Monster in Amerika

Bill Murray bog mit seinem Yellow Cab von der Bundesstraße 23 in den schmalen Waldweg ein, der ihn direkt zu seinem Häuschen am Ufer des Huronsees führte. Er hatte mal wieder die Nachmittagsschicht von Harry Oswald übernehmen dürfen, weil dessen schwangere Frau keinen anderen Termin für den Entbindungsvorbereitungskurs bekam. Eine bleierne Müdigkeit drang ihm bis in die Knochen und ab und zu spürte er, wie sich seine Augenlider zu senken begannen. Zu Hause wollte er sich aber noch einen Kaffee machen und den Rest der Übertragung des Spiels der Yankees gegen die Sharks anschauen.

Knirschend rollte der Pontiac auf dem Kies neben der Veranda aus. Er stellte das Autoradio, in dem Brenda Lee gerade ihr "Coming on strong" zum Besten gab, und den Motor ab, löschte die Scheinwerfer und stieg aus. Komisch, dachte Bill so sei sich, eigentlich hätte der Bewegungsmelder die Lampe über der rückwärtigen Eingangstür aktivieren müssen. Vielleicht hatte wieder so ein verfluchter Waschbär das Kabel durchgenagt. Die Viecher streunten ja hier in der Gegend herum, sobald die Sonne unterging. Er nahm seinen Rucksack vom Rücken und suchte darin seine MacLight-Stabtaschenlampe, die er immer dabei hatte, falls ihn nachts mal eine Panne auf unbeleuchteter Landstraße erwischen sollte. Endlich hatten seine Finger sie ertastet. Er knipste sie an und führte den Schlüssel ins Sicherheitsschloss. Nach zweimaligem Klicken sprang die Tür nach innen auf . Im gleichen Augenblick hörte er einen lauten Knall in einem der vorderen Zimmer. Etwas musste aus großer Höhe zu Boden gefallen sein und war dabei in tausend Stücke zerbrochen. Mit der linken Hand tastete Bill vorsichtig nach dem Lichtschalter neben der Tür, während er mit dem Strahl der Taschenlampe weiter in den Flur hineinleuchtete. Zwar ließ sich das Hebelchen am Schalter herunterdrücken, doch es passierte nichts. Es blieb dunkel. Mist, das hatte gerade noch gefehlt. Er nahm an, dass er irgendein Fenster offen gelassen hatte und sich nun ein Waschbär im Haus herumtrieb und dabei einen Kurzschluss ausgelöst hatte. Die Hintertür ließ er als möglichen Fluchtweg für den Eindringling offen und trat tiefer in den Flur hinein. Irgendwo im Haus vernahm er ein scharrendes Geräusch, das wie über Holzdielen kratzende Pfoten klang. Plötzlich tauchten im gebündelten Lichtkegel der MacLight knapp über dem Boden zwei giftgrüne, kugelrunde Augen auf. Bill hörte noch einen angsteinflößenden Zischlaut und sah einen großen Schatten auf sich zu robben. Doch bevor er sich die Frage stellen konnte, ob es sich bei dem Tier eher um eine Riesenschlange oder eine Echsenart handeln könnte, dass da urplötzlich vor ihm einen Riesenrachen mit Dutzenden von haifischartigen Zähnen aufsperrte, schnappte der Kiefer auch schon zu und das letzte Geräusch, das Bill wahrnahm war das Zersplittern seiner eigenen Knochen.

Epilog:

Tatsächlich handelte es sich bei dem Angreifer um das 3-jährige Nilkrokodil "Ramses", welches 2 ½ Jahre zuvor vom Ehepaar Convair als niedliches, 50 cm langes Mitbringsel von einer Weltreise in die USA eingeschmuggelt worden war. Als es dann aber langsam zu groß für den Swimmingpool wurde, schenkte man es dem Zoo im privatbetriebenen Vergnügungspark "Monster Island" in Alpena. Doch der machte schon ein Jahr später pleite und entsorgte "Ramses" im Huronsee, da sich kein Kaufinteressent für ihn fand und der örtliche Abdecker nur auf Huftiere spezialisiert war. Etwa 3 Wochen später wurden von einem Großhändler für Bodybuilding-Produkte aus Milwaukee 9 Paletten mit insgesamt 7.500 kg anabolen Steroide im gleichen Gewässer, unweit von East Tawas, versenkt, da er von einem Informanten den Tipp bekommen hatte, dass die örtlichen Behörden bei ihm eine Razzia in den nächsten 24 Stunden durchführen würden. Einen Großteil seiner Präparate hatte er aber illegal in China gekauft und über Kanada eingeführt, so dass er die "heiße Ware" auf diese Weise schnellstens loswerden musste. Das an dieser Stelle mit Testosteron angereicherte Wasser des Huronsees führte bei "Ramses" zu einem außergewöhnlichen Wachstumsschub. Als er am Abend des 23. August von der Seeseite her in das Haus von Bill Murray eindrang, maß er eine Länge von 6,50 m und hatte ein Gewicht von 2.133 kg. Damit war er drauf und dran, sich einen Platz in der erste Liga der amerikanischen Monster zu sichern.

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Genres:
* Prosa * Abenteuer *


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