Hoffenster

Blaue Iris. Die Sonne schien auf diese zarten Pflanzen, die so unwirklich sind. "Wie kann ein so dünner Stiel eine so große Blüte tragen, ohne zu zerknicken?" Das Buntglasfenster hatte, trotz einiger zerbrochener Scheiben, nichts von seinem Charme verloren. Hier war er nun wieder, lange nachdem er fortgegangen war. Nun kehrte er zurück, nach dem Tod seiner Mutter. Sein Vater war schon gestorben, lange bevor er sich entschloss, die Stadt auf unbestimmte Zeit zu verlassen. Das war jetzt fünfzehn Jahre her. In dieser zeit hatten sie sich wieder aneinander angenähert, er und sie. Doch für ein Treffen hatte es nicht gereicht. Zu groß waren die Verletzungen, die sie sich gegenseitig zugefügt hatten. Harte Worte, im Streit ausgesprochen. Und dennoch nicht mehr zurückzunehmen. Damit mussten sie leben. Es war das eine Mal zu viel gewesen. Das eine Mal, was alles ändert. Danach war nichts mehr wie vorher gewesen. Er hatte seine Zimmertür hinter sich zugeknallt, seinen Rucksack genommen, ein paar Sachen eingepackt und war gegangen. Sie hatte währenddessen weiter auf ihn, seine Faulheit und sein Versagen geschimpft. Aber war das damals wirklich so schlimm gewesen, um zu gehen und nicht mehr wiederzukommen? Zu jener Zeit hätte er mit Ja geantwortet, aber heute? Im Nachhinein wirkte alles mehr grau als schwarz. Ob seine Mutter das auch so gesehen hat? Immerhin waren sie in den letzten Jahren einander wieder näher gekommen. Beide hatten den Vorfall ausgeklammert und nicht darüber gesprochen. Sie hatten das Vertrauen zwischen sich langsam und vorsichtig wieder aufgebaut, durch Briefe und Telefonate. Immer mit der Angst, zu viel von sich preiszugeben und sich wieder verletzbar zu machen. Es hatte Jahre gedauert, nachdem bereits Jahre in völliger Funkstille vergangen waren, in denen sie beide gelernt hatten, einander zu vergeben. Und jetzt war sie tot und er blieb allein zurück. Natürlich hätte er alles einen Anwalt regeln lassen können. Es gab da kaum Schwierigkeiten, da er als Einzelkind der Alleinerbe war. Doch es zog ihn nach so langer zeit wieder zurück. Er hatte sich ein eigenes Leben aufgebaut, mit Frau und Kindern. Er hatte einen guten Job und ein Haus mit Garten und Hund. Doch es ließ ihn nicht los. Es überraschte ihn, dass sie die Wohnung gekauft hatte. Das hätte er ihr nicht zugetraut. Als er noch dort wohnte hatte sie immer Angst um ihr Erspartes gehabt und es lieber unter das Kopfkissen gelegt anstatt es zur Bank zu bringen. Warum wollte sie diesen Ort bewahren? Für wen? Ihre Enkel hatte sie nie getroffen. Seine Frau war Französin, sie hatten sich in einem kleinen Küstenstädtchen in der Bretagne kennen gelernt, beim Jahrestreffen der Firma. Sie hatte etwas Warmherziges und Magisches. Dennoch war er vorsichtig gewesen. Nach den Erlebnissen mit seinen Eltern war er sich nicht sicher, ein Familie gründen zu wollen. Doch sie hatte ihn überzeugt, langsam und stetig mit Wärme, Fröhlichkeit und Liebe. Seine Kinder waren jetzt acht und fünf. Sie sprachen mit ihrer Großmutter am Telefon. Dank dem modernen Internet hatten sie sich auch schon per Videotelefonie gesehen. Aber getroffen hatten sie sich nie. "Ich habe sie nie gefragt, wer ihr den Computer eingerichtet und ihr beigebracht hat, wie man ihn benutzt." Hinter ihm erschien Herr Skotzki, der Notar, und riss ihn aus seinen Gedanken. "Ich habe jetzt die Schlüssel von der Verwaltung. Wenn sie mir bitte nach oben folgen würden?" Er blickte vom Fenster im Hausflur, dass er versunken betrachtet hatte, auf, nickte Herrn Skotzki zu und stieg die Stufen hinauf.

Als er wieder nach unten ging, blieb er zum zweiten Mal an diesem Tag von dem Fenster stehen. Diesmal betrachtete er jedoch nicht die Details im Buntglas, sondern blickte auf den Hof. Oft hatte er früher hier am Fenster gestanden und hinunter geblickt. Der Hof hatte sich kaum verändert. Es standen immer noch Fahrräder und Mülltonnen dort. Auch die hölzerne Bank neben dem Stückchen Wiese gab es noch, sowie den kleinen Sandkasten. Er fühlte sich in seine Kindheit versetzt. Damals, als in seiner Familie noch alles in Ordnung gewesen war, bot der Innenhof einen sicheren Platz zum Spielen für die Kinder der zwei Häuser. Sie waren Piraten und Indianer, Polizisten und Cowboys gewesen und nichts konnte ihre Welt trüben. Später dann, als einige der Kinder weggezogen waren und er für seine Hausaufgaben immer öfter in seinem Zimmer bleiben musste, hatte er den anderen Kindern durch dieses Fenster sehnsüchtig beim Spielen zugesehen. Noch später schämte er sich für seine Familie. Sein Vater war laut und unbeherrscht geworden und immer öfter hatten sich die Nachbarn beschwert. Von da an hatte er nur noch verstohlen und heimlich aus dem Fenster geblickt und den anderen zugesehen. Er fühlte sich allein. Das besserte sich auch nicht, nachdem sein Vater gestorben war, denn nun sahen ihn die anderen mitleidig an. Das wollte er nicht und er ging nun immer schnell am Fenster vorbei, um sie nicht draußen sitzen sehen zu müssen. Dann kam der Tag, an dem er ging. Er warf einen Blick durch das Fenster und wusste nicht, ob er das jemals wieder tun würde. Auch an jenem Tag schien die Sonne hindurch und ließ die Blumen fast lebendig werden. Damals hatte er sich auch gefragt, wie dieser so dünne Stiel eine so schwere Blüte tragen konnte. Heute wusste er es, denn der Stiel war stark und die Blüte sah nur auf den ersten Blick so schwer aus. Die Blume wuchs und der Stiel wurde mit der Zeit stark genug, die Blüte zu tragen. Er hatte sich entschieden. Er würde die Wohnung vorerst behalten. Seine Frau und seine Kinder könnten so sehen, wo und wie er aufgewachsen war. Seine Mutter hatte alles aufgehoben und er freute sich darauf, alte Fotos von seinen Eltern und sich zeigen zu können. Herr Skotzki hatte ihm einen Brief gegeben, den seine Mutter vor ihrem Tod an ihn geschrieben hatte. "Sie hat sie sehr geliebt", sagte Herr Skotzki. "Ich sie auch", erwiderte er. "Wir haben es nur leider nicht geschafft, uns das zu sagen." Er blickte noch einmal auf die Iris und war froh, wieder zu Hause zu sein.

hoch

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten * Melancholisches *


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