Der Anhänger

Celina schlenderte über den Weihnachtsmarkt. Eigentlich fühlte sie sich mit 17 Jahren schon viel zu alt, um mit ihren Eltern einen Weihnachtsmarkt zu besuchen, doch irgendwie konnte sie sich von diesem Stück Kindheit nicht losreißen. „Schau mal Celina! Da vorne gibt es Maroni. Möchtest du wieder welche?“, fragte ihre Mutter sie. Das war eine kleine Tradition: Auf jedem Weihnachtsmarkt aß Celina eine Tüte, wobei sie ihren Eltern je eine der heißen Esskastanien abgab. „Ja, gerne“, antwortete Celina gedankenverloren und schloss zu ihren Eltern auf. Die Maronen waren wie immer heiß und bestens zum Hände-Wärmen geeignet.

Die drei gingen weiter. Sie sahen die Handwerkskunst, die Glaskugeln, die Felle, das Holzspielzeug und die Essensbuden. Viele Dinge kannte Celina schon, da sie ja bereits von klein auf mit ihren Eltern jedes auf den Weihnachtsmarkt gegangen war. Meist hatte sie auch so viel Neues kennen gelernt und die paar Stunden waren schnell vorbei gewesen. Doch dieses Jahr fühlte sich Celina nicht wohl. Sie war fast erwachsen und hatte in diesem Jahr den Markt bereits mit Freunden besucht. Der übliche Gang mit ihren Eltern fiel ihr daher zunehmend schwer, obwohl sie selbst darum gebeten hatte. Auch die Maronen halfen da nicht weiter. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Mittlerweile wäre sie viel lieber wieder zu Hause gewesen und hätte mit ihrer Freundin Anna über Mark gechattet. Mark und seine schönen blauen Augen. Mark und seine schwarzen zurückgegelten Haare. Mark und seine wunderbar tiefe Stimme. Mark und… „Celina, hast du Lust, ins Spiegellabyrinth zu gehen?“, riss sie dieses Mal die Stimme ihres Vaters aus ihren Gedanken. „Ach nein, kein Interesse“, antwortete sie leicht genervt. Ihre Eltern sahen sich verwundert an, früher hatte ihre Kleine es nicht erwarten können, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und immer viel ausprobiert. Doch dieses Jahr… Sie sagten sich, dass es wohl späte pubertäre Auswirkungen seien und zogen weiter. Celina folge ihnen langsam.

Am Ende des Weihnachtsmarktes, direkt am Ausgangs-Schild befand sich ein letzter kleiner Stand. Es handelte sich um einen einfachen Klapptisch, der mit einem Tuch abgedeckt war. Darauf lagen zwei Zentimeter große geschnitzte Anhänger aus rot-braunem Holz. Hinter dem Tisch saß eine ältere frau, dick in Schals und Decken eingewickelt, und nippte an einem dampfenden Becher. Unwillkürlich blieb Celina stehen. Ihre Eltern waren schon ein Stück voraus gegangen, um sich von ihrer Tochter nicht die schöne Weihnachtsstimmung kaputt machen zu lassen. „Na mein Kind, möchtest du einen Glücksbringer erstehen? Alle Stücke sind in Handarbeit aus kirschbaumholz gefertigt“, sprach die Frau Celina an. „Ich bin kein Kind mehr. Ich bin 17 und im Januar werde ich 18“, entgegnete diese in trotzigem Ton und reckte das Kinn nach oben. „Also kein Kind. Aber vielleicht ein Glücksbringer?“, antwortete die Frau lächeln. „Nun ja…“, begann Celina und beugte sich vor, um die Anhänger näher zu betrachten. Ihre Eltern waren inzwischen stehen geblieben und warteten am Auto auf ihre Tochter. „Wofür bringen die denn Glück?“, wollte Celina nun von der Verkäuferin wissen.“Wofür du es brauchst“, antwortete sie, „vielen wollen Glück für die Liebe oder im Beruf. Manche suchen auch Glück für nahe stehende Personen. Es ist aber immer nur für das, was du erhalten sollst. Schau mal, dir könnte dieser hier stehen.“ Sie hielt Celina ein geschnitztes Herz mit einer Verzierung in Form eines Kirschblattes hin. „Ja, der ist wirklich schön. Was kostet er denn?“ „So viel, wie du für dein Glück zahlen kannst“, war die seltsame Antwort. „Ich habe noch 17,34 Euro von meinem Taschengeld, ist das genug?“, fragte Celina, die sich bereits mit dem Anhänger in Marks Armen sah. „Ja, dann reicht es. Ich packe dir den Anhänger ein.“ Die Frau legte den Anhänger in einen kleinen Stoffbeutel und reichte ihn Celina. „Danke!“, rief diese und rannte dann in Richtung Auto zu ihren Eltern. „Viel Glück…“, murmelte die Verkäuferin noch, aber es wurde nicht mehr gehört. Auf dem Nachhauseweg war Celina wieder in Gedanken an Mark versunken, doch die gereizte Stimmung hatte sich gelegt. So verbrachten die drei einen gemütlichen Adventsabend bei Kerzenschein mit Tee und Plätzchen.

Am nächsten Tag legte Celina den Anhänger an und ging wie üblich in die Schule. Gleich in der ersten Pause zeigte sie das Herz mit dem Kirschblatt ihrer Freundin Anna. „Und das Ding soll dir helfen, mit Mark zusammen zu kommen?“, spottete Anna, „mensch Celina, ich dachte, du lebst auch im 21. Jahrhundert. Das ist doch alles nur Aberglauben. Da könnte dir genauso gut dein neues Paar Ohrringe bei Mark weiterhelfen. Das war bestimmt nur ein Trick, um dir das Ding zu verkaufen!“ „Meinst du?“, fragte Celina, „aber sie wirkte so überzeugend und der Anhänger ist wirklich hübsch. „Ja, hübsch. Aber das ist doch nur ein Holzanhänger. Mark wäre sicherlich von einem Anhänger aus Gold oder so beeindruckt. Aber Holz? Das ist doch nun wirklich nichts Besonderes“, sagte Anna mit vor Sarkasmus triefender Stimme. „Ich behalte ihn trotzdem an“, beschloss Celina. „Wie du willst“, beendete Anna das Gespräch, „ich gehe jetzt jedenfalls wieder in den Unterricht.“ Damit ließ sie Celina stehen. Diese ging nach einem kurzen Moment auch in ihren Kurs.

In der Mittagspause hatte Celina endlich Gelegenheit, Mark zu sehen. Er war wie immer der Mittalpunkt und hatte wohl gerade einen lustige Sache erzählt, da alle um ihn herum kicherten. Celina setzte sich einige Tische weiter mit Anna hin. Der Disput vom Vormittag war vergessen und sie aßen gemütlich zu Mittag. Kurz vor Ende der Pause kam Mark an ihren Tisch. Celina hielt den Atem an. Hatte er sie endlich bemerkt? War ihm doch ihn neuer Anhänger aufgefallen? Fand er sie hübsch? „Na Mädels, wie läuft’s?“, sagte Mark. „Wie immer“, antwortete Anna gelangweilt, während Celina noch nach Worten suchte. „Gut“, brachte sie schließlich hervor, als Mark sie direkt anblickte. „Weißt du Celina, wir haben vorhin über deinen neuen Anhänger gesprochen…“ „Ja, wirklich? Er ist hübsch, nicht wahr?“, freute sich Celina. „Ja, hübsch schon, für einen klobigen Bauern oder eine alberne alte Hippiebraut vielleicht“, endete Mark mit einem hämischen Grinsen, „man sieht sich.“ Damit ging er wieder zu seinen Freunden zurück, die ihn lachend begrüßten. Anna sagte: „Siehst du, aufgefallen ist ihm der Anhänger, doch nicht gerade positiv…“ Doch sie unterbrach sich, als sie Celinas tieftrauriges Gesicht sah. „Ach komm, das wird schon“, wollte sie trösten, „lass uns einfach gehen.“

Am Abend legte Celina den Anhänger zurück in den Stoffbeutel und ließ diesen in ihrer Schreibtischschublade verschwinden. „Du hast mir ja doch kein Glück gebracht“, murmelte sie. Danach vergaß sie den Anhänger recht schnell und auch in der Schule normalisierte sich wieder alles: Mark beachtete sie nicht und Celina schwärmte für ihn weiter im Stillen.

So verging die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel stand bald bevor. Celina liebte Silvester. es hatte seine ganz eigene Magie von Ende und Neuanfang. Außerdem durfte sie dieses Jahr zum ersten Mal ohne Eltern feiern. Sie hatte sich mit Anna zu einer Feier bei einer anderen Schulfreundin verabredet, die bei dieser Freundin zu Hause stattfinden sollte. Die Eltern wurden den Abend woanders verbringen und hatte ihr Haus zur Verfügung gestellt. Celina und Anna hatten sich auch einige Silvesterknaller geholt, doch natürlich nur das „Jugendfeuerwerk“. Raketen und richtige Böller hatten ihre Eltern ihnen nicht gestattet: „Die sind erst ab 18. Wir wissen, dass das nicht mehr lange hin ist, aber so lange müsst ihr halt noch warten.“ Trotzdem wollten sich die beiden nicht die Laune schon vorher verderben und versuchten sich gegenseitig aufzumuntern: „Ach, irgendwer hat bestimmt auch Raketen dabei. Das ist bei solchen Feiern doch immer so“, sagte Anna. „Und es geht ja nicht nur ums Feuerwerk“, antwortete Celina.

Die Party war ein voller Erfolg. Fast der ganze Jahrgang war da, natürlich auch Mark, und selbstverständlich hatten einige Alkohol der unterschiedlichsten stärkeren Sorten echtes Feuerwerk mit Raketen und Böllern beigesteuert. Die Silvesternacht näherte sich ihrem Höhepunkt. Um Mitternacht stießen alle an und Celina umarmte neben Anna auch Mark, der von so vielen umhalst wurde, dass es ihm nicht weiter auffiel. Anschließend gingen alle zum Knallen in den Garten. Sie hatten großen Spaß. Doch plötzlich blieb eine von Mark aus der Hand abgefeuerte Rakete in einem Baum stecken und explodierte dort in alle Richtungen. Celina, die unter dem Baum gestanden hatte, kam nicht schnell genug weg und wurde von den Funken an Kopf, Hals und Armen getroffen. „Tut mir leid, das wollte ich nicht“, rief Mark von weitem, „alles okay?“ „Nichts ist okay du Idiot!“, herrschte Anna ihn an, „kannst du nicht aufpassen?! Wir hatten doch gerade erst eine Stunde zu Silvesterunfällen! Das hat sie echt schlimm erwischt! Ruf sofort 'nen Notarzt!“ Der kam dann auch innerhalb von 30 Minuten und ein Sanitäter begann auch gleich, Celina zu untersuchen. „Entschuldigt, aber an Silvester passiert leider sehr viel. Wir waren so schnell wie möglich. Zeig doch mal her“, sagte der Sanitäter zu Celina, die nach dem Unfall ins Gästezimmer gebracht worden war und dort noch immer vom Schock zitternd gewartet hatte. „Du hattest Glück im Unglück, wie es so schön heißt. Ich sehe leichte Brandwunden, Kratzer und Prellungen. Du hättest viel schlimmer verletzt werden können. So dicht an einer explodierenden Rakete! Da war anscheinend ein Schutzengel im Einsatz“, murmelte der Sanitäter leise weiter vor sich hin, während er Celina verarztete. Danach begleitete Anna Celina nach Hause, da dort die Übernachtung der beiden geplant war.

Am nächsten Morgen ging Celina ins Bad und entfernte vorsichtig die Verbände, um die Wunden einzucremen. Doch darunter kam rosige, gesunde Haut ohne den geringsten Kratzer zum Vorschein. „Aber… der Sanitäter hat doch gesagt, dass die Verheilung sicherlich ein bis zwei Wochen dauern wird“, wunderte sich Celina, „was ist da nur passiert?“ Auch Anna konnte sich das nicht erklären. Zum Frühstück erzählten die zwei Celinas Eltern von dem Unfall mit dem Feuerwerk. „Da hätte viel mehr passieren können! Zum Glück geht es dir gut!“, rief Celinas Mutter.

Später am Tag machten sich alle fertig, da Annas Eltern zum Neujahrs-Essen eingeladen hatten. Bei der Suche nach hübschen Ohrringen stieß Celina wieder auf den Stoffbeutel mit dem Anhänger. Sie zog ihn hervor. Das Holz lag seltsam warm in ihrer Hand und sie entdeckte einen kleinen Sprung auf der Rückseite. „Warst du das? Dann hast du mir ja doch Glück gebracht“, flüsterte Celina und steckte den Anhänger in ihre Tasche.

Von da an trug Celina das Herz mit dem Kirschblatt immer bei sich. Sie bekam einen Studienplatz an ihrer Wunschuniversität und später einen guten Job in einer internationalen Firma. Während des Studiums lernte sie einen netten Mann kennen, den sie später heiratete. Mit ihm bekam sie zwei wunderbare Kinder. Bis ins hohe Alter wurde Celina nie wieder Opfer einer schweren Krankheit oder schlimmer Verletzungen. Nach ihrem letzten friedlichen Einschlafen wurde der Anhänger mit ihr beerdigt.

Wenn ihr also in einer dunklen Ecke auf dem Weihnachtsmarkt eine ältere Frau seht, die von einem Klapptisch aus Holzanhänger verkauft, solltet ihr vielleicht näher treten und schauen, was sie für euch und euer Glück im Leben heraussucht.

hoch

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* Prosa * Fantasy *


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