Der Bankraub

Planung

Es klopfte an der Tür. Julia sah vom Tisch, der mit mehreren Karten und Plänen bedeckt war, auf: "Herein!" Die Tür ging knarrend auf und Franka trat in das kleine Pensionszimmer. Julia bedeckte die Karten mit den Händen und sagte erstaunt: "Du wolltest doch erst zum Abendessen eintreffen!?" "Ach, und da dachtest du dir, du suchst dir schon mal einen guten Weg, um mich morgen abzuhängen? Keine Chance!", erwiderte Franka säuerlich, "das könnte dir so passen! So leicht haut mich niemand übers Ohr!" "Was ist denn los? Warum bist du so gereizt? Klar sehe ich mir schon mal die möglichen Wege an, wie vereinbart! Eine Bank ist schließlich kein normales Haus. Ganz zu schweigen von dieser Bank." "Du willst mich doch bloß ausbooten und den Bullen als Sündenbock überlassen", schrie Franka, "aber nicht mit mir. Der Deal ist geplatzt!" Wutentbrannt verließ sie das Zimmer, stiefelte den Flur entlang und die Treppe hinab.

Julia stand fassungslos im Raum. "Was hat die denn auf einmal gestochen?", fragte sie sich. Nach einem kurzen Moment in Schockstarre lief sie Franka hinterher. "Warte!" "Nein. Ich habe genug gewartet!" "Aber was ist denn auf einmal los? Gestern Abend war doch noch alles super: Der Plan stand fest und wir waren uns einig." "Gestern, gestern... Gestern wusste ich ja auch noch nicht, dass du und dein Wiesel von Freund mich ausbooten wollt." "Was soll denn das jetzt? Jeder von uns hat seinen Anteil zu leisten und zu erhalten. So war es ausgemacht und ich stehe auch weiterhin dazu. Ich sehe überhaupt keinen Grund, dich in irgendeiner Form ausbooten zu wollen. Fünf Millionen für jeden sind doch völlig gerecht. Und nenn‘ ihn nicht meinen Freund! Fred ist nur jemand, den ich manchmal für bestimmte Aufgaben hinzuziehe. Wir wissen beide, dass es leider ohne ihn und seine Kenntnisse diesmal nicht geht." Nachdem Julia ihre Ausführungen beendet hatte, war es für einen Moment still. Franka schien zu überlegen. Dann erwiderte sie: "Aber ich habe es doch gestern nach unserem Treffen selbst gehört. Ihr habt euch für hinterher verabredet und wolltet die däämliche dritte sitzen lassen. Damit ihr die Kohle nur noch unter euch aufteilen müsst." "Das kann gar nicht sein!", sagte Julia, "Ich bin direkt nach unserem gemeinsamen Treffen los. Da musst du was falsch verstanden haben. Bitte, hier im Flur kann uns jeder hören. Wir sollten leiser sein. Komm‘ mit ins Zimmer und wir klären das."

Durchführung

Fred stand nach Schweißausbrüchen und Angstzittern exakt 23 Minuten und 46 Sekunden nach dem ursprünglichen Zeitplan endlich doch noch vor der Tür des Haupttresors. Er hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt. Nachdem Franka überraschend aufgetaucht war, hatte Julia keine Zeit mehr gehabt, ihren Plan auszutüfteln und stattdessen den Rest des Tages damit zugebracht, Franka zu beruhigen. Ihm sollte es recht sein. Letztendlich war es sowieso egal. Sobald sie Franka der Polizei ausgeliefert hätten, würde er auch noch Julia los werden und könnte statt nur fünf die vollen fünfzehn Millionen sein eigen nennen. Er setzte den Super-Lauscher4000 auf die Tresortür.

Trotz modernster Technik bei den äußeren Sicherheitssystemen, hatte die Schweizer Diamant-Bank in ihrem Herzstück auf gute alte Tresortüren gesetzt. Selbstverständlich war ein anderweitiges Reinkommen unmöglich. Julia hatte es ausgekundschaftet. Die Tresorräume waren mit Licht-, Druck-, Wärme-, Infrarot- und Bewegungssensoren gesichert. Kameras mit Extra-Zoom zeichneten kleinste Bewegungen auf. Jede Fliege, die sich an der Wand ausruhte, wurde registriert. Die ganzen Daten wurden in einem verschlüsselten Code über sonder-beschichtete Kabel in die Überwachungszentrale im Nachbargebäude geleitet. Dort saß rund um die Uhr und sieben Tage die Woche ein zehnköpfiges Team zur Auswertung. Sollte Alarm gegeben werden, würde sich die Sondereinsatztruppe, die sich auch im Nachbargebäude befand, sofort darum kümmern. Diese Truppe bestand aus rund 50 Ex-Elite-Soldaten. Sie wurden bei allen Armeen der Welt abgeworben. Die Polizei würde erst zum "Aufräumen" benachrichtigt werden. Bisher hatte noch keiner, der es versucht hatte, den Einbruch bei der Diamant-Bank überlebt oder war anschließend von ebendieser Bank angestellt worden.

Fred betätigte den Einsatzcode und der Super-Lauscher4000 begann leise zu surren. "Wie gut, dass ich dieses Schätzchen habe. Es ist viel einfacher, schneller und genauer als meine übliche Methode mit dem Stethoskop", dachte er sich. "In fünf Minuten bin ich hier wieder weg und reicher als je zuvor." Plötzlich war es wieder still. "Was ist denn jetzt nur los?", fragte sich Fred. Er untersuchte seinen Super-Lauscher4000. "Verfluchter Mist!", entfuhr es ihm, als er das rot blinkende Lämpchen am Griff fand, "die Batterien sind leer!". Darauf war er nicht vorbereitet. Woher hätte er auch wissen sollen, dass die Batterien sich gleich beim ersten Einsatz verabschieden würden. Seufzend holte er das Stethoskop aus der Tasche und begann erneut mit dem Knacken der Tür. "So viel zum Zeitplan!"

Epilog

Selbstverständlich gelang es Fred trotz der widrigen Umstände, den Tresor zu knacken und die fünfzehn Millionen in großen Scheinen und kleinen Roh-Diamanten einzusacken. Alles andere ließ er links liegen. Auch die unbemerkte Rückkehr zur Pension klappte problemlos. Doch ab da lief natürlich alles schief: Julia hatte Franka alles erklärt und dann hatten beide beschlossen, Fred samt dem Geld der Polizei zu übergeben. Nur die Diamanten hatten die zwei behalten. So waren sie über Nacht auch noch zu Heldinnen avanciert und wurden als Kronzeuginnen eingesetzt. Sie gaben selbstverständlich Fred die Gesamt-Schuld für Planung und Durchführung des Bankraubes. Schließlich war es ja er gewesen, der den Tresor geknackt und alles mitgenommen hatte. Die Roh-Diamanten verschwiegen sie natürlich. Und obwohl Fred der Polizei seine Darstellung gab, wurde er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, da er neben dem Stethoskop und seinem Super-Lauscher4000 auch noch eine Desert Eagle und ein Überlebensmesser bei der Verhaftung bei sich trug. Beides hatten ihm die Mädchen noch kurz vorher zugesteckt. Zudem hatte er versucht, sich gewaltsam der Verhaftung zu entziehen.

Franka wurde dann ein Jahr später auch noch geschnappt, weil ihr hitziges Temperament sie dazu veranlasste, einem Hehler den Bauch aufzuschlitzen, als dieser sie beim Verkauf ihrer Roh-Diamanten über’s Ohr hauen wollte. Der Hehler starb auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen Verletzungen und Franka musste für 10 Jahre wegen Totschlag im Affekt und Falschaussage hinter Gitter.

Nur eine hatte alles richtig gemacht: Julia zog sich nach dem Bankraub-Prozess aus dem öffentlichen Interesse zurück und ging wieder ihrer Arbeit als Stadtplanerin nach. Fünf Jahre später machte sie eine Urlaubsreise nach Neuseeland mit ihrem Teil der Roh-Diamanten im Gepäck. Sie brachte sie als Crushed-Ice durch den Zoll und kam nie wieder nach Europa zurück.

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Genres:
* Prosa * Krimi *


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