Der Knackpunkt

Richard beugte sich leicht zu dem Klingelbrett neben dem Hauseingang herunter und suchte das eine Namensschild, dessen Buchstabenkombination sein Herz schneller schlagen ließ. Da war es: SCHNEIDER, 5.Etage rechts. Er atmete noch einmal tief durch, schaute auf seine Armbanduhr und bemerkte, dass er 4 Minuten zu früh war. Der Fahrplan, den er im Internet studiert hatte, war also ziemlich genau eingehalten worden. Es war das erste Mal, dass Vanessa ihn zu sich nach Hause eingeladen hatte und er wollte keinen Fehler begehen. Da kam ihm urplötzlich ihre erste Begegnung in den Sinn.

Weil er die Musik von Tschaikowski so liebte, hatte er sich in der Deutschen Oper ein Ballett angesehen und als er nach der Aufführung in einer Bar gegenüber noch ein Bier trank, setzte sich eine junge, blonde Frau neben ihn an den Tresen, da alle Tische bereits besetzt waren. Irgendwann kamen sie dann fast beiläufig ins Gespräch und es zeigte sich, dass Vanessa Schneider, so stellte sich seine Gegenüber vor, in dem Ballett eine der Nymphen gewesen war. Aus dem schnellen Bier gegen den Durst war dann ein anregendes, dreistündiges Gespräch über klassische Musik geworden und seit dem hatten sie schon einige gemeinsame Konzertbesuche in der Philharmonie und dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt unternommen.

Dies sollte nun das erste Treffen in privater Atmosphäre werden. Ein erneuter Blick auf seine SEIKO zeigte ihm, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war und er drückte auf den entsprechenden Klingelknopf. "Ja bitte?" säuselte eine weibliche Stimme in die Gegensprechanlage. "Ich bin’s, Richard Löwenherz!" scherzte er ebenso lieblich in das Mikrofon und wurde mit einem Kichern aus dem knisternden Lautsprecher belohnt. Gleichzeitig ertönte der Summer und Richard stemmte sich mit dem Rücken gegen die Haustür. 5 Stockwerke, kein Fahrstuhl und er hatte eine 4,8 kg schwere Wassermelone unter dem Arm, um die ihn Vanessa als Mitbringsel gebeten hatte. Na toll!

Als er endlich ziemlich atemlos in der obersten Etage angekommen war, stand sie mit umgebundener Schürze und einem hölzernen Kochlöffel in der Hand im Türrahmen. Er deutete eine Umarmung an und sie trat rückwärts in die Wohnung und meinte dabei: "Komm’ doch rein. Das Essen ist auch gleich so weit!" Richard folgte ihr durch den Flur in die Küche und war heilfroh, sich endlich der Melone entledigen zu können. "Geh’ doch schon mal ins Wohnzimmer und schau’ dich ein wenig um!" Er folgte der Aufforderung und steuerte geradewegs auf das Regal mit den CD’s und DVD’s zu. Als er die Hälfte der Sammlung studiert hatte, trat Vanessa in den Raum und platzierte einen dampfenden Kochtopf auf dem Esstisch. "Ich hoffe, es ist dir nicht zu scharf. Das ist ein Rezept, das ich noch nie ausprobiert habe!" entschuldigte sie sich schon im Vorfeld. Doch es schmeckte alles vorzüglich, der Wein passte gut und die Wassermelonenwürfel in Portwein bildeten einen gelungenen Abschluss. Und doch fehlte ihm noch etwas Existenzielles. "Könntest du uns einen Espresso oder Cappuccino machen?" fragte er wie beiläufig. Durch Vanessas Körper ging ein Ruck. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Ihre Stimme klang seltsam aggressiv als sie zischte: " Kaffee ist doch eine Droge und führt zu Abhängigkeit und Bewusstseinsveränderungen. So ein Gift kommt mir nicht ins Haus! Ich kann dir aber gerne noch einen Rosenblütentee machen?" "Nein danke, lass’ mal gut sein", erwiderte Richard, dem die Argumentation zu absurd war. "Aber wir können uns ja noch die CD mit dem 1.Klavierkonzert von Schostakowitsch anhören". Bei diesen Worten hatte er sich aber schon insgeheim geschworen, nie wieder einen Fuß in diese Wohnung zu setzen. Denn auf einen guten Kaffee ließ er nichts kommen. Dazu liebte er den Koffein-Kick viel zu sehr.

hoch

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Genres:
* Prosa * Liebe * Alltagsgeschichten *


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