Verbrechen in der Musenstube

Als die Obermuse Annette am Montagmorgen gegen halb Neun das Gemeinschaftsatelier in der Tellstr. 2 betrat, wunderte sie sich über den kühlen Luftzug, der durch die Räume strich. Statt dem Geruch der alten, aber gemütlichen Möbelstücke oder einer Mischung aus Bier- und Weindunst aus leeren Flaschen, die noch vom Autorenclubtreffen am Abend zuvor stammten, kam ihr eine frische Brise entgegen, wie man sie manchmal morgens am Meer spüren kann. Da stimmt etwas nicht, durchzuckte sie ein Gedanke und Annette stürmte durch den Verkaufsraum in die Küche. Doch hier war alles in Ordnung. Das übliche Chaos wirkte wie ein übergroßes, perfektes Stilleben. Aber beim Blick in die Toilette erkannte sie des Rätsels Lösung: das schmale aber hohe Fenster, das der Belüftung dienen sollte, stand offen. Hatte vielleicht einer der Schreiberlinge vergessen es zu schließen, nachdem er sein Geschäft erledigt hatte? Sie stellte erst einmal ihre Taschen ab, knipste im Atelierbereich den Kronenleuchter an und zog die Jalousie vom Straßenfenster hoch. Und da sah sie die Bescherung ! In der aktuellen Ausstellung an der langen Wandseite zum Nachbarhaus fehlten 3 der 8 Exponate - Bilder aus dem Leben des Katers ADAGIO von Maki. Statt der "Fahrt mit der U-Bahn", dem "Ausblick vom Dach in der Sonnenallee" und der "Brücke über den Landwehrkanal" nur weiße Wand und drei kupferfarbene Nägel. Aus ihrer Tasche angelte Annette ihr Handy und wählte die Nummer von Maki. Doch die ging nicht ran. Danach wählte sie den Notruf der Polizei und meldete einer jungen Beamtin den Einbruch und Diebstahl. "Ich schicke ihnen sofort jemanden vorbei!", versprach die Polizistin am Telefon, aber es dauerte dann doch 90 Minuten, bis drei Zivilfahrzeuge in zweiter Spur vor dem Haus parkten und ihnen fünf Männer entstiegen, von denen einer einen weißen Kittel trug. Er stellte sich als Chef der Spurensicherung vor und bat erst einmal alle Anwesenden sich möglichst nur in einer Ecke der Musenstube zu bewegen, damit er seine Arbeit machen könne. Mit Pinsel und Puderquaste machte er sich erst einmal am Toilettenfenster zu schaffen und pfiff ein paar Mal bedeutungsvoll vor sich hin, um anschließend noch einen Blick auf die Lücken in der Ausstellung zu werfen. Dann wandte er sich seinen wartenden Kollegen von der Kripo zu und meinte: "Bei dem Einbrecher kann es sich nur um ein Kind gehandelt haben, sehr schlank, vielleicht 10 Jahre alt. Darauf deuten jedenfalls die hinterlassenen Fingerabdrücke und Fußspuren hin".

Nachdem noch einige Formalitäten, wie Protokolle und Ähnliches erledigt worden waren, entschied sich ein Teil der Beamten ins Präsidium am Platz der Luftbrücke zurückfahren, während zwei der nahe gelegenen Rütli-Schule einen Besuch abstatten wollten. In diesem Augenblick stürmte eine Frau mittleren Alters wild gestikulierend aus Richtung Sonnenallee heran, die in ihrem Schlepptau einen Fünftklässler hinter sich herzog. Gleichzeitig kam aus Richtung Weserstraße die nichts ahnende Maki angeradelt, die sich über den Menschenauflauf vor der Musenstube wunderte. Die aufgeregte Dame fragte den ihr am nächsten stehenden Beamten: "Wer ist denn hier zuständig? Ich habe heute morgen bei meinem Sohn unter dem Bett diese Bilder gefunden und als ich ihn fragte, wo er sie her hat, erzählte er mir irgendwann zähneknirschend von diesem Laden und gestand, sie hier gestohlen zu haben. Er hat diese Zeichnungen am Wochenende die ganze Zeit durch die Schaufensterscheibe bewundert und als dann am Sonntagabend die komischen Leute endlich fortgingen, hat er sich in den Hinterhof geschlichen, mit einem Draht das Fenster aufgemacht und sich dann durch die Öffnung gezwängt. Es tut mir so leid, aber sie müssen wissen, dass er unbedingt Comiczeichner werden will und diese Katze hat ihm einfach keine Ruhe gelassen. Die findet er sogar cooler als Snoopy".

"Na ja", ließ sich da die Stimme von Maki aus dem Hintergrund vernehmen, "es ist ja noch mal gutgegangen und nichts Schlimmes passiert. Und wenn du willst, kleiner Künstler, kann ich dir ja noch ein paar Tipps geben und wir können mal zusammen etwas zeichnen".

"Au ja, das wäre echt toll, Frau Maki!"

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Krimi *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: