Im Labor

Matthias saß an seinem Labortisch und gab mit einer Pipette der Normgröße 3 vorsichtig 5,42 ml Nährlösung der Gruppe G in die vor ihm stehende Petrischale. Immer nur einen Tropfen nach dem anderen, bis der Boden vollständig bedeckt war. Zuviel auf einmal wäre dem Versuchsaufbau nicht zuträglich, da die Oxidation der Nährlösung mit dem in der Luft enthaltenden Sauerstoff sonst zu schnell voran gegangen wäre. So saß Matthias bereits seit 35 Minuten in seinem Labor und tröpfelte die 99%ige Nährlösung in die Schale. Laut den Wahrscheinlichkeits-berechnungen sollten sich damit nach exakt 3 Tagen auf 68% der Fläche Schimmelpilze der Gattung Rhizopus nigricans in der Petrischale bilden. Nachdem er mit dem Tröpfeln fertig war, legte er die Pipette in einem Abstand von genau 7,63 cm neben der Schale in einem 58° Winkel zur Tischkante ab und zog seine Hände aus den spezialversiegelten Handschuhen. Danach löschte er das Standardlicht, schaltete die 40-Watt-Leuchtmittellampe ein, richtete sie so aus, dass genau 47% ihres Lichtkegels auf die Petrischale trafen und verließ den Raum.


Noch einmal überlegte Matthias, ob er sich genau an den optimal errechneten Versuchsaufbau gehalten hatte. Die Folgen, wenn Matthias bei der Versuchs-durchführung einen Fehler gemacht hätte, wären unabsehbar gewesen. Er hatte bereits genügend Schwierigkeiten mit der Bewilligung seiner Erforschung von "Laborbedingungen im experimentellen Bereich des 20. Jahrhunderts" durch den "Ausschuss für wissenschaftliche Entwicklung und Analysen der Vorgänge unter natürlichen Bedingungen", kurz AWEA, gehabt. Er würde diese Bewilligung nicht aufs Spiel setzen, indem er irgendeine Vorschrift verletzte, nur um zu sehen, "was denn wohl zufällig passieren könnte".

Selbstverständlich kannte auch Matthias die großen Entdeckungen, die nur durch sogenannte Zufälle geschehen konnten, wie zum Beispiel bei Alexander Fleming und dem Penicillin. Doch heutzutage würde niemand mehr etwas durch Zufall entdecken. Jeder arbeitete in seinem Fachgebiet unter optimalen Bedingungen. Für neue Forschungen wurden als erstes größere Mengen an Serverkapazität beantragt, um die Idealbedingungen und mögliche Resultate zu errechnen. Dabei wurden auch wahrscheinliche Resultatsabweichungen durch andere Bedingungen ausgerechnet. Die Durchführung eines Experimentes war dann meist nur noch Formsache und wurde in den seltensten Fällen bewilligt. Das war bei Matthias’ Forschung anders. Die Laborbedingungen früherer Zeiten, wie auch im 20. Jahrhundert, waren zu ihrer Zeit nicht in einem solchen Maß kontrolliert worden und der Zufall hatte noch eine große Rolle gespielt. Doch in der neo-modernen Welt hatte die Wahrscheinlichkeit den Zufall abgelöst. Deswegen war Matthias für die Genehmigung seines Antrags bei der AWEA auch durch das "Historische Komitee für wissenschaftlichen Fortschritt", kurz HiKs, unterstützt worden. Dieses wollte die Auswirkungen von unbehandelter Atmosphäre auf Experimente vor der neo-modernen Gesellschaft erforschen.


Nach exakt 72,00 Stunden betrat Matthias den Laborraum wieder. Er löschte die Leuchtmittellampe, schaltete die Standardbeleuchtung ein, setzte sich an den Labortisch, schob die Hände in die Handschuhe und richtete seinen Blick auf die Petrischale. Was er dort sah, verwunderte ihn sehr.

Denn erstens gab es nicht die berechnete Menge an Rhizopus nigiricans, sondern überhaupt keine Schimmelpilze, und zweitens fehlte ein Teil der Nährlösung. Matthias war sprachlos. In den 20 Jahren, die er im "Biologischen Labor, Abteilung Atmosphärenforschung, Unterabteilung Laborbedingungen, Spezialabteilung 20. Jahrhundert" arbeitete, war so etwas noch niemals vorgekommen. Bisher hatten seine Versuchsergebnisse zu 90 Prozent mit dem errechneten Resultaten übereingestimmt. Bei der einzigen Abweichung hatte er die Wärmeanlage 27 Sekunden zu lange eingeschaltet gelassen. Danach war er zum Vorstands-vorsitzenden geladen worden und hatte ein Labor-Betretungsverbot von 6 Monaten erhalten. Nach diesem Vorfall hatte er sich immer strikt an alle errechneten Vorgaben gehalten und bei größeren Möglichkeitsfenstern, z.B. 20-30 Sekunden, immer den mittleren Weg gewählt. Und jetzt das!

Zum Glück wurden in seinem Bereich nicht, wie bei allen anderen, automatisch alle Vorgänge aufgezeichnet und ausgewertet. Matthias sollte erst am nächsten Tag um exakt 08:00 Uhr seine Ergebnisse dem "Komitee für Überwachung von Versuchen", kurz KÜVs, vorlegen. Dadurch blieb ihm noch etwas Zeit. Er ging zum Computer und rief die Berechnungsdatei "1928, Fleming, Penicillin" auf. Daraufhin überprüfte er alle Versuchskomponenten. Er maß, korrigierte, prüfte wieder, sah im Möglichkeitsbereich nach und arbeitete die ganze Nacht hindurch ohne Pause. Leider ohne Erfolg. Er konnte seinen Fehler nicht finden.


Um 07:57 Uhr hörte Matthias, wie sich Schritte seinem Labor näherten.

"Natürlich Herr Inspektor, selbstverständlich kann auch Herr Obergeneralinspektor an dieser Ergebnispräsentation teilnehmen", sagte Matthias Vorgesetzter Alfred, "über Interesse an unserer Arbeit sind wir hocherfreut."

"Das "Biologische Labor, Abteilung Atmosphärenforschung, Unterabteilung Laborbedingungen, Spezialabteilung 20. Jahrhundert" steht auf dem Prüfstand", dröhnte die Stimme des Obergeneralinspektors, "deswegen sind wir hier. Ihre Arbeit scheint uns nicht mehr von Nutzen für die Weiterentwicklung der neo-modernen Gesellschaft. Auch die weitere Rolle des "Historischen Komitees für wissenschaftlichen Fortschritt", bekannt als HiKs, ist noch ungeklärt. Es fehlen noch Analysen zur Wertschöpfung, zur Effektivität ihrer Arbeitsweise und zum nachhaltigen Nutzen. Wir sind nicht mehr sicher, ob die Existenz des HiKs zu unserer technischen Entwicklung beiträgt. Ihr Shareholder-Value hat negatives Wachstum. Historie als solche ist durchaus wichtig, denn darauf beruht ja schließlich unsere heutige Verhaltenserziehung, aber warum sollte es noch weiterhin notwendig sein, Versuche durchzuführen? Jahrelange Arbeit hat gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeitsberechnung immer, und ich wiederhole IMMER, Recht behält."

"Nun ja Sir", fügte Alfred vorsichtig an, "mit allem gebührenden Respekt, falls ich anmerken darf, es gab, wenngleich in äußerst geringer Zahl, auch Abweichungen, die..."

"Na na, das wollen wir mal richtig stellen", fuhr der Inspektor dazwischen, "die Abweichungen beruhten auf Ungenauigkeiten bei der Versuchsdurchführung. 27 Sekunden mehr weichen nun mal von der errechneten Zeit ab. Wenn wir diese Fehler rausnehmen, kommen wir in der Übersicht auf 100 %. Das beweist, dass der menschliche Faktor in der Forschung zu Fehlern führt und somit behoben werden muss."

Alfred zog langsam Luft durch die Nase ein: "Unsere Forschung bezieht sich ja auch auf die sogenannte unbehandelte Atmosphäre, weswegen..."

"Es ist genau 07:59 Uhr und 57 Sekunden", sagte der Inspektor und klopfte dreimal an.

Matthias zuckte zusammen, stand von seinem ergonomischen Stuhl auf, ging zur Tür und öffnete sie.

"Guten Tag die Herren", sagte er und neigte den Kopf, "das "Biologische Labor" freut sich über Ihr Interesse an unserer Arbeit."

"Sie haben die Tür 3 Sekunden zu spät geöffnet", herrschte ihn der Inspektor an, "standen Sie etwa nicht schon an der Tür bereit? Herr Matthias, Sie wissen um die Notwendigkeit korrekter Abläufe."

"Schon gut", winkte der Obergeneralinspektor ab. Zu Matthias gewandt sagte er: "Herr Matthias, Sie haben mich sicherlich schon gehört und waren durch meine unerwartete Anwesenheit überrascht, nicht wahr?"

"Ja Sir", antwortete Matthias leise.

"Genau darum geht es", meldete sich der Inspektor wieder zu Wort, "Überraschung ist eine menschliche Eigenschaft, die Abweichungen hervorbringt. Das soll nicht passieren. Wir wollen keine Ungenauigkeiten, sondern Exaktheit, Zuverlässigkeit und Perfektion."

"Herr Inspektor", donnerte der Obergeneralinspektor, "diese Diskussion führen wir an anderer Stelle, jetzt geht es um die Resultatspräsentation der Ergebnisse der "Spezialabteilung 20. Jahrhundert des Biologischen Labors" unterstützt vom HiKs. Herr Matthias, Sie haben unsere Aufmerksamkeit."


Dieser ergab sich in sein Unglück. Er erklärte den bekannten Forschungstand, zeigte die Möglichkeiten seiner Wahrscheinlichkeitsberechnung und das Protokoll seines Versuches. Schließlich wandten sich alle Köpfe dem eigentlichen Experiment zu.

"Meine Herren, Sir, mit allem gebührenden Respekt", sagte Matthias stockend, "ich kenn nicht sagen, warum nicht das berechnete Ergebnis eingetroffen ist. Ich..."

"Herr Matthias, ich denke, Sie haben mal wieder einen Fehler gemacht. Doch dieser ist größer als Ihr vorheriger. Sie wissen hoffentlich, was mangelnde Umsicht bedeutet!", erzürnte sich nun wieder der Inspektor. "Dieses Mal bleibt es nicht nur bei 6 Monaten. Jetzt ist endgültig Schluss! Das ist wieder ein untrüglicher Beweis, dass der Versuch durch einen Menschen nicht zur Perfektion führt."

"Da muss ich dem Herrn Inspektor leider zustimmen", sagte der Obergeneralinspektor, "ich habe dem HiKs, dem "Biologischen Labor" und insbesondere der "Spezialabteilung 20. Jahrhundert" immer wohlwollend gegenüber gestanden. Ich hielt Ihre Arbeit für wichtig und von großem Nutzen für die neo-modernen Methoden der Wissenschaft. Denn man sollte immer wissen, wo man herkommt, wenn man neue technische Entwicklungen zu einer stärkeren Integration bringen möchte. Doch bedauerlicherweise bin auch ich der Gesellschaft verpflichtet und meine Aufgabe ist es, die einzelnen Abteilungen zu überprüfen."

"Herr Obergeneralinspektor, Sir, Herr Inspektor", begann Alfred, "ich denke, Herr Matthias kann uns sicherlich eine logisch-wahrscheinliche Erklärung für dieses Resultat liefern. Herr Matthias?"

"Nun ja", sagte dieser, "ich habe bereits einige Möglichkeitsbereiche geprüft und auch die Original-Berechnungsdatei hinzugezogen. Doch bisher konnte ich meinen Fehler nicht ausmachen."

Alfred fragte: "Wie lange arbeiten Sie schon an der Fehleranalyse?"

"Exakt 16,84 Stunden."

"Und Sie haben noch keinen Ansatz gefunden?", setzte Alfred ungläubig nach.

"Leider nein Sir."

"Das ist in der Tat ein noch nie dagewesener Fall, normalerweise haben die Wissenschaftler spätestens nach 4,53 Stunden einen Lösungsansatz. Wir sollten mal über die Arbeitseinstellung in dieser Abteilung sprechen", sagte der Inspektor zu Alfred. Dann richtete er sich an Matthias: "Leider bedeutet dies das Aus für Ihre wissenschaftliche Karriere."

Der Angesprochene sah geschockt, wie Alfred bedauernd mit den Schultern zuckte, und auch der Obergeneralinspektor ergänzte: "Ja, das ist leider wirklich der Fall. Ein so großer Fehler ist nicht tragbar. Über die weitere Entwicklung der "Spezialabteilung 20. Jahrhundert des Biologischen Labors" und des HiKs wird an anderer Stelle entschieden."

Damit drehten sich die zwei Inspektoren um und verließen das Labor.


"Es tut mir wirklich sehr leid Herr Matthias", sagte Alfred nach einem Moment Stille, "aber eine Inspektorenentscheidung kann ich bedauerlicherweise nicht revidieren. Bitte packen Sie Ihre persönlichen Dinge ein. Alle zum Versuch gehörenden Aufzeichnungen müssen selbstverständlich hier bleiben und dann begeben Sie sich in Ihre Wohneinheit. Ich denke, Ihnen wird in den nächsten Tagen ein neuer Arbeitsplatz zugewiesen. Ich habe immer gerne mit Ihnen gearbeitet und wünsche Ihnen alles Gute."

Matthias nickte und daraufhin verließ auch Alfred das Labor.

Er las noch einmal den Zettel mit den errechneten Angaben zum Versuchsaufbau. Dann legte er ihn neben den hermetisch abgeriegelten Glaskasten, in dem sich die Petrischale inmitten von super-rein-gefilterter Luft in der Zusammensetzung von unbehandelter Atmosphäre befand. Diese entsprach genau der des 20. Jahrhunderts, allerdings vollkommen rein, ohne jegliche organische Partikel, die zu Abweichungen führen konnten.

Matthias nahm seine Grünlilie unter der Photosytheselicht-CO2-Glocke, schaltete die Geräte aus und verließ ein letztes Mal das "Biologische Labor".

Im Dunkeln leuchtete noch das kleine Display der automatischen Atmosphären-Sensoren, welche die Luft im Glaskasten kontrollierten:

"Luftart: natürliche Atmosphäre.

Prüfung der Zusammensetzung:

- Stickstoff: 78,048 %

- Sauerstoff: 20,946 %

- Kohlenstoffdioxid: 0,04 %

- Aerosole: vorhanden

- Spurengase: existent

- Organische Partikel: nicht vorhanden

- Pilzsporen: keine."

Mit dieser Information erlosch nun auch das letzte Licht im Labor.

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Genres:
* Prosa * Science Fiction * Satire *


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