Wie isst man Grünkohl?

Es gibt nicht viel, was Eugen mehr verabscheute als Grünkohl. Moderne Kunst vielleicht oder Bücher mit mehr als 100 Seiten. Bierzelte mit Rauchverbot. Rote Ampeln. Die Benzinpreise. Die Tabaksteuer. Seine inexistente Exfrau. Schreiende Kinder. Schreiende Frauen. Schreiende Männer. Irgendetwas, das schreit. Und noch eine ganze Menge mehr, doch daran erinnerte er sich nur unter bestimmten Bedingungen. Zudem war er sowieso sehr kreativ im Verabscheuen, er konnte Dinge, die er nie zuvor gesehen hatte verabscheuen, oder Dinge, die er eigentlich liebte. Letztes Weihnachten zum Beispiel über den Klositz gebeugt, verabscheute er ausgiebig die Gans, nachdem er sie stundenlang geliebt hatte.

Doch zurück zum Grünkohl. Jenem häretischen Kraut, dass sich mit Eugens Zunge verbündete, um seine Gedärme in einem todbringenden Tornado zu vernichten.

Er hatte schon drei Teller verputzt, als er zu seiner Frau Hildegart hinübersah und ächzte: "Wie lange dauert‘s zur Notapotheke?"

"Notapotheke?"

Eugens Magen gluggerte sich auf gefühlte Windstärke 10.

"Notapotheke", presste er heraus.

"Wozu das denn?"

"Ich leide Hildegart!"

"Ach, sei nicht so dramatisch."

Eugen griff sich, tief einatmend, an die Brust, erinnerte sich dann daran, wo der Schmerz herkam und nestelte an seiner Gürtelschnalle herum.

"Eugen, was soll das werden?", fragte Hildegart scharf.

"Ooh... Ooh - Hildegart - Ich leide!", stöhnte Eugen und öffnete seine Hose.

"Das muss ich mir nicht antun", kommentierte Hildegart, fingerte von irgendwoher einen Handspiegel hervor und begann sich mit den brüchigen Stoppeln zu beschäftigen, die sie Wimpern nannte.

Eugen indes war der festen Überzeugung, dass er noch heute Nacht sterben würde, die Frage war nur, ob er platzen oder an seinem eigenen Erbrochenen ersticken würde. Er persönlich zog platzen vor, dass schien ihm kurz und schmerzlos, wenn auch recht peinlich.

"Hast du die alte Hexe Schulz heute Morgen gesehen?", fragte Hildegart, resignierend den Versuch aufgebend ihren milchigen Augen irgendwie Schönheit zu verleihen, "Die Pest mit der gebrochenen Hüfte?"

Eugen konzentrierte sich auf‘s Zugrundegehen. Hidegart entschied sich für einen Monolog.

"Die mit ihrer Geschichte von wegen sie wäre ausgerutscht, weil kein Streusand gestreut war - bestimmt ist nur ihr Köter irgendeinem Auto nachgejagt und hat sie von den Füßen gerissen."

Eugen fühlte, wie der Tornado immer weiter in die Tiefen seiner Gedärme sank. Mittlerweile wünschte er sich nur noch nach vorne aufzuplatzen. Der Tornado schien allerdings der Meinung zu sein, dass man kein weiteres Loch machen müsse, wenn doch schon eines in Reichweite war.

"Muss - zur - Toilette", quetschte er hinaus und flüchtete.

Doch das Buch, worauf sein Blick fiel, als er die Tür zum Badezimmer aufriss, verschlug ihm sozusagen den Tornado. Es war ein Erotik-Roman mit dem Titel "Abenteuer im Altersheim".

Jetzt gab es mehrere Gründe, warum Eugen anfing alles mögliche zu verabscheuen. Zunächst einmal fing er an die gesamte Masse der Erotik-Romanschreiber zu ewigen Höllenqualen zu verdammen, obwohl er selbst stolzer Besitzer einiger Exemplare war. Dann verfluchte er seine Frau dafür, dass sie diesen Schund anscheinend las und ließ es sich auch nicht nehmen, eine kurze Hasstirade auf seine inexistente Exfrau loszuwerden, einfach um Dampf abzulassen. Zuletzt pfefferte er das - auch noch 500 Seiten dicke Machwerk - in die Toilette und betätigte hochroten Kopfes den Abfluss. Gleich darauf fing er an die zu engen Öffnungen diverser Rohre zu verabscheuen. Grimmig griff er zum Pömpel.

"Ist alles in Ordnung Eugen?", kam Hildegarts Stimme von hinter der Tür.

"Ja - Weib!", grunzte Eugen erhitzt und stopfte den Pömpel in den unschuldigen Rachen der Toilette.

"Möchtest du noch etwas Grünkohl?"

Die Frage wirkte wie eine Reanimation auf den Tornado.

"Uh - Oh", stöhnte Eugen, riss sich die Hose vom Leib und setzte sich schwungvoll auf den Toilettensitz. Dabei kam er allerdings in Regionen, die vom Pömpelstiel okkupiert wurden.

Einen Schmerzensschrei ausstoßend sprang er auf, riss wutentbrannt den Pömpel samt festgesaugtem 500-seitigen Erotik-Roman aus der Toilette und schleuderte ihn gen Badezimmertür. Leider war dort allerdings nicht mehr die Tür, sondern das Gesicht der mäßig besorgten Gattin Hildegart, die sich dazu entschieden hatte, dem mysteriösen Treiben ihres Gatten nachzugehen. Diese ungünstige Konstellation führte dazu, dass Hildegarts Nase durch "Abenteuer im Altersheim" gebrochen und im Standesamt eine längst überfällige Scheidung eingereicht wurde.

Und obwohl der zuständige Beamte den Auftritt des in befleckter Unterhose herum gestikulierenden Mannes und der aus ihrem blutbesudelten Gesicht in einem fort schreienden Frau ohne mit der Wimper zu zucken über sich ergehen ließ, brach er beim Blick auf den angegebenen Scheidungsgrund in schallendes Gelächter aus.

In den vorgegebenem Platz stand in geschwungenen Lettern:

Differenzen über Grünkohl.

hoch

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Genres:
* Prosa *


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