Der Wochenendtrip

Die Sonne brannte schon seit Stunden auf Susannes Kopf. Warum hatte Sie sich nur zu diesem Ausflug überreden lassen?

Ein Wochenendtrip nach Ägypten, zum Tal der Könige und den Pyramiden. David war so begeistern gewesen. Endlich mal was für ihn: ein Ausflugsziel ins Herz seiner Studien. Susanne konnte ihm sowieso immer nur schwer etwas abschlagen. Also hatten sie kurzerhand ihre Sachen gepackt und den Kurztrip gebucht.

Am nächsten Tag nach circa sechs Stunden Flug mit einem Zwischenhalt in Prag in einem völlig überteuerten Flug der SparAir mit Abflug um 1 Uhr morgens hatte Susanne sich kaum noch bewegen können. Doch David trieb sie zur Eile. Der Betreuer hatte sie vom Flughafen in Kairo abgeholt und wollte sie direkt zum Tal der Könige bringen, denn bei nur zwei Tagen und einer Übernachtung inklusive An- und Abreise mussten sie sich wirklich sputen. Gerade als sie Gruppe das Flughafengebäude verlassen wollte, landete ein Raketenmann kopfüber im Luftbefeuchter an der Heizung.

"Warum brauchen Sie denn hier in Ägypten überhaupt eine Heizung?", fragte Susanne den Betreuer, der sich als Samir vorgestellt hatte, "ist es hier denn nicht warm genug?"

"Ja", antwortete Samir, "wir bräuchten eigentlich keine Heizung. Leider ist sie mit der Klimaanlage gekoppelt, da es sich um ein tschechisches Fabrikat handelt. Der Bauleiter wollte Kosten sparen. Deshalb nutzen wir Sie zur Halterung der Luftbefeuchter, da den Touristen unser Klima meistens zu trocken ist."

In der Zwischenzeit hatte sich der Raketenmann aufgerappelt und David erkannte das Jetpack auf seinem Rücken.

"Kommt es öfter vor, dass hier jemand sein Spielzeug ausprobiert?", fragte er.

"Ach", antwortete Samir, "das ist nur Yussuf. Er ist Erfinder und sein größter Traum ist es, einmal zum Mond zu fliegen. Er hat leider ziemlich altmodische Ansichten, was die Entfernung dorthin angeht. Daher probiert er es regelmäßig."

Zwei Flughafensicherheitsbeamten hatten Yussuf zwischen sich genommen und eskortierten ihn nach draußen. Auf die interessierten Blicke seiner zwei Schützlinge ergänzte Samir: "Keine Sorge. Er wohnt hier um die Ecke. Er wird nach Hause gebracht und ihm wird nur die Reparatur für das Fenster in Rechnung gestellt."

Nach diesem Intermezzo begaben sich die drei endlich nach draußen und führen mit dem Taxi bis zum Grab des Tut-Ench-Amun.

Nach zehn Stunden im Tal der Könige angekommen, verbrachten Susanne und David den Rest des Tages damit, sich die Hieroglyphen und Grabbeigaben in den uralten Gräbern anzusehen. Samir war ein exzellenter Betreuer. Er sorgte dafür, dass Sie nie lange warten mussten und erzählte viele interessante Details.

Die drei Stunden zur Besichtigung gingen schnell vorbei. Dann konnte Susanne sich endlich wieder auf den Rücksitz des Taxis, mit dem sie bereits gefahren waren, fallen lassen, denn Fahrer und Betreuer waren das ganze Wochenende über für Susanne und David zuständig. Sie würden auch alle im selben Hotel nächtigen, damit beide Tage voll ausgenutzt werden könnten und sie keine Zeit verlieren würden.

Doch im Taxi war etwas anders: Susanne saß nicht auf einem normalen Auto-Rücksitz, sondern auf einem richtigen Sofa mit Arm- und Rückenlehnen. Es hatte blaue Polster, die mit einem Blümchenmuster verziert waren und nach neuem Stoff rochen. Sie tauschte mit David einen vielsagenden Blick, während Samir im vorderen Bereich mit dem Fahrer stritt.

"Was ist denn los?", fragte David völlig erschöpft, "können wir fahren?"

"Ja ja", antwortete Samir, "mein Cousin hat das Sofa neu beziehen lassen. Nur leider in der falschen Farbe: Ich wollte grün statt blau. Aber jetzt müssen wir es wohl so mitnehmen, denn meine Cousine wartet schon darauf. Sie sitzen bequem?"

Susanne nickte nur müde und sie führen los. Bei den rumpelnden Bewegungen fiel Susanne bald in einen leichten Schlaf. Sie träumte, sie war wieder im Flugzeug und der violette Hut der Dame auf dem Sitz vor ihr erklärte ihr alle Details der Gräber im Tal der Könige.

Nach fünf Stunden Fahrt kam die Gruppe schließlich im Hotel in einem kleinen Dorf mitten auf dem Land in der Nähe von Minya an. Susanne wurde sanft von David geweckt und sie stolperten auf ihr Zimmer, um sich kurz frisch zu machen. Anschließend gingen die zwei ins Hotel-Restaurant, das sogar um 2 Uhr nachts warme Küche anbot. Auch Samir und ihr Fahrer waren schon im Restaurant.

"Kommen Sie, kommen Sie, wir essen gemeinsam. Meine Cousine kocht wunderbar. Sie ist hier die Chefköchin. Heute gibt es Suppe. Die haben wir uns verdient, denn das Sofa steht schon in Ihrem Wohnzimmer im Nachbarhaus."

Mit diesen Worten führte Samir die beiden in die Küche. Er stellte ihnen seine Cousine vor und zeigte stolz die Töpfe. Gerade als Samir einen Blick auf ihr Essen werfen wollte, kochte der Topf mit der Kürbis-Karotten-Suppe auf dem Gasherd über. Er bekam einen Spritzer Suppe direkt ins rechte Auge und schrie laut auf. Susanne verstand nicht, was er sagte, aber es klang sehr fluchend. Seine Cousine, der Fahrer und die anderen anwesenden Einheimischen kamen herbei und wollten Samir helfen. Dadurch wurden Susanne und David zurück in den Speiseraum gedrängt. Eine halben Stunde später wurde ihnen dann die Suppe serviert und sie konnten endlich etwas essen. Dieses war im Preis für den Kurzurlaub selbstverständlich nicht enthalten. Nach dem Essen scheucht die Köchin die beiden mit Gesten auf ihr Zimmer. Todmüde fielen sie sofort in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen wurden sie um 6 Uhr mit lautem Klopfen geweckt. Der Fahrer stand in der Tür und mit Händen und Füßen verständigten Sie sich, dass Susanne und David zum Frühstück kommen sollten. unten stand ein junger Mann an ihrem Tisch vom Vorabend.

"Ich Karim, Samir Cousin. Ich heute Betreuer, Samir krank. Schnell essen, losgehen", sagte er.

Während er redete, brachte die Köchin den beiden je eine Tasse Kaffee. Da griff sich Karim ins Haar und teilte mit großen Gebärden den Kaffee in Susannes Tasse.

"Hast du das gesehen?", fragte diese David völlig entgeistert.

"Nein, was denn?", antwortete dieser noch total verschlafen.

Gerade als Susanne antworten wollte, explodierte draußen auf der Straße ein Auto. Susanne erschrak, duckte sich unter den Tisch und zog David mit sich.

"In Deckung!", schrie sie dabei.

Nach einem kurzen Moment blickten die beiden vorsichtig unter dem Tisch hervor. Karim sah sie neugierig an. Auch die anderen Einheimischen, sie waren noch immer die einzigen Touristen in den kleinen Hotel, schauten verwundert drein.

"Sie Angst?", fragte Karim.

Susanne und David nickten.

"Sie keine Angst!", sagte Karim nachdrücklich, "normal."

"Was, das ist normal?", erstaunte sich Susanne. "Da ist gerade ein Auto explodiert und sie sagen, das ist normal?" Langsam mischte sich Panik in ihre Stimme.

David versuchte, sie zu beruhigen. "Schatz, wenn das hier normal ist, sollten wir jetzt schnell was essen. Dann fahren wir ja weiter."

An Karim gewandt fragte er: "Essen und dann fahren wir weiter zu den Pyramiden?"

"Ja", antwortete dieser, "essen, fahren, Pyramiden, Flughafen. Kaffee?"

"Ja gerne, vielen Dank."

Mit diesen Worten kam David unter dem Tisch hervor und nahm Susanne mit. Nachdem sie gegessen hatten, ging es dann auch sofort mit dem Taxi weiter.

Vier Stunden später stand die Gruppe vor den Pyramiden von Gizeh. David war beeindruckt. Es war schon immer sein Traum gewesen, einmal die Pyramiden zu sehen. Auch Susanne war anfangs begeistert. Doch schnell stellte sich heraus, dass Karim in keinster Weise ein so guter Betreuer wie Samir war. Sie standen jetzt schon seit Stunden vor der großen Pyramide in der Sonne und warteten. Immer wieder konnten andere Reisegruppen die Pyramide besichtigen, aber Susanne und David durften nicht hinein.

So saß Susanne in der sengenden Sonne und sinnierte über die Merkwürdigkeiten ihres Kurzurlaubes. David war keine große Hilfe, denn er vertrieb sich die Wartezeit mit der Lektüre seines extra-dicken Reiseführers mit lauter Einzelheiten über Ägypten.

Endlich, nach drei Stunden Warten, kam Karim wieder und betrat mit Susanne und David die große Pyramide. Leider mussten sie sich nun schon wieder beeilen, um am Abend noch rechtzeitig ihren Flug zurück nach Berlin zu erwischen. Das Gehetze als Besichtigung war alles andere als lustig. Sie konnten sich kaum umsehen und Karim kannte auch nur wenige interessante Erklärungen.

Auch die Taxifahrt zum Flughafen am Ende ihrer Tour wurde entsprechend hektisch. Kurz vor der Boardingzeit kam der Flughafen erst in Sicht. Dort angekommen, legte das Auto eine Vollbremsung hin. Susanne und David sprangen aus dem Taxi, verabschiedeten sich mit einem kurzen Nicken über die Schulter und rannten zu ihrem Gate. Zum Glück hatten sie ihre Tickets schon zu Hause ausgedruckt und, da sie nur zwei kleine Rucksäcke als Gepäck hatten, bereits eingecheckt. In dem kleinen Hotel ohne viel moderne Technik hätten sie auch schlecht über das Internet einchecken und sich die Bordkarte ausdrucken können.

Die Stewardess wollte das Einsteigen gerade beenden, als Susanne und David völlig außer Atem vor ihr zum Stehen kamen.

"Nach Berlin?", fragte sie und beide nickten heftig. "Okay, aber nur, weil ich heute so gute Laune habe und Sie schon völlig fertig aussehen. Ihre Bordkanten und die Pässe bitte."

David reichte ihr beides und sie ließ sie durch die Absperrung. Auf dem Weg zur Flugzeugtür trat Susanne in der Gangway in einen Hundehaufen.

"Na das fehlte mir gerade noch", murmelte sie, doch David hörte es nicht. er war bereits zum Flugzeug gerannt und verstaute ihre Rucksäcke in den oberen Gepäckfächern. zum Glück gab es für beide noch zwei Plätze nebeneinander.

Nachdem der Start erfolgt war und sie ihre Flughöhe erreicht hatten, kratzte Susanne sich mit einem Taschentuch aus ihrem Rucksack die Reste des Hundehaufens von ihren Schuhen. Dann sah sie David an und sagte: "Nie wieder buchen wir spontan von heute auf morgen einen Wochenendtrip irgendwohin. Demnächst möchte ich vor einer Reise mehr Informationen als ‚Super Preis: Hotel, Betreuung, Taxi und Eintritt inklusive. Flug und Verpflegung extra‘!"

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* Prosa * Abenteuer *


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