Die Flussnymphe

Isabelle war auf dem Weg zum Fluss. Endlich war der Sommer da. Wärme, Sonnenschein und Federwölkchen. Wenn es mal regnete, kamen warme Tropfen vom Himmel. In dieser Zeit war es für Isabelle das Schönste, sich am Fluss ins weiche Gras zu legen, die Wärme der Sonne auf sich zu spüren und sich gelegentlich im kühlen Nass zu erfrischen. Isabelle bevorzugte einen Platz am Waldrand, wo sie sich auch ab und zu in den Schatten der Bäume zurückziehen konnte. In den Abendstunden waren auch größere Gruppen Jugendlicher am Fluss und meist hatte einer von ihnen eine Gitarre dabei. Mit Musik, Stimmengewirr und dem sanft rauschenden Fluss wähnte sich Isabelle an einem Lagerfeuer am Strand, wie in den Ferienlagern in ihrer Kindheit. Damals hatten sie immer einen Topf mit Brotteig dabei gehabt und diesen an Stöcken über dem Feuer geröstet. Das war jedes Mal wieder ein Erlebnis gewesen und hatte, wenn auch ein wenig angebrannt, sehr gut geschmeckt. Für Isabelle als Kind war das sehr schön gewesen. Auch der Fluss wurde ab und zu von Kindergruppen besucht, doch seit etwa zwei Jahren war das Ufer zu einem sehr beliebten Jugendtreff geworden, insbesondere für diejenigen, die kein Auto hatten, um in die nächstgelegene Stadt zu fahren. Isabelle war nur noch selten im Dorf. Sie hatte gerade ihre Ausbildung beendet und eine Arbeitsstelle in der Stadt gefunden. Dies war ihr erster Urlaub und sie verbrachte ihn zu Hause bei ihren Eltern. Natürlich hatte sie auch früher am Fluss gesessen, doch war sie dabei meist allein geblieben. Es war ihr Platz zum Nachdenken und Träumen. In lauen Sommernächten gefiel es ihr immer am besten, trotz der vielen anderen Menschen, welche mittlerweile den Platz für sich entdeckt hatten. An manchen Abenden musste sich Isabelle ihren Platz fast schon mit einem Namensschild reservieren, so voll war es. Häufig war dies bei spontanen Feiern der Fall, doch man kannte sich in dem kleinen Ort und hielt Isabelle ihren Platz frei. Heute würde sie jedoch seit langem endlich mal wieder allein sein. Es war Montagmorgen und die Jugendlichen waren entweder mit ihren Eltern verreist oder schließen noch, da sie bis in den Morgen hinein in der Stadt gewesen waren oder am Flussufer gefeiert hatten. Isabelle konnte quasi einen Fahrplan mit den Ankunftszeiten der anderen aufstellen. Sie hatte sich extra zu dieser frühen Morgenstunde aus dem Haus begeben, um mal wieder ungestört nachdenken zu können.

Der Morgen war herrlich. Es würde ein schöner warmer Julitag werden. Isabelle sah noch die Tautropfen auf den Blättern in der Sonne glitzern. Sie erreichte den Fluss. Dort war das Gras schon in der Sonne getrocknet, nur an ihrer Lieblingsstelle im Halbschatten gab es noch etwas Tau. Isabelle wollte den Tag am Fluss verbringen und hatte sich als Snack eine Wassermelone mitgenommen. Klein geschnitten und gut verpackt in einer Plastikdose legte sie diese ins feuchte Gras, um sie zu kühlen. Dann zog sie sich aus, um sich im Fluss zu erfrischen. Das Wasser war an dieser Stelle etwa 1,60 Meter tief, so dass Isabelle noch stehen konnte, und recht ruhig. Es bewegte sich langsam und stetig vom Wald auf das Dorf zu, bis zur großen Mühle, wo es dann zu den Stromschnellen floss. Isabelle fand es wunderbar. Sie planschte im Wasser wie ein kleines Kind und genoss es, den Fluss für sich alleine zu haben. Plötzlich nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Isabelle drehte sich herum. Dort stand ein anderes Mädchen im Wasser. Sie schien jünger zu sein, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, und trug ein langes hellblaues Kleid. "Oh!", sagte Isabelle, "Ich dachte, so früh am Morgen bin ich hier alleine. Guten Tag. ich heiße Isabelle und du?" Das Mädchen sah sie aufmerksam an. "Du brauchst keine Angst zu haben. Ich wollte dich nicht erschrecken. Habe ich dich gestört?" Die andere nickte: "Normalerweise bin ich hier morgens alleine." "Entschuldige bitte", erwiderte Isabelle, "ich war als Kind sehr oft hier. In letzter Zeit allerdings nicht, da ich jetzt in der Stadt wohne und arbeite. Ich dachte, morgens wäre es hier so ruhig wie früher, da das Ufer ja nachmittags und abends mittlerweile ein beliebter und ziemlich lauter Treffpunkt ist." "Ich weiß", antwortete das Mädchen. Isabelle sprach weiter: "Schau mal, dort, wo die kleine Box mit der Wassermelone steht und meine Sachen liegen, direkt am Waldrand, das ist mein Lieblingsplatz." Dabei drehte sie sich und wies mit dem Arm in die entsprechende Richtung. "Ich weiß", antwortete das Mädchen. "Ich wünsche dir einen schönen Tag." "Ach, du willst schon gehen? Du kannst gerne bleiben. Ich wollte dich nicht vertreiben", antwortete Isabelle und drehte sich wieder zu dem Mädchen um. Aber sie war nicht mehr da. Isabelle schaute sich um, trotzdem konnte sie die Kleine nicht mehr entdecken, weder im Wasser, noch am Ufer oder im Wald. "Wo ist sie denn so schnell hin?", überlegte Isabelle. Doch sie konnte sich die Frage nicht beantworten. Isabelle verbrachte die nächsten Stunden in angenehmer Ruhe am Fluss, aß ihre Wassermelone und grübelte weiter über das seltsame Mädchen nach.

Als sich am späten Nachmittag zunehmend mehr Leute zum Feiern einfanden und es immer lauter wurde, packte Isabelle zusammen und ging zurück zum Haus ihrer Eltern. Beim Abendessen erzählte sie ihrer Familie von der Begegnung: "Das war sehr seltsam. Sie war ganz allein so früh am Morgen im Fluss. Außerdem hatte sie keine normalen Badesachen, sondern ein langes Kleid an. Zuerst habe ich sie gar nicht bemerkt. Sie hat kaum mit mir gesprochen. Und dann, von einem Moment auf den anderen, war sie einfach weg! Ich habe sie nicht mal mehr am Ufer weggehen sehen. Sie hat sich nicht mal verabschiedet. Kennt ihr sie?" "Nein", antworteten ihre Eltern, "aber das kann auch ein Mädchen aus dem Nachbarort gewesen sein." "Aber sie war so plötzlich weg", wunderte sich Isabelle. "Vielleicht war es ja die Nymphe", meinte ihre kleine Schwester Milène. "Welche Nymphe?" "Na due Flussnymphe, die darüber wacht, dass der Fluss sauber bleibt und dass es allen Pflanzen und Tieren gute geht." Und dann gibt es noch die Waldnymphe, die auf den Wald aufpasst. Das steht doch alles in Sagenbüchern aus unserer Gegend", erklärte Milène. "Ach was, Nymphen! Die gibt es nicht! Das steht doch alles nur in Büchern, wie du ja schon selbst sagst. Alles erfunden. Du liest einfach zu viel. Da geht wohl deine Fantasie mit dir durch, meine Kleine", entgegnete Isabelle. "Das sagst du so. DU hast sie doch gesehen. In einem langen blauen Kleid ganz früh am Fluss. UND sie war ganz plötzlich verschwunden. Also war es eine Nymphe!" "Was für eine absurde Argumentation. Deine Waldnymphe trägt dann wohl ein langes grünes Kleid, oder was? Für ihr Verschwinden gibt es sicherlich eine logische Erklärung. Nymphen sind Sagengestalten. Die gibt es nicht." "So, jetzt wollen wir aber in Ruhe weiteressen", sagte ihre Mutter und beendete damit die Diskussion.

Als Isabelle ins Bett ging, beschäftigte sie immer noch das Mädchen vom Morgen. "Ach was, sie wird wohl einfach ganz schnell nach Hause gegangen sein. Dabei hat sie sich anscheinend versteckt, da sie mich ja nicht kannte. Immerhin bin ich ja ein ganzes Stück älter. Vielleicht habe ich sie wirklich erschreckt", dachte Isabelle und drehte sich um. Beim Aufwachen am nächsten Morgen hatte Isabelle das Mädchen vom Fluss schon wieder vergessen.

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* Prosa * Fantasy *


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