Die Prüfung des Herrn K.

Herr K. war der Angestellte einer undefinierbaren, mittelständischen Firma, ein Arbeiter des Schreibtisches und der Papiere. Er bestellte Dinge und verrechnete die Einnahmen, wusste die Gewinnspanne zu definieren und den zu erwartenden Absatz zu schätzen. Womit sich Herr K. also nicht auskannte, waren körperliche Anforderungen.

Doch 20 Jahre nach Herrn K.s erstem Arbeitstag sollte sich eine ganz unberechenbare Macht dazu hinreißen lassen, ihm eine solche zu stellen – die Umwelt. Es war Anfang Dezember, als der Schnee das öffentliche Schienennetz malträtierte und Eis das übrige tat, um das Fortkommen in der Stadt in beträchlichem Maße einzuschränken. Just in diese Zeit fiel nun aber ein Arbeitstag des Herrn K., an dem sein Vorgesetzter ihn dazu anwies, den Weg zu einem Zulieferer am anderen Ende der Stadt anzutreten, welcher den geschäftlichen Kontakt abbrechen wollte. Herr K. verließ also sein beheiztes Büro und ging zu seinem Firmenwagen.

Dieser ließ ihn im Stich. Ein Zittern durchlief den Angestellten, weder dem Frost noch den zu erwartenden Schwierigkeiten klar zuzuordnen, bevor er, wie er es öfters tat, die eine Faust krachend in der anderen Hand versenkte und rief: "Das wär doch gelacht!"

Die S-Bahn zeigte auf ihrer Tafel eine Wartezeit von 12 Minuten an. Der Bahnsteig roch trotz des üppigen Schnees nach Abfall und dem ranzigen Fett einer nahen Imbissbude. Ein abgerissener Mann wankte auf Herrn K. zu. Beim Sprechen blies er dem Angestellten eine Wolke Alkoholgeruchs ins gerötete Gesicht.

"Haste ma' Feuer?"

Obwohl Herr K. tatsächlich ein Feuerzeug in einer seiner Manteltaschen deponiert hatte, antwortete er halb der Bequemlichkeit, halb der Abneigung wegen mit nein. Der Fragende reagierte darauf mit einer recht unflätigen Geste, weshalb es eine Erleichterung, fast eine Rettung für Herrn K. war, als in diesem Moment seine Bahn einfuhr.

Im Inneren waren wenige Menschen, etwa die Hälfte verschnupft. Der Angestellte suchte sich einen Sitzbereich, in dem er ganz allein war, und nahm seine Aktentasche auf die Knie, was ihm, wie er dachte, ein höchst korrektes Aussehen verlieh. Gerne wäre er die ganze Fahrt über so alleine sitzengeblieben, doch schon am nächsten Bahnhof stiegen zwei stämmige Gesellen mit Bierflaschen in den derben Händen ein und setzten sich lachend breit neben ihn. Ihr Gespräch steigerte sich von der Schinderei auf dem Bau über das Flittchen eines gewissen Meiers zu einer Grölerei über alte Geschichten, die man nicht verstehen konnte, war man nicht dabei gewesen. Das Raum-nehmende, kräftig-natürliche der beiden überforderte Herrn K. dermaßen, dass er vorschützte aussteigen zu müssen und auf der Hälfte der Strecke auf die nächste S-Bahn wartete.

Diese schien gerne auf sich warten zu lassen; mehrmals knackte und knisterte durch die Lautsprecher eine Entschuldigung für die Verspätung um 5, 10, 15 oder 20 Minuten. Es war eine dieser perfiden Situationen, in denen man das Warten in Kauf nimmt, weil man schon gewartet hat. Zwar war der Bahnsteig wie leergefegt, doch dafür stürmte ein unerbittlich in jede freie Hautstelle schneidender Wind unter dem weiß-schwarzen Dach vorbei. Bald konnte Herr K. kaum mehr tun als in allen relevanten Muskeln zitternd die exponierten Körperregionen so gut es ging an den Leib zu pressen. Nach einer geschlagenen halben Stunde krampfte er die fast tauben Finger um sein Handy und bestellte ein Taxi. Man verhieß ihm eine Wartezeit von 20 Minuten, was ihm den quälenden Gedanken eingab, ob es nicht doch leichter gewesen wäre, die Stimmen der Trinkenden zu ertragen. Doch die Faust in seine Hand schlagend sagte er laut "Das wär doch gelacht!" und verbot sich, hypothetische Gedankenexperimente aufzustellen, für die er ohnehin kaum etwas übrig hatte. Die hatten zu wenig den Anstrich von Ordnung!

Als das Taxi kam, spürte er Finger, Gesicht und Zehen nicht mehr, weshalb er denn auch einstieg, ohne irgendein Wort des Fahrers abzuwarten. Mit dem Gefühl endlich erreichter, endgültiger Sicherheit nannte er die Adresse. Auf der Fahrt erfuhr er allerlei über den Fahrer, vergaß es aber sogleich wieder, hatte er sich doch jetzt, wie er meinte, auf andere Dinge zu konzentrieren.

Nach etwa einer halben Stunde stieg er aus, bezahlte und sah sich einem langweiligen, plumpen Bürokomplex gegenüber. Der Name auf dem Klingelschild stimmte, ein Öffnen war dennoch auch nach mehrmaligem Sturmklingeln, das imstande war, Herrn K. noch Schamesröte ins Gesicht zu treiben, nicht zu erwirken. Beim Telefonat mit seinem Vorgesetzten wurde der Angestellte schließlich darüber in Kenntnis gesetzt, dass der Zulieferer mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei und daher jeder weitere Umgang mit ihm unmöglich sei. Herr K. sah dies sofort ein und machte sich auf den Rückweg.

Als er am Bahnhof anlangte, unterrichtete ihn die Anzeige davon, dass die Züge bis auf weiteres ausfielen. So rief er erneut bei der Taxifirma an, doch auch hier sagte man ihm maschinell, dass alle Fahrer belegt oder aber nicht erreichbar seien. Ihm lief wieder jenes nicht zuzuordnende Zittern über den Rücken. Auch die Busse fuhren nicht, überhaupt schien jedweder motorisierte Untersatz dem jungfräulichen Schnee auf den Straßen den Vortritt lassen zu wollen.

So schlug er wieder zu, sagte "Das wär doch gelacht!" und ging einfach an den Schienen entlang, fest entschlossen, den Weg zur Arbeit, zumindest aber zur nächsten Anbindung an das Verkehrsnetz, zu Fuß hinter sich zu bringen.

Je weiter er ging, desto dichter fiel der Schnee und desto schräger blies der sadistische Wind ihn dem Angestellten ins Gesicht. Neben seinen Fußspuren schienen sich regelrechte Schneeberge zu bilden, bald waren sie so groß, dass er weder die Schienen auf der einen noch die Straße auf der anderen Seite sehen konnte. Auch der Weg unter seinen Füßen wurde immer gewölbter, es ging auf und ab, an manchen Stellen versank er bis zur Hüfte im Schnee und musste sich minutenlang wieder herausarbeiten. Der fallende Schnee verwandelte sich mit der Zeit zu festem Eis und trommelte wie heiße Glassplitter auf Wange, Stirn und Kinn des Angestellten. Manchmal schien es ihm, als müsse er fast senkrecht hinaufklettern, um seinen Weg beizubehalten, weshalb er auch immer öfter seine Hände zur Hilfe aus den schützenden Manteltaschen ziehen musste. Dann wieder war unter dem weißen Schnee eine makellose Eisschicht, und mehr als einmal rutschte Herr K. aus und landete der Länge nach in den kalten Flocken, sodass ihm der Schnee in Kragen und Hosenbund platzte. Das Schlimmste aber war ein schier undurchdringlicher Nebel, der sich rasch entwickelt hatte und selbst die Sicht auf die nächstgelegenen, hohen Wohnhäuser verdeckte.Irgendwann bleib der Angestellte nach einem besonders schmerzlichem Sturz einfach liegen. Man weiß ja, wo ich bin, dachte er leichtfertig, man wird mich finden, aber weiter kann ich beim besten Willen nicht, das kann niemand von mir verlangen. So schlief er ruhig ein.

Als er aufwachte, bemerkte er, dass er in einem Sarg lag. Das glatte Ebenholz ließ kein Licht in den Kasten eindringen, nur der Schall schwoll durch die ausgekleideten Bretter. Herr K. wunderte sich zutiefst, doch als er die unverkennbare Stimme eines Pastors vernahm und ihm seine gerade vor sich gehende Beerdigung bewusst wurde, entschied er sich, die Veranstaltung auf keinen Fall zu stören, sondern erst nach ihrer Beendigung die erfreuliche Nachricht seines Überlebens zu verbreiten. Es dauerte nicht lange, da wurde er aufgehoben, und man trug den Angestellten mit gemäßigten, vor Haltung bebenden Schritten zu dem ihm bestimmten Grab. Die pflichtbewussten Bewegungen, das totenstille Abseilen sowie die von Ehrwürdigkeit, von Haltung völlig durchdrungene erste Schaufel Erde, die seinen Sarg traf, bestärkten ihn in seinem Vorsatz, diese Veranstaltung auf keinen Fall vor ihrem rechtmäßigen, geplanten Ende zu unterbrechen.

Erst nachdem er sich sicher war, die letzte Stimme langsam vergehen gehört zu haben, traute er sich den Sarg zu öffnen. Doch er hatte kaum die kalte, fast weiße Sonne gesehen – von der Kälte spürte er kaum mehr etwas, war es doch zwischen den Dielen ebenso kalt gewesen – da traf ihn eine ordentliche Ladung mit Schnee leicht durchsetzter Erde ins Gesicht. Die Sonne, von den braun-weißen Punkten aufgefressen, ließ einen letzten Lichtstrahl auf seinen Augen verlöschen, und während seine Lippen noch einmal tonlos die Worte "Das wäre doch gelacht" formten, die geballte Faust unerreichbar von der anderen Hand entfernt, sank er zurück in den Sarg. In der allgegenwärtigen Kälte erstarrte er.

hoch

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