Auf Abwegen

Nele rannte durch den Wald. Als sie an die Weggabelung kam, stoppte sie kurz.

Der Mond verfärbte sich rot und wirkte wie ein riesiger Lampion. Sie drehte kurz den Kopf und lauschte. Scheinbar wurde sie nicht verfolgt, denn es waren keine Schritte zu hören.

Nur der Ruf eines Käutzchens hallte aus der Ferne durch die Nacht. Nele entschied sich für den rechten Weg, denn er führte bergab. Ihn zu nehmen erschien ihr sinnvoller, denn in den letzen drei Tagen hatte sie kaum etwas zu sich genommen und daher fühlte sie sich körperlich schwach und ausgelaugt.


Am ersten Tag der Gefangenschaft hatte man ihr eine Suppe und Orangensaft in den fensterlosen Kellerraum gebracht. Doch kaum hatte sie aufgegessen und ausgetrunken, da fiel sie auch schon in einen langen, traumlosen Schlaf. Daher nahm sie an, dass die Entführer ein Schlafmittel ins Essen oder Getränk gegeben hatten. Also entschloss sie sich, auf weitere Mahlzeiten zu verzichten und schüttete diese, sobald sie allein war, in einen kleinen Abfluss am Boden ihres Gefängnisses. Stattdessen verlangte sie am zweiten Tag von ihrem Bewacher, dass er ihr Äpfel und Bananen besorgte, denn sie erhoffte sich von dem Obst, dass man es augenscheinlich nicht so ohne weiteres mit einem Narkotikum versetzen könnte. Aber erst heute, am dritten Tag des Kidnappings, hatte man ihrer Forderung entsprochen und außer einem aufgewärmten Fertiggericht zwei Granny Smith spendiert.


Während sie talwärts lief, kamen Nele noch einmal die Bilder der Entführung in den Sinn.

Als sie am Freitag gegen 15:30 Uhr die Internationale Schule in der Pestalozzistraße verließ und alleine in Richtung U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße ging, hielt in zweiter Spur ein weißer Kleinbus und die Scheibe auf der Beifahrerseite wurde heruntergelassen. "Entschuldigen sie, junge Dame, können sie uns sagen, wie wir zum Ernst-Reuter-Platz kommen ?" fragte ein junger Mann mit blondem Haar fuchtelte dabei unbeholfen mit einem Stadtplan herum. Nele schlüpfte zwischen zwei geparkten Pkw’s hindurch und wollte gerade mit dem Zeigefinger auf die vorgehaltene Karte tippen, als sie stutzte: denn vor sich hatte sie einen blauen Fleck, in dem das Wort Binnenalster zu lesen war. Aber die lag doch in Hamburg ! In diesem Augenblick wurde die seitliche Tür von innen mit Schwung aufgeschoben, ein Mann sprang heraus und presste Nele blitzschnell einen überriechenden Lappen auf Nase und Mund. Nach wenigen Sekunden gaben ihre Knie nach und sie sackte zusammen. Wie sie in den Wagen gehievt wurde, bekam sie schon gar nicht mehr mit und wie lange die anschließende Fahrt bis zu dem Versteck im Wald gedauert hatte, konnte sie nicht mal vermuten. Jedenfalls war sie irgendwann mit heftigen Kopfschmerzen, auf einer Matratze liegend, aufgewacht. Die Ziffern der SEIKO-Sports 100-Armbanduhr, die Nele vor 2 Jahren von ihrem Schulfreund Shinji zum Abschied erhalten hatte, zeigten 20:23 Uhr.


Es waren mindestens 3 Männer an der Entführung beteiligt gewesen, aber in den letzen Tagen hatte sie immer nur mit ein und demselben Kontakt, dem Entführer, der sie mit Chloroform betäubt hatte und der ihr das Essen brachte und sie zur Toilette führte. Worauf es die Drei abgesehen hatten war klar: sie erwarteten sicher ein hohes Lösegeld. Denn Nele's Vater, Gendo Morita, war der Chef der europäischen SONY-Zentrale.


Urplötzlich lichtete sich der Wald und vor ihr lagen große Felder, die vom jetzt heller scheinenden Mond in ein nächtliches, gelbes Meer verwandelt wurden. In einigen Kilometern Entfernung sah sie einige Lichtpunkte, die scheinbar zu einem Bauernhof gehörten. Nele folgte einer Traktorspur und als sie sich dem Gehöft auf wenige hundert Meter genähert hatte, begann ein Hund laut zu bellen. Im Haus gingen weitere Lichter an und dann wurde eine Tür geöffnet.

Eine männliche Gestalt mit einem Gewehr in den Händen blieb im Türrahmen stehen und versuchte augenscheinlich im Dunkeln etwas zu erkennen. "Hasso, was ist denn los ?" Das Tier gab einen jaulenden Ton von sich und verfiel dann wieder in lautes Bellen, das sich mit dem Rasseln der Kette vermischte, die es an seine Hütte fesselte. Der Lauf der Flinte zeigte genau in ihre Richtung, als Nele in den Lichtkegel der ersten Lampe auf dem Hof trat.

"Bitte nicht schießen!" japste sie völlig außer Atem. Der Hund gebärdete sich wie wild, doch der Bauer senkte endlich das Gewehr. Als er das schmächtige Geschöpf näher kommen sah, atmete er erst einmal erleichtert auf. "Was machst du denn hier mitten in der Nacht ?" rief er laut, um das Kläffen des Hundes zu übertönen. "Ich, ...ich wurde entführt", keuchte Nele "und dann konnte ich meinen Bewacher überwältigen und entkommen. Wir müssen sofort die Polizei anrufen. Sie haben doch sicher ein Telefon, oder ...?" "Ja, na klar. Wir leben ja nicht hinter’m Mond. Komm’ erst mal rein, dann zeige ich dir wo es steht".


Drei Stunden später hielt ein großer, silberner Mazda mit quietschenden Reifen auf der Hauptstrasse und Gendo Morita stürzte in das Polizeirevier von Fichtelberg und schloss überglücklich seine Tochter in die Arme. "Ach Kind, was hab’ ich mir für Sorgen gemacht.

Die Verbrecher hatten sich bei mir gemeldet und morgen sollte die Übergabe des Lösegeldes sein. Aber man ist ja nie sicher, ob sie auch Wort halten und die Geisel wirklich freilassen."

"Wie konntest du denn fliehen?" "Ach, als mir mein Bewacher gestern das Abendessen brachte, habe ich ihn mit einem Judogriff, den mir Shinji mal beigebracht hatte, zu Boden geworfen. Dann habe ich ihm die Edelstahl-Bettpfanne auf den Kopf geschlagen und so richtig nach Bondage-Art gefesselt. Du weißt doch, in Tokio wohnte so ein Freak bei uns im Haus und als ihn die Polizei abholte, verloren sie im Treppenhaus aus dem beschlagnahmten Beweismaterial ein Buch. Aus dem habe ich eine Menge über Seile und Knoten gelernt".

"Aber Nele", erwiderte ihr Vater entgeistert, "du bist doch erst 14 !"

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* Prosa * Krimi *


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