Der vierbeinige David.

Nina öffnete die Haustür und blitzschnell schoss "Herr Georg", ihr 3-jähriger Schnauzerrüde, durch den Spalt ins Freie. "Halt! Hier geblieben! Ich muss dich doch erst anleinen!" Doch "Herr Georg" war schon bis zur übernächsten Laterne gedüst und hob sein linkes Hinterbein. Nina folgte ihm im Laufschritt, aber als sie an der Laterne ankam, war er schon bis zur Litfasssäule an der nächsten Straßenecke weitergelaufen. Dort setzte er eine weitere Markierung seines Reviers – genau auf ein Werbeplakat, das für ein Mittel gegen Schimmelbefall in Luftbefeuchtern warb.

Es zeigte eine Comicfigur in Form eines Raketenmannes, der in einem solchen kopfüber gelandet war. Wie bescheuert war das denn?

Direkt darüber entdeckte Nina das Plakat eines Möbelgeschäftes: "Geiz ist geil, aber Qualität ist geiler!" lautete die Botschaft und auf dem dazugehörigen Foto sah man einen Mann auf einem Sofa sitzen und neben ihm spross eine riesige Feder aus dem Polster. Bessere Qualität muss man sich erst einmal leisten können, dachte sich Nina und folgte ihrem Vierbeiner um die Hausecke in die Marienstraße. Diese war etwas schmaler und weniger befahren als die Straße in der sie wohnte.

Ihr geliebter Schnauzer hatte inzwischen eine Pappel erreicht und grub mit den Vorderläufen eine Kuhle in die dunkle Erde, die den Baum umgab.


Da es ein schöner Sommertag war, waren bei den Häusern, an denen Nina vorbei kam, fast alle Fenster geöffnet. Besonders die Hochparterrefenster, in die sie mit ihren 1,78 m und auf Zehenspitzen stehend locker hineinschauen konnte, hatten es ihr angetan.

So entdeckte sie auf einer Fensterbank einen violetten Hut aus Plastik, der ständig sinnlose Sätze wie "Habe die Ehre!" vor sich her sagte. Sicher ein Souvenir aus Österreich, dass sich der Besitzer der Wohnung aus dem letzten Urlaub mitgebracht hatte.

In einer Küche sah sie auf einem Gasherd einen Topf mit einer orangefarbenen Flüssigkeit überkochen. Sicher eine Kürbis-/Karottensuppe. Jedenfalls identifizierte ihre Nase den Geruch, der durch das Fenster auf die Straße wehte, als solchen.


Im nächsten Wohnzimmer wurde sie eines Riesenflachbildschirmes gewahr, auf dem die neueste L’Oreal-Werbung lief. Penelope Cruz griff sich ins Haar und teilte es mit einer großen Geste wie einst Moses das Meer. Da konnte man schon neidisch werden. Ninas Haar ging ihr gerade so bis auf die Schultern. Der Werbeblock war zu Ende und der Spielfilm wurde fortgesetzt. Sie erkannte Bruce Willis auf dem Fernseher. Neben ihm explodierte ein Auto und die Wucht der Detonation schleuderte ihn geschätzte 20 m durch die Luft. Da lag er nun benommen auf dem Asphalt eines stark befahrenen Highways. Einige Wagen konnten dem Hindernis im letzten Moment ausweichen, doch die Fahrerin eines Cabriolets war gerade dabei mit ihrem Handy zu telefonieren, sah die am Boden kauernde Gestalt zu spät und legte mit ihrem Auto eine Vollbremsung hin, die 5 cm vor der Nasenspitze des Helden ihr Ende fand. War das nun "Stirb langsam 6 oder 7"? Nina war sich nicht ganz sicher und setzte sich wieder in Bewegung.


"Herr Georg" war inzwischen bei einem Bioladen angekommen und verrichtete sein kleines Geschäft am Hinterrad eines Mountainbikes.


Nina verfiel in einen Trapp und wirbelte dabei die Hundeleine wie ein Lasso durch die Luft.

Ein Bus hielt an der Haltestelle ein paar Meter vor ihr, die mittlere Tür öffnete sich zischend und ein Mann um die 50 sprang heraus. Er hatte noch keine drei Schritte zurückgelegt, als er aufschrie:"Verdammter Mist!" Scheinbar hatte er in einen Hundehaufen getreten, denn er humpelte so komisch herum, ohne sich jedoch augenscheinlich verletzt zu haben. In diesem Moment erblickte er "Herr Georg", der immer noch schwanzwedelnd vor dem Bioladen stand und unüblicherweise auf das Eintreffen seines Frauchens wartete. "Da bist du ja, du Mistvieh!" Mit hochrotem Gesicht und in der Luft herumfuchtelnden Armen stürzte sich der Mann auf den kleinen Terrier, der sich mit einem kühnen Sprung durch den Rahmen des Fahrrades in Sicherheit brachte, dabei aber mit seinen Hinterpfoten das Mountainbike anstieß, so dass es wie in Zeitlupe umfiel und der Lenker dabei direkt auf dem großen Zeh am rechten Fuß des Angreifers landete. Ein lauter Schmerzensschrei gellte gen Himmel.

Nina wich dem auf einem Bein hüpfenden Mann aus, rief ihm über die Schulter noch zu: "Selber Schuld, einen unschuldigen Hund zu verdächtigen!" und schon war sie mit "Herrn Georg" um die nächste Straßenecke verschwunden und gab richtig Gas.

hoch

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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