Unverhofftes Wiedersehen.

Es sollte Hartmuts großer Tag werden. Nachdem er monatelang Bewerbungen an die verschiedensten Architekturbüros in der Stadt geschickt hatte, ohne eine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, war vorgestern dann doch noch ein Schreiben von der Firma Bolland & Bolland gekommen, die ihn am heutigen Dienstag um 10:00 Uhr in ihrem Büro in der Schmidt-Hagius-Strasse empfangen wollte.

Hartmut hatte also nach dem Frühstück kurz geduscht, Hemd und Hose noch einmal übergebügelt, eine nicht zu auffällige Krawatte aus seiner Sammlung gewählt und dann seine schon am Vorabend mit allen nötigen Unterlagen gepackte Tasche gegriffen und die Wohnung verlassen.

Als er kurz nach 9:00 Uhr die Treppe zum Bahnsteig des U-Bahnhofes Südstern hinabstieg, nahm er einen üblen Geruch wahr. Hartmut brauchte einige Sekunden bis er die Quelle des Gestanks lokalisieren hatte. Es war ein zerlumpter Mann unbestimmbaren Alters, der umgeben von vielen Plastiktüten auf einer Bank saß und rauchte. Etwas abseits steckten einige andere Fahrgäste ihre Köpfe zusammen und tuschelten. Verstohlen blickten sie zu der Bank herüber, aber scheinbar fehlte ihnen der Mut etwas zu sagen. Hartmut fand das ja ziemlich feige und da er sich in seinem brandneuen, schwarzen Business-Anzug sehr wichtig fühlte und seine Wirkung auf die Mitmenschen gleich mal auf die Probe stellen wollte, stellte er sich breitbeinig vor den Obdachlosen und versuchte mit möglichst ernster Miene und tiefer Stimme zu sagen:

"Würden sie bitte so liebenswürdig sein und ihre Zigarre ausmachen?"

Der vollbärtige, zerzauste Mann auf der Bank sah langsam zu ihm hoch, musterte ihn lange schweigend und fing dann an zu grinsen. "Mensch Hartmut, altes Haus, seit wann trägst du denn solch einen feinen Zwirn? Hat es also doch was gebracht, dass du damals in Mathe bei mir abschreiben durftest?" Hartmut wurde erst weiß, dann rot im Gesicht und wich einen Schritt zurück. Er wollte etwas erwidern, aber gab nur undefinierbare Laute von sich. Von der Gruppe der anderen Fahrgäste vernahm er ein schadenfrohes Kichern.

In dem Augenblick fuhr der Zug in den Bahnhof ein, die Türen öffneten sich zischend hinter ihm und er sprang mit einem Satz in den Waggon, wo er sich erst einmal an eine Haltestange lehnte und sich den Schweiß von der Stirn wischte.

Der Tag fing ja gut an, dachte er sich.

hoch

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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