Rotkäppchen und der Wolf (Version 1995)

Heidi hasste ihre roten Haare. Als Kind wurde sie ständig damit aufgezogen und die Schulkameraden riefen Pippi Langstrumpf, Hexe oder Rotkäppchen hinter ihr her. Dazu kamen noch die unangenehmen Begleiterscheinungen wie blasse Haut und Sommersprossen. Nie durfte sie sich mit ihren Freundinnen im Schwimmbad in die Sonne legen, denn nur eine Stunde reichte aus, um ihr den übelsten Sonnenbrand zu bescheren, an dem sie dann tagelang litt. So führte sie in ihrer Kindheit ein sehr zurückgezogenes Leben, verließ kaum ihr Zimmer und steckte ihre Nase so oft es ging in Bücher.

Im Alter von 18 Jahren bekam sie von ihrer Oma das Geld für einen Führerschein geschenkt und kurz nach dem Abitur bestand sie die Prüfung und kaufte sich von dem Rest des Geldes einen 10 Jahre alten Peugeot 205. Anfangs wusste sie nicht so recht, was sie eigentlich mit dem Auto anfangen sollte, denn die Strecke zu ihrem Ausbildungsbetrieb konnte sie auch gut mit dem Fahrrad oder, bei schlechter Witterung, mit dem Bus bewältigen. Ihre Berufsschule lag zwar entgegengesetzt, aber auch sie war schnell und einfach zu erreichen.

Eines Abends, es war ein lauer Spätsommertag, kam nichts Besonderes im Fernsehprogramm und sie verspürte plötzlich Lust, noch ein wenig in der Gegend spazieren zu fahren. Bald hatte sie die nordhessische Kleinstadt, in der sie lebte, hinter sich gelassen und fuhr auf der Bundesstraße in Richtung Norden. Kurz vor der Abfahrt zur Autobahn nach Hannover musste sie auf der zweispurigen Straße an einer roten Ampel halten. Kaum hatte sie an der weißen Linie gestoppt, da hörte sie hinter sich ein dumpfes Dröhnen stetig lauter werden. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihr die Frontpartie eines bulligen, amerikanischen Cabriolets größer und größer werden, bis sie plötzlich ausscherte und sich der Bolide direkt links neben sie stellte. Am Steuer saß ein braungebrannter, blondgefärbter Jüngling mit weit aufgeknöpftem Hawaii-Hemd und ins Haar gesteckter, verspiegelter Sonnenbrille. Neben ihm ein vielleicht 17-jähriges Mädchen im rückenfreien, rosa Top und Hello Kitty Figur auf der schmächtigen Brust. Aus den Lautsprechern des offenen Fahrzeugs drang ohrenbetäubend der Song "Born to be wild", den Heidi aus irgendeinem Grund abgrundtief hasste. Ihre Nackenhaare sträubten sich, sie umklammerte das Lenkrad so stark, dass die Fingerknochen weiß hervortraten und rekapitulierte blitzschnell, was ihr damals der Fahrlehrer zum Thema Traumstart gesagt hatte. Neben ihr röhrte der V8-Motor der Corvette zweimal aggressiv auf. Klar, der Typ wollte seiner Tussi zeigen, wie man mit einem Kavalierstart so `nen kleinen Franzosen "stehen lässt". Aber zufällig steckte im unscheinbaren 205er der 16-Ventiler-Rallyemotor, der so viel Sprit fraß, dass alle Verwandten und Bekannten nur mit dem Kopf schüttelten, als Heidi damals meinte, sie hätte sich in diesen kleinen, weißen Zweisitzer mit den gelb-rot-blauen Zierstreifen verliebt. Er hatte auch nicht sehr viele Kilometer herunter und war relativ preiswert gewesen. Wieder röhrte es links neben ihr auf. Der Bursche wurde scheinbar immer unruhiger und konnte es gar nicht abwarten, dass die Ampel umsprang. Auch Heidi spürte plötzlich eine enorme Anspannung und ihre Stirn produzierte Schweißtropfen, wie sie es sonst nur vom Joggen her kannte. Da leuchtete plötzlich unter dem Rot das erheblich sanftere Gelb auf und sie trat das Gaspedal voll durch. Die vier Antriebsräder des Allradzwerges drehten mit einem gewaltigen Kreischen durch, hinter dem Fahrzeug verflüchtigte sich der Reifenabrieb in Form von anthrazitfarbenen Wolken in den Abendhimmel und der ganze Wagen begann bedrohlich auf dem Asphalt zu schwimmen und nach beiden Seiten auszuschlagen. Während Heidi in die Rückenlehne ihres knochenharten Recaro-Sitzes gepresst wurde und ihr der Vortrieb die Luft nahm, gelang es ihr trotzdem mit den Fingerspitzen in den 2. Gang zu schalten und zehn Sekunden später auch in den 3.. Sie wagte weder auf den Tacho noch in den Rückspiegel zu schauen. Die Landschaft sauste in ihren Augenwinkeln mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit vorbei, durch die Windschutzscheibe erlebte sie das erste Mal in ihrem Leben das Phänomen des Tunnelblicks. Irgendwie hatte sie Angst vor ihrer eigenen Courage, fühlte sich aber gleichzeitig so wohl wie lange nicht in ihrem Leben. Sich jetzt bloß nicht von dem blöden Typen überholen und das schöne Gefühl kaputtmachen lassen. Sie schaltete in den 4. Gang. Bei welcher Geschwindigkeit sollte sie den benutzen? Ach egal, das wird sich zeigen. Wieder machte das Fahrzeug einen spürbaren Sprung nach vorne. Die Schweißtropfen rannen ihr über das Gesicht und sie traute sich kaum zu atmen. Plötzlich ging ein Vibrieren durch die gesamte Karosserie, gefolgt von einem ohrenbetäubendem Knall und einem Geräusch, das an die Kollision der Titanic mit dem Eisberg erinnerte. Antriebslos rollte der Wagen noch 100 m weiter und kam dann zum Stehen. Schwarzer Qualm quoll aus dem Heckteil hervor.

Epilog:

Die Motorwinde ratterte wie die Kette einer Achterbahn, als der Peugeot auf die Ladefläche des "Gelben Engels" gezogen wurde. "Der Motor ist hin, regelrecht explodiert", wandte sich der ADAC-Mechaniker an Heidi. "Schätze mal, das wird ein Totalschaden. Schon erstaunlich, wie die Franzosen einen 300 PS-Motor in so ein kleines Auto hineinbekommen haben. Das ist ein echter Wolf im Schafpelz!" "Wolf ist gut" prustete Heidi plötzlich lauthals los, "denn ich bin das Rotkäppchen wie man sieht" und schüttelte dabei einmal kurz den Kopf, so dass ihre kupferfarbenen Haare durch die Luft wirbelten. Doch der Mann im Overall zuckte nur etwas ratlos mit den Schultern. "Ist schon ein komischer Tag. Erst sitzt man sich den Hintern breit und dann kommen kurz vor Feierabend innerhalb von 5 Minuten zwei Notrufe aus dieser Gegend. 3 km von hier entfernt ist so einem verwöhnten Jüngelchen beim Start an einer Ampel der Motor seiner Corvette ausgegangen und er hat ihn partout nicht wieder zum Laufen gekriegt. Man hat der sich aufgeregt. Ist doch kein Weltuntergang. Und wahrscheinlich war er auch noch selber Schuld." "Ja, Leute gibt’s", erwiderte Heidi mit einem nachdenklichen Unterton, ballte die rechte Hand zur Faust und stampfte dabei einmal mit dem linken Fuß auf den Asphalt.

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* Prosa * Märchen *


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