Verbrechen in der Musenstube

Das Klavier bemerkte es als erste. Immerhin gehörte er praktisch zu ihr. "Wo ist mein Klavierschemel?", fragte sie die anderen Möbel. Die Autoren hatten gerade abgeschlossen, das Licht war aus und langsam erwachten die Gegenstände in der Musenstube zum Leben. "Was ist denn los?", gähnte das Sofa. "Ich fühle mich so platt. Immer sitzen drei Menschen auf mir drauf und die Stühle werden nie alle benutzt. Aber jedes Mal ich." "Ach, sei doch still!", entgegnete die Tür. "Ihr seid doch wenigstens alle im Warmen. Bei mir ist immer eine Seite kalt." "Na, na, das stimmt auch nicht. Hier drinnen ist es nur selten wirklich warm. Im Sommer ist es hier drinnen meist sogar kälter als draußen", erwiderte der grüne Sessel. "Genau!", quakte sein Zwilling hinterher. "Ach nun seid doch still und helft mir lieber beim Suchen. Schemel, wo bist du?", rief das Klavier. "Hier in der Küche ist er jedenfalls nicht", antwortete der Korbsessel. "Hier stehen nur Tresenhocker und ich." "Dann frage doch mal weiter." Doch auch im Zwischenraum und im Toilettenzimmer konnte niemand den Schemel entdecken. Das Klavier, das Sofa und die Schränke waren zu schwerfällig, aber die anderen Möbel, insbesondere die Stühle, bewegten sich leichtfüßig durch die Räume und suchten den Klavierschemel. Kein Erfolg.

Zunächst wurden die Autoren, die als letzte Menschen vor Ort gewesen waren, verdächtigt. Allerdings fiel nach einiger Zeit dem alten Holzstuhl mit den drei breiten Querstreben als Lehne auf, dass in dem einzelnen Fenster zur Tellstraße hin ein kleines Loch war. Gerade so groß, dass eine menschliche Hand hindurch passen würde. "Was ist denn das?", fragte er das Fenster. "Ist das normal?" "Nein", flüsterte das Fenster, "es tut auch ganz schön weh. Letzte Nacht war es noch nicht da. Ich habe es vorhin, als ich aufwachte, bemerkt." Daraufhin versammelten sich die Möbel vor dem Fenster, sogar das Klavier und das Sofa bewegten sich, um das Loch in Augenschein zu nehmen. "Damit sind die Autoren als Verdächtige ausgeschieden", entschied das Klavier. "Wozu bräuchten sie denn ein Loch im Fenster? Sie haben doch einen Schlüssel." Dem Sofa gefiel das nicht, da es immer am meisten unter den Autoren zu leiden hatte, aber dieser Argumentation musste es zustimmen. "Damit sind wir leider wieder am Anfang. Denn Schemel ist nicht mehr hier drinnen, also muss er draußen sein", sagte der Drei-Streben-Stuhl. "Scharf kombiniert Watson. Wir kommen hier aber nicht raus. Es passen nur wenige von uns alleine durch die Tür. Außerdem: Wo sollen wir anfangen zu suchen?", meinte der Korbsessel. "Wir brauchen jemanden, der klein und wendig ist, um auf der Straße nicht aufzufallen. Jemanden, der mutig genug ist, allein nach Schemel zu suchen", beschloss das Klavier. "Ich würde ja selbst gehen, aber wie Korbsessel schon richtig festgestellt hat, passe ich nicht ohne menschliche Hilfe durch Tür. Also, wer meldet sich freiwillig?" Fünf Minuten lang war alles in der Musenstube still. Jedes Möbelstück und jeder Gegenstand hatte Angst davor, alleine nach draußen zu gehen. Dort war keiner von ihnen bisher gewesen. Denn als Persönlichkeiten waren sie alle erst in der Musenstube aufgrund der vielen Kreativitätspartikel aufgewacht. Doch dann kam aus der Klavierecke eine zarte Stimme: "Ich mache das." "Wer?" "Na ich", sagte die kleine Handtrommel. "Ich kann Krach machen, um eventuelle Angreifer zu verwirren und bin nicht sehr groß. Ich sollte also kaum auffallen." "Das ist sehr mutig von dir", dankte das Klavier. "Tür, lass sie durch." Es knackte, das Schloss quietschte leise und die Tür öffnete sich. Die kleine Trommel wagte sich vorsichtig auf die Straße. "Hier an der Wand neben Fenster, direkt auf Höhe des Loches sind Holzsplitter in hellbrauner Farbe. Vielleicht sind diese ja von Schemel?" "Ganz sicher", murmelte das Klavier. "Er wird sich gewehrt haben." Lauter sprach sie: "Folge der Spur, Trommel. Wenn wir Schemel gefunden haben, können wir ihn wieder zurückholen."

Die kleine Trommel fand den Klavierschemel am U-Bahnhof Kottbusser Tor. Ein Bein war ihm abgebrochen worden und lag drei Meter weiter in einer Ecke. "Hallo Trommel", sagte er mühsam. "Hey, was ist denn mit dir passiert?" "Ein schwarz gekleideter Mann ist durch Fenster gestiegen und hat mich mitgenommen. Das war heute Morgen, als wir alle wieder eingeschlafen sind. Ich habe es nur am Rande mitbekommen, da ich noch nicht ganz eingeschlafen war. Und erst vor kurzem bin ich dann hier in diesem Zustand wieder aufgewacht. Das tut sehr weh." "Warte hier. Ich hole jemanden, der dich von hier wegbringen kann." "Nein! Bitte bleib. Lass mich nicht allein. Wenn du mein Bein mitnimmst, können wir den Rückweg vielleicht gemeinsam schaffen." "Na gut, aber schön vorsichtig."

Sie kamen sehr langsam, aber stetig voran und zur Morgendämmerung erreichten sie die Musenstube. Dort waren alle voller Sorge um sie beiden. "Da seid ihr ja." "Der Muse sei Dank." "Endlich!" "Geht es euch gut?" Alle Möbel riefen durcheinander. "Was ist denn eigentlich passiert?", fragte das Klavier aufgeregt ihren Schemel. Dieser erzählte die Geschichte noch einmal. "Was wollte der Mensch denn bloß von dir?", wunderten sich alle, doch sie kamen nicht darauf. Als sie die ersten Schritte in Richtung Tür hörten, erstarrten die Möbel wieder und warteten ab. Der Schemel stand wieder am Klavier in der Ecke. "Guten Morgen", sagte Annette. "Na, seid ihr wieder durch die Musenstube gewandert?" Dann begann sie, sich einen Kaffee zu machen, um danach mit der Arbeit an dem neuen Fanzine über die Musenstube zu beginnen. "Nanu?!", sagte sie, als ihr Blick im Vorbeigehen auf den Klavierschemel fiel. "Bei dir ist ja ein Bein abgebrochen. Das haben wir gleich wieder." Sie holte Holzleim, nahm das Bein und den Schemel und setzte sich an den Malertisch. "Ach, hier in deiner Mittelstrebe ist ja ein Hohlraum. Aber da ist nichts drin. Nur eine kleine abgerissene Ecke von einem Blatt Papier. Schon leicht vergilbt. So, jetzt wollen wir dich mal reparieren." Gesagt, getan.

Als die Möbel am Abend wieder erwachten, war nicht nur der Schemel wieder hergestellt. Auch die Fensterscheibe war repariert worden. Im Laufe des Tages hatten nämlich ein paar Jungs auf der Tellstraße Fußball gespielt und die Scheibe getroffen. Erfreulicherweise konnte der Glaser das noch am selben Tag beheben. Dadurch war Annette und den anderen Musen nicht einmal aufgefallen, dass in der Musenstube ein Verbrechen stattgefunden hatte. Nur die Möbel und die anderen Gegenstände wussten davon. Doch was für ein Schriftstück sich in Schemels Mittelstrebe befunden hatte und warum der Dieb es gestohlen hatte, das haben sie nicht herausfinden können. Aber seitdem steht die Trommel am Fenster und hält Wache, um die anderen warnen zu können, sollte wieder einmal jemand versuchen, unerlaubt in die Musenstube zu gelangen.

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Fantasy * Krimi *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: