Veränderungen

Marie saß auf der Bank vor dem Express-Café und rauchte so schnell es ging ihre Zigarette. Es war Anfang März und leider noch so kalt, dass das Draußensitzen zum Rauchen eine Qual war. Doch nicht zu rauchen hätte für sie eine größere Qual bedeutet. Sie war 39 und rauchte seit ihrem 16. Lebensjahr. Sie hatte in der Zwischenzeit immer mal wieder versucht aufzuhören, aber es nie lange durchgehalten. Zu sehr schrie ihr Körper, gerade in Stresszeiten, nach dem Nikotin. zu sehr entspannte es sie, tiefe Züge aus der Zigarette zu nehmen, zu spüren, wie sich die nikotingeschwängerte Luft in ihrer Lunge verteilte und langsam ihre Sorgen zusammen mit dem Rauch wieder auszuatmen. Früher war das auch gar kein Problem gewesen. sie hatte gemütlich im Café gesessen, ihren doppelten Espresso getrunken und dazu eine geraucht. Doch seit dem neuen Nichtraucher-Gesetz hatte sich das geändert. Seitdem hingen in fast allen Cafés, vor allem in Bezirken mit vielen kleinen Kindern überall diese dämlichen Bitte-nicht-rauchen-Schilder. Eines davon störte Marie ganz besonders. es war das Schild im Express-Café. denn obwohl das Café eigentlich nur aus der Theke, einem Tresen am Fenster mit fünf Hockern und einem Minitisch mit drei Sesseln bestand, und fast nur Laufkunden hatte, gab es auch hier so ein Schild. Dieses verdonnerte Marie jetzt dazu, in der Kälte auf der Bank vor dem Fenster ihre Zigarette zu rauchen und ihren Espresso nur schnell herunterzustürzen. Das gemütliche Sitzenbleiben und Nachdenken war für sie nicht mehr möglich und das wurmte sie sehr.

An diesem Tag jedoch beeilte sie sich auch aus einem anderen Grund. Sie musste pünktlich zu einem Treffen mit Roberto Palini. Dieser war der jüngere Bruder von Michele Palini und zusammen herrschten sie praktisch über den italienischen Untergrund von Berlin. Michele im Westteil und Roberto im Ostteil. Roberto hatte einen Auftrag für Marie. Sie war eine der wenigen weiblichen Profikiller im Dienste der italienischen Mafia und wurde nur noch selten beauftragt. Meist brachte sie den jüngeren Mitgliedern den Umgang mit Waffen bei, doch diesmal war irgendetwas Wichtiges im Gange, so dass ihre Erfahrung gefragt war.

Marie hatte nie den Wunsch besessen, Profikillerin zu werden. Doch es war so gekommen. Nach dem Tod ihrer deutschen Mutter hatte ihr Onkel Giuseppe sie bei sich aufgenommen. Er war der Bruder ihres italienischen Vaters und ihr letzter verbliebener Verwandter. Giuseppe hatte bereits für Roberto gearbeitet, als sie zu ihm gezogen war. Da Marie auch für ihn die letzte lebende Verwandte gewesen war, hatte er sie herzlich aufgenommen und war zu ihrem Ersatz-Vater geworden. Giuseppe besaß auch eine Waffe, nur ein kleines Kaliber, einen Sportrevolver MR 38, die ihn bei seinen Erledigungen für Roberto schützte. Doch er war nur eine Mischung aus Buchmacher, Geldwäscher und Geldeintreiber gewesen und hatte andere die Drecksarbeit machen lassen. Ein Jahr nachdem Marie bei ihm eingezogen war, hatte ein Jahrmarkt auf dem Spandauer Industriegelände stattgefunden, bei dem fast die gesamte italienische Mafia aus Berlin zusammentraf. Dort gab es auch einen Schießstand. Marie hatte mit ihren 17 Jahren damals den Schießwettbewerb gewonnen. Das hatte Roberto und Michele sehr beeindruckt. Marie besaß heute noch die Schießscheibe aus Filz mit den drei Löchern genau in der Mitte. damals war sie sehr stolz auf sich gewesen. Doch es hatte ihr vor allem die Aufmerksamkeit der "Signori" eingebracht. Diese ließen sie daraufhin in ihre Dienste treten und sie als Killerin ausbilden. Mit 19 führte sie ihren ersten Auftrag erfolgreich aus. Sie erschoss Giuseppes Mörder. Zu jener Zeit handelte sie leidenschaftlich und aus Rache. Das änderte sich im Laufe der Jahre und sie war kalt und emotionslos geworden. Es änderte sich auch ihre Art zu handeln. Früher hieß es für sie "verfolgen und Gerechtigkeit üben". Sie war jung und voller Ideale gewesen. Später bekam sie meist den Aufenthaltsort genannt und tötete jeden, der ihr befohlen wurde. Doch es war ihr zuwider. Das war es schon immer gewesen. Daher hatte sie die Chance ergriffen als ihr Ausbilder Eduardo sich zur Ruhe setzte und um seine Stelle gebeten. Roberto hatte zugestimmt und seit zwei Jahren hatte sie niemanden mehr erschießen müssen. Und jetzt das.

Marie fluchte leise als sie aufgeraucht hatte und machte sich auf den Weg zum Spittelmarkt. Als Treffpunkt war der U-Bahn-Ausgang um 10:43 Uhr gewählt worden. Sie musste sich also beeilen. Sie kam 10:40 Uhr mit der Bahn an und verließ die Station punktgenau. Robertos Sohn Franceso kam ihr entgegen, nickte ihr zu und streifte sie versehentlich, wobei er ihr einen kleinen Zettel gab. Auf diesem stand: "Postbahnhof Obergeschoss um 11:37 Uhr. Bring deine Ausrüstung mit." Ihre Ausrüstung hatte sie immer für ein Treffen dabei und so lief sie eine Station zurück, bis zum Märkischen Museum. Dabei rutschte sie über das Eis, welches sich durch Schneeregen und Bodenfrost gebildet hatte. Sie fluchte, denn sie konnte sich keine Verzögerung durch ausrutschen leisten. Endlich erreichte sie die Station, stieg wieder in die U-Bahn und am Alexanderplatz um in die S-Bahn zum Ostbahnhof. Sie kam pünktlich an und überquerte die Straße zum Postbahnhof. das Obergeschoss erreichte man nur über einen bestimmten Eingang an der linken Seite. An der Tür traf sie wieder auf Francesco. Sie sprachen kein Wort, sondern nickten sich nur zu und gingen hinein. Oben wartete schon Roberto mit seinen Männern, darunter auch einige, die Marie ausgebildet hatte. "Buongiorno signore", begrüßte sie Roberto. "Buongiorno piccola." Er nannte Marie immer noch Kleine, da er sie als solche kennen gelernt hatte. Doch nun war auch er gealtert und mit seinen 75 Jahren dachte er daran, Francesco seine Geschäfte zu überlassen. "Piccola, du hast bestimmt gehört, was passiert ist." "Sì signore." "Jetzt ist es an der Zeit, dich für eine Seite zu entscheiden. Ich habe dich rufen lassen, da du die letzten 20 Jahre so treu für mich gearbeitet hast. Ich hätte dich gerne weiterhin auf meiner Seite, doch falls du meinen Neffen bevorzugst, darfst du unbehelligt den Ostteil verlassen und dich ihm anschließen. Dies ist mein Ausdruck von Respekt an dich." "Grazie signore. Ja, ich habe mich entschieden, Ein Sohn, der seinen Vater tötet, um dessen Geschäfte zu übernehmen, und aus Größenwahn heraus auch noch seinen Onkel angreift, kann kein guter Herr für mich sein. Ich bleibe also bei euch, wenn es mir erlaubt ist." Michele war vor drei Wochen, am Valentinstag von seinem Sohn Valentino hinterlistig getötet worden. Er und seine Frau hatten romantisch zu Abend essen wollen und waren dabei von Valentino hinterrücks erschossen worden. Dieser fand es poetisch, an seinem Namenstag die Geschäfte seines Vaters zu übernehmen. Zudem verlangte er von Roberto auch die Herrschaft über den anderen Teil der Stadt. Roberto hatte nicht klein beigegeben, sondern Valentino den Krieg erklärt und Rache für seinen Bruder geschworen. Er hatte viele Getreue um sich gesammelt und obwohl nur drei Woche vergangen waren, schien er in diesem Krieg die Oberhand zu erhalten. Marie hatte weiterhin Killer im Umgang mit Waffen ausgebildet und so ihre Treue bekundet. Daher wunderte sie sich über so eine formelle Frage. "Größenwahn ist eine schlimme Sache. Er befällt viele und richtet großen Schaden an. Durch die Aufteilung waren Michele und ich beide zufrieden und keiner musste zurückstecken. Die Stadt war groß genug für uns zwei. Wir dachten beide, unsere Söhne würden das eines Tages genauso halten, doch wir haben uns wohl geirrt", sinnierte Roberto. "Man kann leider nicht in die Köpfe anderer hineinsehen", antwortete Marie. diplomatisch versuchte sie den eigentlichen Grund ihres Treffens zu erfahren: "Signore, ich dachte, meine Unterstützung als Ausbilderin hätte Euch meine Ergebenheit gezeigt. Dürfte ich also den Grund dieses Treffens erfahren? Es scheint wohl nicht nur diese Frage zu sein." "Dein Instinkt trügt dich nicht. Hast du deine Ausrüstung dabei?" "Sì signore." "Nun denn. Meine Männer konnten Valentino gestern in die Falle locken. Deine Aufgabe ist es, ihn zu töten." "Warum ausgerechnet meine? Ihr habt ja genügend ausgebildete Männer hier." "Wie du schon sagst: Männer. Du bist eine Frau, piccola. Und du hast Valentino vor langer Zeit einmal auf einer Schießscheibe aus Filz besiegt. Es soll ihm zeigen, dass er verloren hat. Außerdem hasst er Frauen, wodurch es für ihn eine zusätzliche Schmach bedeutet, von der Hand einer Frau zu sterben. Du wirst das Letzte sein, was er auf Erden sieht." Zustimmendes Gemurmel ging durch die Reihen der versammelten Männer und Francesco nickte Marie aufmunternd zu. Sie blickte jedem in die Augen, zuletzt Roberto. Dann nickte sie. "Sì signore. Ich werde die Hinrichtung vollziehen." Mit diesen Worten zog sie ihre Lieblingswaffe, eine Smith & Wesson Model 39, aus der Tasche. Roberto ging in den nebenliegenden Raum, gefolgt von Marie und den anderen. Dort saß Valentino gefesselt auf einem Stuhl. Roberto nickte Francesco zu. Dieser ging zu Valentino und löste die Fesseln, die ihn an den Stuhl banden. Dann zwang er ihn auf die Knie, fesselte seine Fußgelenke zusammen und band ihm die Hände auf den Rücken. Anschließend kehrte er zu seinem Vater zurück. Valentino verfolgte ihn mit den Augen und blieb bei Marie stehen. "La puttana", flüsterte er. Roberto sagte: "Valentino, mio nipote, du hast eine schlimme Sünde begangen indem du deine Eltern getötet hast. Dann bist du dem Größenwahn verfallen und hast mich angegriffen. Viele gute Männer und Frauen sind in kurzer Zeit gestorben. Deine Strafe dafür ist die Hinrichtung durch Marie Pignola." Er nickte Marie zu. Diese stellte sich vor Valentino und hob ihre Waffe. "Puttana di merda! Sciattona! Du bist nur eine niedere Frau...", schimpfte Valentino und spuckte sie an. Marie blickte noch einmal zu Roberto. Dieser nickte und sie drückte ab. Es war ein glatter, aufgesetzter Schädeldurchschuss. Blut, Gehirnmasse und Schädelsplitter spritzten auf den Boden. Valentinos Körper zuckte. Dann war es vorbei. "Grazie piccola", sagte Roberto leise und die anderen nickten Marie respektvoll zu. Sie nickte und verließ den Raum. Ihr Auftrag war erledigt. Zumindest für heute.

Auf dem Weg nach Hause kam sie wieder am Express-Café vorbei. Sie bestellte einen doppelten Espresso und einen Schokocroissant. Als sie zu einer Zigarette griff, viel ihr Blick auf das Bitte-nicht-rauchen-Schild. "Manche Veränderungen sind wirklich ärgerlich", dachte sie.

hoch

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* Prosa * Krimi *


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