Ein gewöhnlicher Montag in Nordhessen

Er stand an der Haltestelle und hatte laut Fahrplan noch ganze 12 Minuten auf den 138er Bus zu warten. Die Umgebung bestand aus einer typischen Stadtrandsiedlung mit ihren ewig gleich aussehenden Einfamilienhäusern.

Zum Glück hatte der Regen aufgehört, denn hier draußen hatte man auf das Aufstellen von Wartehäuschen verzichtet.

Während er so sinnend in den grauen Himmel blickte, spürte er plötzlich etwas an seinen Hosenbeinen und als er an seinem Körper herunterblickte, bemerkte er eine kleine, gelb-weiß getigerte Katze, die ihn, angeschmiegt an seine Waden und Schienbeine, umrundete und dabei laut schnurrte. Daran war bestimmt dieser neue Weichspüler schuld, der angeblich den Frühling schon im Februar erwachen ließ.

Er versuchte seine Schuhe möglichst dicht nebeneinander zu stellen, verlor aber dabei das Gleichgewicht und gab im Umfallen dem Kätzchen ungewollt mit seinem starken rechten Fuß einen Tritt, so dass es im hohen Bogen über einen weißen Gartenzaun flog.

Direkt hinter dem Zaun aber stand eine Bank, auf der in einer ockerfarbenen Vase ein großer, bunter Trockenstrauß steckte. Mit Hinterpfoten und Schwanz erwischte das Tierchen einen Teil der konservierten Blütenpracht und dabei fiel das Kleinod zu Boden und zerschellte in hundert Teile.

Ups, wenn das nun jemand gesehen hatte. Er wollte vor Scham am liebsten in einem Loch im Erdboden versinken. Vorsichtig schaute er nach rechts und links die Straße hinunter und sah in einiger Entfernung einen Mann aus einem Seitenweg kommen. Dieser warf etwas Längliches in die Luft, rief ein Kommando und wie aus dem Nichts kam ein Hund angeschossen und apportierte das Stöckchen. Gut, der war noch zu weit weg gewesen und hatte nichts mitbekommen, aber hatte sich da nicht im Haus gegenüber die Gardine im Erdgeschoss bewegt?

In diesem Augenblick sah er den Bus aus Richtung Hofgeismar kommen und kramte eilig in seiner Hosentasche nach dem Portemonnaie. Nachdem er sich erleichtert auf einen Sitz fallen gelassen hatte, blickte er sich noch einmal durch die Heckscheibe des Busses um, aber niemand war auf der Straße zu sehen.

In einer halben Stunde würde er wieder in seinem Büro in Kassel sitzen. Schade das dieser Hausbesuch völlig unnötig war, denn der Auftrag war nicht zustande gekommen und der fein ausgearbeitete Plan somit ins Wasser gefallen.

Der Busfahrer meinte es wohl bei diesem Schlechte-Laune-Wetter gut mit seinen Fahrgästen und schaltete das Radio ein. Aus den Lautsprechern hauchte leise stöhnend Jane Birkin "Je taime!" Unversehens stieg der Fahrer auf die Bremse und lief rot an. Schnell wechselte er den Sender. Schließlich waren halbwüchsige Schulkinder an Bord.

Gegen 12 Uhr betrat er das Architektenbüro in der Holländischen Straße und stieß auf zwei Kollegen, die sich gerade für die Mittagspause fertig machten. "Kommst du mit?" fragte ihn sein direkter Vorgesetzter, der irgendwann mal den Laden übernehmen würde, wenn der Alte in Rente ging. "Im "Druseltal" gibt’s heute Grillhaxen!" "Ok, kann ich machen. Meinen nächsten Termin habe ich erst um 15 Uhr!" antwortete er nach kurzem Zögern. So stiegen sie zu dritt in den Firmen-BMW und erreichten um Viertel nach 12 Uhr die Gaststätte.

Diese war schon ziemlich voll. Scheinbar waren im gegenüberliegenden Gymnasium wieder Stunden ausgefallen. Zahlreiche Jugendliche umlagerten den Flipperautomat. Der Kellner kam mit einem Tablett voller Gläser hinter dem Tresen hervor und bewegte sich auf den runden Tisch am Fenster zu. Dabei musste er an den Schülern vorbei, die gerade lebhaft über den Lauf der Kugel diskutierten und da geschah das Unglück: der Kellner stolperte über einen unachtsam am Boden abgestellten Rucksack, verlor die Kontrolle über seine Ladung und die drei großen Mineralwassergläser flogen im hohen Bogen in Richtung Büffet und zerschellten kurz davor auf dem Parkettboden.

Die Kakerlake Willi, die mittags immer unter dem Büffet auf herunterfallende Krümel und andere Speisreste lauerte, konnte durch einen Sprung zu Seite noch gerade so einer großen Glasscherbe ausweichen. Doch eine hohe Welle stillen Wasser umspülte ihre Beine, riss sie zu Boden und trieb sie auf einen Spalt zwischen den Dielen und der Scheuerleiste zu, in dem sie für immer verschwand.

Gleich neben dem Büffet stand ein elektrisches Yamaha-Keyboard, mit dem sich der Gastwirtssohn abends bei Live-Konzerten begleitete. Dummerweise hatte er es am Vorabend nach der Veranstaltung nicht ausgeschaltet. Als sich nun ein halber Liter Rhön-Quelle über das Instrument ergoss, gab es nicht nur einen sehr hässlichen Klang von sich, dem ein lautes Zischen folgte, nein, es explodierte regelrecht, so dass 9 der anwesenden Gäste mit Brand- und Schnittwunden in das nahegelegene Krankenhaus eingeliefert werden mussten.

Natürlich war "er" unter den Verletzten und dachte nur so bei sich: was für ein Scheißmontag!

hoch

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* Prosa * Alltagsgeschichten *


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