René und der grüne Brotaufstrich

René sah aus dem Fenster. Die Landschaft zog vorbei. Sie hatte sich im Laufe des Tages mehrmals geändert: von Bergen zu Tälern, zu flachem Land in braun, grün und gelb. Es war Spätfrühling und die Rapsfelder dominierten die Sicht. Jetzt kam er wieder in städtischere Gegenden. Sein Ziel, der Berliner Hauptbahnhof, rückte näher. Noch dreißig Minuten. Dann würde er sein Ziel erreicht haben. Er war schon ganz gespannt. Das letzte Mal hatte er Patrizia beim Schüleraustauch in der 9. Klasse gesehen. Zehn Jahre waren seitdem vergangen, doch vor drei Monaten hatten sie sich auf Facebook wiedergefunden. Sie hatten Nächte mit Chatten und später auch mit Telefonieren verbracht. dabei hatten sie sich, wie schon früher, auf Anhieb gut verstanden. Sie hatten sich auch gegenseitig Fotos geschickt, doch jemandem gegenüberzustehen war doch ein Unterschied. Daher hatten sie beschlossen, sich gegenseitig zu besuchen, damit sie nicht nur die Person, sondern auch die Sprache und die Umgebung wiederentdecken konnten. René machte den Anfang und so saß er jetzt nach fast einem Tag im Zug im ICE nach Berlin.

Es ertönte eine Melodie ♪ ♫ ♪ ♫ ♪ und der Lautsprecher knackte: "Wir erreichen jetzt den Bahnhof Berlin Hauptbahnhof. Dieser Zug endet dort. Alle vorgesehenen Anschlüsse werden erreicht. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen. Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Fahrt mit der deutschen Bahn und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt in Berlin." Endlich angekommen!

Patrizia wartete schon auf dem Bahnsteig. "Salut René. Hattest du eine gute Reise?" "Salut Patrizia. Ja, aber so eine Bahnfahrt von Lyon nach Berlin ist schon ganz schön anstrengend, zumal ich ja in Paris umsteigen musste." "Na zum Glück ist es bis zu mir nicht mehr weit. Dort kannst du dich dann ausruhen", lachte Patrizia, "und ich bereite schon mal ein kleines Abendessen vor. Magst du immer noch deutsches Roggenbrot." "Oh ja, sogar sehr gern. Leider gibt es so etwas ja nicht in Frankreich. Auch unser pain-demi kann man nicht mal annähernd mit dem deutschen Brot vergleichen", entgegnete René. "Dann mal los in Richtung Brot", antwortete Patrizia.

Sie verließen das Gleis mit den Fernzügen, nahmen die S-Bahn bis zur Friedrichstraße und von dort aus die U-Bahn bis zum Mehringdamm. Patrizia wohnte in einer Altbauwohnung mit zwei Mitbewohnerinnen im Stadtteil Kreuzberg. Sie hatte noch Glück gehabt: Kurz nach ihrem Einzug fingen die Mieten in dieser Gegend an zu steigen. Mittlerweile war es ein sehr beliebter Bezirk mit hohen Mietpreisen geworden, in dem trotzdem selten mal eine Wohnung frei war. Patrizias Wohung hatte neben den drei Zimmern der Mädchen noch eine geräumige Küche mit Esstisch, einen Balkon und ein kleines Wohnzimmer mit einem blauen Sofa. Das würde für die nächste Woche Renés eigenes kleines Reich sein. "Packe du erst mal in Ruhe aus und erhole dich ein wenig von der Fahrt. Ich decke derweil schon mal den Tisch", sagte Patrizia und verschwand in der Küche. "In Lyon sind die Wohnungen anders als bei uns in Lyon, vor allem größer", dachte René. "Wohngemeinschaften gibt es bei uns meist nur während des Studiums. Sobald sie zu arbeiten anfangen, suchen sich die meisten etwas Eigenes. Ich bin da keine Ausnahme." Er stellte seine Reisetasche auf den Boden und verstaute seine Sachen in der Kommode neben dem Sofa. Letzteres war schon ausgeklappt und zum Schlafen vorbereitet worden. "René, kommst du?", rief Patrizia aus der Küche. "Oui, oui, j'arrive."

Als er in die Küche kam, fiel sein Blick als erstes auf den großen Eichenholztisch. Der quoll förmlich über. Patrizia hatte nicht nur ein einfaches Abendessen mit Brot und Belag vorbereitet, sondern neben diversen Brotsorten auch Obst, Gemüse, Käse, Wurst und verschiedene Aufstriche aufgetischt. René war sichtlich beeindruckt. "Nur das Beste für den Gast", lachte Patrizia, als sie seinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkte. "Wir essen normalerweise abends nicht in so viel, aber dass wir zwei uns nach zehn Jahren mal wiedersehen, ist auf jeden Fall ein Grund zum Feiern. Da du allerdings unbedingt Brot essen wolltest, habe ich das ein wenig ausgebaut. René gefiel das und sie setzten sich zum Abendbrot. "Ich hoffe, du erwartest noch ein paar andere Gäste, um diese Mengen zu vertilgen", meinte René. "Ach was, du hast sicher einen Bärenhunger nach der Reise und später kommen noch Marie und Lisa, die sicherlich gerne mitessen", erwiderte Patrizia. "Also, welche Brotsorte möchtest du zuerst probieren?" Sie reichte René den Brotkorb. Er entschied sich für Roggenbrot mit Mohn- und Sesamkörnern. Auf der Suche nach einem passenden Belag ihm ein kleines Glas mit grüner Paste ins Auge. "Was ist denn das? Sieht giftig aus", meinte er skeptisch. "Das? Nein, nein. Das ist Bärlauch-Aufstrich. Den habe ich selbst gemacht. Der Bärlauch wächst ganz gut auf dem Balkon. Zurzeit ist das der neueste Schrei. Die alten Kräuter, Gewürze und ihre Zubereitungen werden für die moderne Küche wiederentdeckt. Deswegen gibt es jetzt solche Aufstriche als Alternative zu Käse und Wurst. Insbesondere für die Vegetarier eine Bereicherung. Mir schmeckt das sehr gut! Probier einfach mal!", sagte Patrizia und gab ihm das Glas. "Das ist wirklich lecker!"staunte René. "Vielleicht kannst du mir ja zeigen, wie du den Aufstrich machst, und ich erkundige mich im Internet über diese Pflanze. Das ist ein gutes Mitbringsel für meine Familie. Bon appétit!"

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* Prosa * Alltagsgeschichten *


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