Falsch?

An einem sonnigen Sonntagnachmittag wollte ich mit Isabelle, einer französischen Freundin die gerade bei mir zu Besuch war, eine Art Stadtrundfahrt mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln machen, da sie schon mehrmals in Berlin gewesen war und deshalb die gängigen Sehenswürdigkeiten kannte, die einem auf den üblichen Sightseeingtouren gezeigt wurden.

In Nordneukölln wohnend fiel meine Wahl für den Start auf den 129er Bus, der am Hermannplatz einsetzte und in westlicher Richtung die Berliner Innenstadt durchquerte, um am Roseneck, im feudalen Bezirk Grunewald, zu enden. So sollte sich Isabelle ein Bild vom sozialen Querschnitt Berlins machen können: vom Migrantenbrennpunkt bis zur heilen Welt des Bürgertums.

Wir warteten also voller Vorfreude an der Haltestelle, wo der leere Bus seine Fahrt begann. Als er endlich kam stürmte ich, meine Monatskarte vorzeigend, die Treppe hinauf zum Oberdeck und besetzte die erste Reihe auf der Türseite vor der Panoramascheibe. Isabelle, die sich ja einen Einzelfahrschein kaufen mußte, kam wenige Augenblicke später ebenfalls auf begehrten Plätzen an. Und schon setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Es ging durch die Pannier- in die Reichenberger Straße, dann führte die Fahrstrecke durch die Ohlauer in die Wiener Straße.

Beim Wechseln der Spur oder dem Anfahren der Haltestellen spürte man das leichte seitliche Schaukeln des Riesen, manchmal knallten Äste direkt vor uns an die Scheibe, wenn die Busspur sehr nahe an der Bordsteinkante entlangführte.

Auf den Kreuzberger Bürgersteigen sah man das gewohnte Bild: Großfamilien spazierten durch den Bezirk, Kleinkinder schliefen in ihren Buggies, während die größeren an einer Eistüte leckten oder einen Fußball vor sich hertrieben. Cafés hatten Tische und Stühle vor die Tür gestellt und Männer saßen daran, tranken Tee, rauchten Wasserpfeife und spielten Backgammon.

Dann fuhr der Bus durch die Oranienstraße und als er an einer roten Ampel halten mußte sprang Isabelle plötzlich auf und entrüstete sich lauthals: "Das darf doch nicht wahr sein!" Ich schaute in die Richtung, in der das sie so sehr Erregende geschah und sah einen Mann, der wütend auf eine Frau einschlug - mit der flachen Hand ins Gesicht. Obwohl sich in der Nähe viele Passanten befanden, schritt scheinbar niemand ein. Sie schienen die Szene nur wie gebannt zu beobachten.

In diesem Augenblick sprang die Ampel auf Grün und der Bus setzt sich langsam wieder in Bewegung. Isabelle stürzte die Treppe hinab und schrie den Busfahrer von der Seite an: "Halt, halt, sofort stoppen! Haben sie denn nicht gesehen?" Das Fahrzeug hatte inzwischen die Kreuzung überquert und wurde scharf abgebremst. Der BVGist schaute Isabelle mit einem drohenden Blick an. "Sind sie verrückt geworden?" entfuhr es ihm. "Machen sie lieber die Tür auf!" schrie sie zurück, was der Fahrer mehr aus Schreck als aus eigenen Willen dann auch tat. Mit einem Satz war Isabelle auf die Straße gesprungen. In dem Augenblick war ich ebenfalls auf dem Unterdeck angelangt und erklärte dem immer noch geschockt wirkenden Fahrer: "Da wurde eine Frau geschlagen". Dann sprang auch ich durch die offene Tür auf die Straße und hörte hinter mir noch seine Bemerkung: "Na und!" Damit schloß er die Tür und gab Gas.

Isabelle hatte inzwischen die Ampelkreuzung überquert und war gerade dabei sich zwischen den Mann und sein Opfer zu werfen. Der Angreifer ließ irritiert seinen rechten Arm sinken. Isabelle nutzte den Moment, wandte sich zu der Frau um und erklärte: "Wir müssen die Polizei rufen und sie müssen ihn anzeigen". Die Angesprochene blickte sie entsetzt an: "Aber das geht doch nicht. Er ist doch mein Mann!" Dieser hatte sich inzwischen gefaßt, packte Isabelle an den Oberarmen und zerrte sie zur Seite. "Hauen sie ab! Das hier geht sie gar nichts an!"

In diesem Augenblick hatte ich die Gruppe erreicht und warf mich auf den Mann, um ihn in den Schwitzkasten zu nehmen, damit er Isabelle wieder losließ. Das passierte dann auch prombt, aber zur allgemeinen Überraschung griff mich jetzt das Opfer an und schlug mit ihrer Handtasche auf mich ein: "Lassen sie sofort meinen Mann los!" Verblüfft ließ ich von ihm ab. Sekundenlang standen wir Vier uns nach Luft schnappend gegenüber und musterten uns feindselig. Auch die tatenlos zuschauenden Passanten schauten nur Isabelle und mich mit mißbilligenden Blicken an. Mein Gehirn durchzuckte die Frage: steht im Koran das man seine Frau schlagen darf ?

Isabelle löste sich als Erste aus der Erstarrung und warf der Ehefrau verächtlich ein "Tu vache!" an den Kopf. Dann packte sie mich am Arm und zerrte mich durch den Kreis der Gaffenden. "Komm", sagte sie nur und in ihrem Ton lag eine unheimlich große Enttäuschung.

hoch

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Genres:
* Alltagsgeschichten *


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