgen mit dem Auto von unserer neuen Wohnung direkt zur Schule gefahren und ich habe meinem Vater versprochen, ihm nachmittags noch ein paar Stunden an unserem Stand zu helfen". "Na klar, dass liegt ja direkt auf meinem Weg", log Frank spontan. "Dann bringe ich dich hin und wir können noch ein wenig quatschen".

Beim Schlendern durch die schmalen Straßen der Altstadt war Frank richtig stolz, wenn sich die Passanten nach ihnen umdrehten. Die hielten sie bestimmt für ein Pärchen. Und mit ihren langen, blonden Haaren wirkte Svenja ja auch ein bisschen wie eine Engel. Während er noch so vor sich hin träumte, erreichten sie den mittelalterlichen Marktplatz im Zentrum der Stadt. Er war voller Verkaufsstände und es herrschte ein reges Treiben. Svenja versuchte sich zu orientieren. "Unser Wagen ist blau-weiß und hat einen großen Delphin am Dach!" Im ersten und zweiten Gang auf der Rathausseite wurden sie nicht fündig, doch am Ende des dritten Ganges, in der Nähe des historischen Brunnens, erspähten sie endlich das Gesuchte.

Svenjas Eltern bedienten noch schnell einige Kunden, die vor dem Wagen standen und dann wurden die Beiden mit großem "Hallo!" empfangen. Frank war von der herzlichen Begrüßung sehr überrascht und musterte erst einmal neugierig die Waren durch die Glasscheiben des Tresens. "Ach ihr habt einen Fischstand!" platzte es dann aus ihm heraus.

"Ja genau", entgegnete ihm Herr Nilsson, "jeden Tag ganz frisch, direkt von der Ostsee. Und unsere Spezialität ist hausgemachtes Häckerle. Das musst du unbedingt mal probieren. Du magst doch Häckerle, oder?" "Ja klar," log Frank ein weiteres Mal an diesem Tage ohne rot zu werden, "die Leidenschaft für Häckerle habe ich von meinem Großvater geerbt!".

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Liebe * Alltagsgeschichten *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: