Die Sprache der Farben

Michael faltete abrupt die aufgeschlagene Tageszeitung zusammen und schlug damit hart auf den Couchtisch vor ihm, so dass es heftig knallte und die beiden halbvollen Rotweingläser klirrten.

"Du immer mit deiner verdammten Schwarz-Weiß-Malerei! Nie kannst du eine Zwischenlösung oder einen Kompromiss akzeptieren! Immer musst du deinen Kopf durchsetzen oder alles Andere von vornherein ablehnen!", herrschte er in einem sehr barschem Ton seine ihm gegenüber sitzende Ehefrau Karin an, die heftig zusammenzuckte.

Es ging bei diesem Streit mal wieder um eine Nichtigkeit, die Farbe des geplanten Neuwagens, aber es war typisch für die vergangenen 15 Ehejahre: man konnte sich einfach nicht einigen.

"Schwarz ist doch keine Farbe!", entgegnete Karin ein wenig kleinlaut, "da wird man doch nachts überhaupt nicht gesehen. Und Dunkelblau kannst du auch gleich vergessen!"

"Aber Weiß ist doch viel zu empfindlich", wiederholte sich Michael schon zum dritten Mal, "das hatten wir doch damals schon bei unserem zweiten Opel Kadett festgestellt."

"Ja, aber Rot und Grün sind zur Zeit total out und gelbe Autos hatten wir schon zwei!", konterte nun wieder seine Gattin.

Michael sprang bei diesen Worten auf und bewegte sich hastig in Richtung Wohnzimmertür.

"Weißt du, Schatz, dass wird mir jetzt einfach zu dumm!"

Im Flur schnappte er sich seinen Schlüsselbund vom Haken, riss die Tür zum Treppenhaus auf und ließ sie Sekunden später laut scheppernd ins Schloss fallen. Immer wieder diese Diskussionen. Er war es ja so leid. Nur weil sie vor 3 Jahren ihren Vater beerbt hatte, versuchte sie immer häufiger ihren Willen durchzusetzen und da er selbst vor einem Jahr seinen Job verloren hatte, fühlte er seinen Einfluss auf Entscheidungen, die das gemeinsame Leben bestimmten, weiter schwinden.


Auf dem Parkplatz angekommen schaute er sich kurz um und stellte fest, dass Karin den silbernen Fiat ganz am Ende der rechten Reihe abgestellt hatte. Er stieg ein, ließ den Fahrersitz zwei Raststufen zurückrollen und startete. Er hatte kein eigentliches Ziel, wollte nur raus aus der Wohnung und irgendeine Landstrasse entlang düsen, die Seitenscheiben herunterkurbeln und sich die frische Abendluft um die Nase wehen lassen. Schnell war der Ortsausgang erreicht und er trat heftig auf das Gaspedal. Der Wagen machte einen spürbaren Satz nach vorn, er wurde leicht in die Rückenlehne gepresst und atmete tief durch. Mit dem ausgestreckten rechten Arm aktivierte er den CD-Player in der Konsole. Sofort erschall lautstarker Gitarrenrock der Gruppe ZZ Top aus den vier Lautsprechern und unwillkürlich beschleunigte er abermals. Ja, jetzt fühlte er sich schon wohler. Warum musste man sich denn überhaupt ständig über solche Kleinigkeiten, wie die Farbe eines Autos, streiten? Am besten wäre es sowieso, wenn sie sich einen Zweitwagen anschaffen würden.


Inzwischen war er am Ortseingangsschild der Gemeinde Ohnesorge vorbeigerast, wollte gerade etwas abbremsen, als er im rechten Augenwinkel ein rotes Licht vorbeiflitzen sah.

Nanu, konnte es sein, dass sie in diesem Nest seit Neuestem eine Ampel installiert hatten? Im gleichen Augenblick sah er im Rückspiegel ein Blaulicht aufzucken, das, während er die Geschwindigkeit weiter drosselte, schnell größer wurde und ihn schließlich links überholte.

In diesem Moment wurde aus dem Beifahrerfenster vor ihm eine erleuchtete Kelle herausgehalten. Die Bremslichter des Streifenwagens leuchteten auf und er hielt hinter diesem am Straßenrand. Neben seiner Fahrertür erschien eine grüne Uniformjacke und kurz darauf füllte der Kopf eines Polizisten den Rahmen der Seitenscheibe aus.

"Was kann ich für sie tun, Herr Kommissar?", versuchte Michael den Dialog humorvoll zu beginnen.

"Grün heißt freie Fahrt, Gelb bedeutet Achtung und bei Rot hat ein Fahrzeuge zu halten", erwiderte eine sonore Stimme. "Das ist die Sprache der Farben".

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Genres:
* Prosa * Satire *


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