Neueste Kreation

"Was soll denn das hier werden?", frage Mia mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck, als sie in den Topf schaute.

"Das ist noch geheim", knurrte Flo, stampfte vom anderen Ende der Küche zu ihr, nahm ihr den Deckel aus der Hand und knallte ihn mit verbissenem Gesichtsausdruck zurück auf den Topf. Der Gestank, der sich beim Öffnen verbreitet hatte, nahm wieder ab.

"Was ist denn mit dir los?" Sie schaute ihn überrascht an.

"Du hast doch gesagt, ich solle zum Probeessen deiner neuesten Kreation vorbeikommen. Da darf ich doch sonst auch immer einen Blick in deine Töpfe werden."

"Geh‘ wieder nach vorne ins Café", war die knappe Antwort.

Mia sah Flo sprachlos an und flüchtete dann regelrecht aus der Küche. Er strich sich seufzend die paar Haare, die unter der weißen Mütze hervorlugten, aus dem Gesicht. Er fluchte leise vor sich hin und wandte sich in Richtung Tür. Doch dann drehte er sich noch einmal zurück und ging zum Herd. Er nahm den Deckel vom Topf, rührte die stinkige, leicht grüne Masse um und drehte die Gasflamme kleiner. Danach erst ging er zur Tür, wo er vorsichtig durch das Bullaugenfenster in den vorderen Teil des Cafés schaute.


Mia saß an einem der kleinen Tische am Fenster. Die dampfende Tasse vor sich ignorierend, blickte sie starr nach draußen. Flo öffnete leise die Tür, woraufhin sich Mia noch mehr anzuspannen schien, sich aber nicht weiter bewegte. Langsam ging er auf sie zu.

"Es tut mir Leid", sagte er, "bitte entschuldige. So kurz vor dem Wettkampf noch etwas Neues zu kreieren, treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich wollte dich nicht anfahren."

Er hatte sie mittlerweile erreicht und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die rechte Schulter. Nachdem sie keinen Widerstand leistete, legte er seine andere Hand auf die linke Schulter und lehnte seine Stirn an ihre Haare. Schweigend blieben sie für einige Minuten so, dann legte Mia eine Hand auf seine.

"Willst du mir jetzt den Grund deines Wahnsinns zeigen?", fragte sie leise. Erleichtert seufzte Flo auf und zog sie vorsichtig zu sich hoch. Sie umarmten sich und dann gingen sie wieder in die Küche.


Im Topf auf dem Gasherd blubberte es hörbar.

"Das erst am Ende", sagte Flo, als Mia diese Richtung einschlug.

Sie gingen zum hinteren Arbeitsbereich, wo bereits mehrere Pralinen und Schokoladen zum Trocknen aufgereiht lagen. Daneben standen kleine Törtchen und Kekse.

"Das sieht alles sehr lecker aus, doch… irgendwie den Sachen, die wir bereits vorne verkaufen, sehr ähnlich. Normalerweise denkst du dir für einen Wettbewerb doch immer etwas Neues aus", stellte Mia fest.

"Ja", antwortete Flo, "die Pralinen hier sind auch neu. Nie würde ich mit einer alten Idee zum jährlichen Konditor-Wettbewerb antreten. Das Besondere ist die Füllung. Schau‘ dir mal jede Praline und auch die anderen Sachen genau an. Überall ist ein kleiner Buchstabe aus farbiger Creme drauf. Das ist der jeweilige Hinweis auf die Füllung. Dieses Jahr ist doch Afrika unser Thema, genauer gesagt die Sahara. Da viele der anderen Wettbewerber sich wahrscheinlich wieder verstärkt auf die Formen stürzen werden und ich keine Wüstennachbildung in Schokolade gießen wollte, habe ich das hier gemacht. Probier‘ mal!"

Er hielt Mia eine Praline aus Zartbitter-Schokolade verziert mit einem T in brauner Farbe hin. Sie biss vorsichtig ein Stück davon ab.

"Hmmm." Sie schloss die Augen und probierte auch den Rest. "Das ist total lecker!"

"Ja, nicht?!", freute sich Flo, "ich habe eine spezielle Creme-Füllung mit schwarzem Tee als Grundlage entwickelt. Den schmeckt man auch sehr gut raus. Die anderen bisherigen Sorten sind Hibiskus, Datteln und Pfefferminze. Und das beste ist, die Füllungen machen sich auch gut in Tafelschokolade, Törtchen und Keksen. Deswegen die Aufreihung. Ich habe die Creme in anderer Umgebung testen wollen."

"Das klingt doch wirklich super! Von den fünf geforderten Sachen sind vier schon fertig. Aber warum hast du dich für so unscheinbare Pralinen entschieden und wieso bist du so gereizt?"

"Na, die einfache Form deswegen, weil sich auch in der Wüste die Schönheit meist unter der Oberfläche verbirgt und nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist."

"Ja, das leuchtet mir ein. Aber was macht dich dabei jetzt so fertig?"

Flo blickte Mia zerknischt an.

"Naja, die Krönung sollte eine Kaktus-Creme-Füllung werden, doch das Zeug schmeckt so ekelig, dass ich seit Tagen keine vernünftige Praline daraus fertigen kann. Irgendwie vertragen sich die Creme-Anteile nicht mit dem Kaktus-Mus. Ich habe die verschiedensten Varianten ausprobiert, doch dabei ist jeden Tag nur ein ganzer Mülleimer voll von klebrigem Zeug rausgekommen. Alles nur zum Wegschmeißen. Es will mir einfach nicht gelingen."

"Ach herrje, na komm. Wir trinken vorne erstmal einen schönen Tee und ich probiere die anderen fertigen Pralinen. Zusammen fällt uns dann sicherlich was ein."

"Aber der Wettbewerb ist doch schon übermorgen", fragte Flo verzweifelt, "wie soll ich das denn jetzt noch schaffen?!"

Mia strich ihm tröstend über den Arm, bevor sie ein kleines Tablett mit den fertigen Pralinen belud. "Mit Mut", sagte sie, "oder, wie der Franzose sagt, mit Courage!"

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Genres:
* Prosa *


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