Ungeplanter Weg

Montag. Ich sitze an meinem Schreibtisch und lese eine Zeitschrift. Mein Blick fällt auf den Wecker. 14:34 Uhr. Jetzt muss ich mich aber beeilen. Schnell raus aus den Schlabbersachen und rein in vernünftige Klamotten. Laut BVG-Fahrplanauskunft muss ich 15:12 Uhr die U-Bahn nehmen, um 15:50 Uhr anzukommen. Ich wollte doch noch was essen. Ich hole die restlichen Sushi-Rollen aus dem Kühlschrank, zusammen mit der Soja-Sauce und dem Wasabi, und stelle alles auf meinen Schreibtisch. Auch eine Dose mit Guavensaft. 14:45 Uhr. Ich schaufele mir mit den Stäbchen eine Maki-Rolle nach der anderen in den Mund und lese dabei weiter in der Zeitschrift. 14:55 Uhr. Jetzt aber flott. Zähneputzen, Schuhe an, Jacke an, Rucksack gegriffen und los. Ich beeile mich, zur Ampel zu kommen. 15:06 Uhr. Super, da schaffe ich es noch schnell beim Briefkasten vorbei. Gesagt, getan. 15:10 Uhr komme ich auf dem Bahnsteig an. 15:12 Uhr kommt die Bahn und ich steige ein. Ich bleibe stehe, da ich ja Wuhletal in die S-Bahn umsteigen will. Die Bahn ist voll, es sitzt eine Mädchengruppe auf der Bank gleich neben der Tür, an der ich lehne. Irgendwas fehlt an meinem rechten Arm. So ein Mist! Ich habe meine Stöcke zu Hause vergessen. Ohne kann ich doch nicht zum Sport. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass jemand zwei Paar mitbringt und mir welche borgen könnte. Also zurück nach Hause. Und dann wieder los? Ich überschlage die Zeit. Nein, da käme ich über eine halbe Stunde zu spät. Das lohnt dann nicht mehr. Und auf 20 Liegestütze während alle zusehen habe ich auch keine Lust. Die Bahn fährt Wuhletal ein. "Los, umsteigen", sagt eines der Mädchen neben mir. Sie steigen aus. Ich nach ihnen. Langsam gehe ich zum Ausgang. Jetzt gleich nach Hause? Ist doch so schöne Sonne. Ich wende mich nach links. Da kann ich heute mal den Weg durch das Wuhletal nach Hause laufen und herausfinden, wie lange das dauert. Ich werfe einen Blick auf mein Handy. 15:15 Uhr. Morgen sollte ich mich darauf konzentrieren, nicht die Hälfte zu vergessen. Der Sandweg ist leer außer mir. Die Wuhle fließt an meiner linken Seite, an meiner rechten reihen sich kleine Tümpel aneinander, die eine weiße Oberfläche haben und zugefroren scheinen. Enten schwimmen im Flüsschen, watscheln am Ufer und suchen Futter. Ein Erpel wackelt mit seinem Bürzel. Ich denke an gestern Abend: Das wäre eine Episode, die man aufschreiben könnte. Schon verrückt. Vielleicht wollte mein Unterbewusstsein so etwas provozieren? 15:23 Uhr. Es läuft sich gut. Mir gefällt die Ruhe und die Natur mitten in der Stadt, auch wenn alles noch ziemlich braun statt grün ist. Ich sehe zwei Menschen mir entgegenkommen. Zwei Frauen. Die erste hat eine knallrote Jacke an und eine schwarze Mütze auf. In der Hand hält sie einen Fotoapparat. Die zweite trägt eine schwarze Jacke und hält eine gelb-schwarze Netto-Plastiktüte in der Hand. Sie schauen beide auf das andere Ufer. Ich folge ihrem Blick und sehe: Rehe. Grasende Rehe im Unterholz. Ein Lächeln überzieht mein Gesicht. Vielleicht ist es ja nicht so schlecht, dass ich meine Stöcke vergessen habe. An einer kleinen Brücke spielen Kinder. Zwei Jungs, ein Mädchen. Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr: "...nach so vielen Jahren..." Lachen. "Annegret, bei Fuß!" Kein Tier zu sehen. Das Mädchen betritt die schmale Fußgängerbrücke: "Kommt ihr mit?" Sie laufen am anderen Ufer weiter. Ein Mann führt seinen Mops Gassi. Oder wie heißt die kleine Hunderasse mit dem Knautschgesicht? Ein Mann auf einem Rennrad kommt mir entgegen. Er trägt eine braune Raulederjacke. Dir Rückseite meiner Beine ist kalt, aber ansonsten geht es. Das Laufen hält warm. Ich gehe gerne spazieren. Jetzt gehe ich unter den großen Versorgungsröhren durch. Bloß nicht auf dem Eis, das sich darunter gebildet hat, ausrutschen! Langsam kommt die kommt die Brücke in sich, auf der die Straße verläuft. Ein Jogger beginnt seinen Weg in die Richtung, aus der ich komme. Männlich oder weiblich? Männlich. Auch warm eingepackt bei diesen Temperaturen. Ein roter Feuerwehrwagen mit Blaulicht und Sirene überquert die Brücke. Ich verlasse die Natur. Die Stadt hat mich wieder. 15:35 Uhr. Der Weg dauert also 20 Minuten. Ich will die Straße überqueren, doch in der Blechschlange ist keine Lücke. Ich laufe weiter. Da! Endlich eine größere Lücke. Jetzt aber schnell rüber, solange auch auf der Gegenfahrbahn frei ist. Ich laufe zu meinem Haus. Ich sehe in den Briefkasten und beschließe, nach ewigen Zeiten mal wieder in den Keller zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Meine Fahrräder stehen noch da. Die Reifen könnten allerdings Luft gebrauchen. Ich sehe mich um und erblicke eine Tür, die mir bisher noch nie aufgefallen ist: Trockenraum. Wie, haben wir etwa doch einen Trockenraum? Gestern habe ich noch einer Freundin erzählt, dass mein Wäscheständer bei mir in der Wohnung steht, da es so etwas nicht gibt. Ich versuche, die Tür zu öffnen. Abgeschlossen. Keiner meiner Schlüssel passt. Ich laufe weiter durch den Keller. So groß ist doch unser Haus gar nicht. Ich drehe mich um. Anscheinend bin ich gerade unter dem Nachbarhaus. Ich laufe zurück zum Kellereingang. Also gibt es bei uns einen Fahrradkeller und im Nachbarhaus stattdessen einen Trockenraum. Ich gehe aus dem Keller, schließe die Tür ab und stapfe die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Um 15:46 Uhr stehe ich wieder in meinem Flur. 15:50 Uhr. Ich sitze wieder an meinem Schreibtisch.

hoch

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Genres:
* Prosa * Wahre Geschichte * Alltagsgeschichten *


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