Als Sybille das Café betrat und sich nach einem freien Platz umsah, kam ihr eine Bedienung entgegen und fragte sie nach der Anzahl der Personen. "Heute ist doch Valentinstag und unser Chef hat als Gag den ganzen vorderen Raum mit Pärchentischen versehen. Das geht genau bis zu dem Bitte-nicht-rauchen-Schild da hinten". "Ich bin allein", antwortete Sybille kleinlaut, erblickte einen freien Tisch neben der Tortenvitrine, schlängelte sich durch den gut besuchten Raum, legte Filzhut und Mantel auf den zweiten Stuhl und warf einen Blick durch die Scheibe auf die verschiedenen Kuchen. Aber irgendwie konnte sie sich für keines der Konditoren-Meisterwerke so richtig erwärmen. Beim Blättern in der Karte stieß sie auch auf verschiedene Eisspezialitäten, denen sie sonst nicht widerstehen konnte, aber jetzt im Februar? Sie war sich unschlüssig. Doch schon stand die Bedienung mit fragendem Blick an ihrem Tisch und Sybille bestellte hastig einen Milchkaffee und ein Schokocroissant.

Während sie darauf wartete schaute sie sich im Café um. An der Wand neben der Garderobe hingen mehrere Tageszeitungen im Ständer. Auf einer der Titelseiten konnte sie in dicken Lettern das Wort Hinrichtung lesen.

In dem Augenblick, als ihr die Jumbotasse und der Teller mit dem Hörnchen auf den Tisch gestellt Wurde, öffnete sich die Eingangstür und ein junger Mann trat ein. Irgendwoher kannte sie das Gesicht. Es kam ihr sogar so vor, als hätte sie es in den letzten Tagen wiederholt gesehen. Leicht zögernd, sich unsicher umschauend, durchquerte der Mann das Café, kam langsam auf ihren Tisch zu, blieb davor stehen und fragte mit einer ruhigen, irgendwie sympathisch klingenden Stimme: " Ist hier noch frei ?" Sybille, die gerade von dem Croissant abgebissen hatte und in deren Mundwinkel sich noch ein Schokoladenkrümel verkeilt hatte, war ziemlich verblüfft, schluckte zweimal und dann platzte es ihr heraus: "Sagen sie mal, verfolgen sie mich ?" In ihrer Nervosität war sie irgendwie automatisch auf diesen Bluff gekommen. Ihr Gegenüber zuckte zusammen, die Verlegenheit war ihm durch und durch anzusehen. "Oh, das ist ihnen aufgefallen? Verzeihen sie, ich wollte nicht aufdringlich erscheinen, aber nachdem ich sie in den letzten vier Tagen in der jeweils gleichen Vorstellung auf der BERLINALE sah, fragte ich mich, ob sie nicht vielleicht auch ein genau so großer Anhänger des koreanischen Regisseurs Kim-Ba Lee sind, wie ich." "Nee, ich hab’ mir diese Filme nur wegen seinem Lieblingsschauspieler Kwon-Tin Chok angesehen, mit dem er seit 2008 auch zusammenlebt. Aber setz dich doch. Ich finde selten jemanden mit dem ich über koreanische Filme reden kann .......".

Und so kam es, dass Sybille am 14. Februar 2011 von ihrem Singledasein erlöst wurde und ihre nächste Urlaubsreise geht ganz bestimmt nach Seoul. Wollen wir wetten ?

hoch

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* Prosa * Liebe *


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