Die Erbschaft

Als Lutz um die Mittagszeit seinen Briefkasten aufschloss, fand er neben dem Prospekt eines Möbelhauses und dem Flyer eines Pizza-Lieferservice auch einen länglichen, weißen Fensterumschlag vor. Über seiner eigenen Adresse in fetten Lettern stand in kleinen, feinen Buchstaben: RA Hartmut Lücke, Ludwigstrasse 5, 67850 Ladeburg.

Nanu dachte er, was will denn ein Rechtsanwalt von mir? Die Werbung warf er rasch in den Papierkorb, der zu Füßen der Briefkästen stand, dann machte er sich auf den Weg in den dritten Stock, in der seine Wohnung lag.

Statt bis zum Wohnzimmer, wo auf seinem Schreibtisch am Fenster ein eleganter Brieföffner in Form eines Dolches lag, ging er gleich in die Küche neben der Eingangstür und schlitzte im Stehen den Umschlag mit der geriffelten Klingenseite des Messers auf, mit dem er beim Frühstück noch seine Brötchen aufgeschnitten hatte.

Als Betreff stand da: Erbschaft Liselotte Leiter. Lutz machte vor Freude einen kleinen Luftsprung. So ein Geldsegen aus dem Nichts kam ihm in seiner angespannten, finanziellen Lage gerade richtig. Doch beim Überfliegen des Textes verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck wieder. Da stand nichts von Bargeld, da wurde gar keine Summe genannt.


Tante Liselotte, von der in der Familie nur selten und wenn, dann meist hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, weil sie in den 70-iger Jahren mit einem chilenischen Studenten nach Südamerika durchgebrannt war, hatte ihm dann wohl sicher eine Immobilie oder Ähnliches vermacht. Nähere Einzelheiten wollte Rechtsanwalt Lücke mit ihm in seiner Kanzlei besprechen. Der Termin war für den nächsten Dienstag anberaumt worden.


Lutz war sehr erwartungsvoll gewesen, als er mit der Bahn nach Ladeburg gefahren war.

Fast wäre er zu spät gekommen, weil sein Zug zwischen Frankfurt/Main und Mannheim Probleme hatte und es eine glatte Stunde dauerte, bis eine Ersatzlokomotive aufgetaucht war. So hatte er sich vom Bahnhof bis zur Ludwigstraße ein Taxi nehmen müssen, was eigentlich gar nicht in seinem Budget eingeplant war.


Gerade als er vor einem noblen Jugendstilgeschäftshaus aus dem Fahrzeug stieg und sich zwischen zwei geparkten Autos durchquetschen wollte, um auf die andere Straßenseite zu gelangen, pinkelte eine schwarzweiß gescheckte Bulldogge an einen aufwendig verzierten Laternenpfahl, dass es nur so in alle Richtungen spritzte. Lutz sprang blitzschnell hinter die beiden schützenden Karosserien, aber es war schon zu spät gewesen, denn einige Tropfen hatten seine Hosenbeine benetzt. Na toll, dachte er sich. Das fängt ja gut an.


Nachdem er ca. 10 Minuten bei der Sekretärin im Vorzimmer gewartet hatte, kam über die Gegensprechanlage auf ihrem Schreibtisch die Aufforderung ihn herein zu führen.


Lutz betrat ein wenig eingeschüchtert das riesige, mit antiken Möbeln eingerichtete Büro.

Ein älterer, weißhaariger Mann um die 60 stand neben einem riesigen, grünschimmernden Aquarium und hob nur kurz den Blick, um den Ankömmling zu mustern. Dann blickte er wieder voller Begeisterung in das Wasserbecken. „Sie müssen wissen, es ist nämlich gerade Laichzeit und es gibt nichts Spannenderes zu beobachten als die Suche der Fische nach dem idealen Ablageort für ihre Eier“, sagte Herr Lücke, ohne sich umzudrehen.

Lutz hatte inzwischen in einem der Sessel vor dem Mahagonischreibtisch Platz genommen

und hielt es vor Neugierde nicht mehr aus. „Was habe ich denn nun eigentlich von meiner Tante geerbt? Eine Hazienda, eine Plantage oder nur ein Haus?“, platzte es aus ihm heraus.

„Wie kommen sie denn da drauf, junger Mann?“ antwortete der Rechtsanwalt und drehte sich dabei nun endlich zu ihm um. „Nichts dergleichen. Frau Leiter war nur eine einfache Frau, die in Chile nie zu Reichtum gekommen ist. Sie hat ihnen ein Lama vererbt, das schon per Schiff auf dem Weg nach Europa ist. Es müsste in ca. zwei Wochen in Hamburg eintreffen“.


Doch den letzten Satz hatte Lutz gar nicht mehr mitbekommen, denn er war ohnmächtig in dem Sessel zusammengesunken.

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Genres:
* Prosa * Satire *


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