Medizinische Intervention

Wenn man sein Geld mit hochstapeln verdient, dann musste man nicht gut sein. Man musste nicht ausdauernd oder lernfähig, klug oder geschickt sein, nur dumm oder dreist, am besten dummdreist. Und Schulze war so dummdreist, dass er bereits seit zwei Jahrzehnten und etlichen geschädigten oder getöteten Patienten im Geschäft war. Gerade jetzt war er zu einer jungen Frau gerufen worden, die zwei Tage vor einer wichtigen Prüfung irgendwelche Verdauungsprobleme hatte. Als er die verrauchte Wohnung betrat bemerkte er sofort eine Kollegin, die bereits mittels Heilsteinen ein Kraftfeld um die Kranke errichtet hatte.

"So, so, sie sind also auch gerufen worden?", stellte er missbilligend fest.

"Oh, einer muss ja der Rationale sein", erwiderte sie schnippisch. Sie hatte mal wieder diese unerträglich klimpernden Ohrringe an.

"Also", begann Schulze, während er sich neben die Heilerin ans Bett drängte, "solche Heilsteinchen mögen ja bei ihren imaginären Kunden helfen, aber hier ist echte Medizin gefragt." Er fischte eine Dose Globuli aus seiner Tasche. "Homöopathie steht nur in der Apotheke zum Verkauf, Fräulein!" Mechanisch öffnete er den Mund der Patientin mit einer Hand und kippte einen Schwall Zuckerkugeln hinein. "Nichts zu danken."

"Ugh", machte die Kranke.

"Mein Gott, sie haben einen meiner Steine verrückt. Wollen sie sie umbringen?", regte sich die Heilerin auf und schob ein glitzerndes Etwas wieder vor Schulzes linken Schuh.

"Har har, werte Kollegin", erwiderte dieser, "Das ist nach meiner Behandlung doch eher Kosmetik…"

Geräuschvoll erbrach sich die Kranke auf Schulzes linken Schuh samt Heilstein.

"Oh nein", hauchte die Heilerin entsetzt, "jetzt ist es endgültig untergegangen."

"Was, ihr Heilfeld?", knurrte Schulze böse, während er sich einer Tischdecke bediente, um das Erbrochene wegzuwischen.

"Schatz!", rannte die Mutter auf das Bett los und "Halt!" hielt die Heilerin sie zurück, "Nicht das Kraftfeld betreten. Jetzt nicht!"

"Was ist denn mit ihr?"

Das war der Vater. "Schatz wollen wir nicht doch einen Arzt rufen?"

Schulze zuckte zusammen. Jetzt hieß es handeln. Jetzt hieß es allen simulierten Ernst zusammennehmen. Welches Organ konnte man denn dafür verantwortlich machen? Magen? – Zu profan. Leber? – Schienen keine Alkoholiker zu sein. Darm? – Zu lang. Lunge? – Zu weit weg. Herz? – Zu romantisch. Kopf? – Zu kühl. Was gab es denn noch? Komm schon Halbwissen, da gab es doch diesen Spruch: Zwischen Leber und hmhmhm passt immer noch ein Pils.

"Milz!", rief Schulze aus als hätte er die Weltformel gefunden.

"Wie?", machte die Heilerin.

"Die Milz! Es ist die Milz. Wir müssen die Milz – öh – äh" Rausnehmen? – Nein, zu drastisch. Abtasten? – Klingt doof. Trommeln? Schlagen? –Percussion! "Perkutieren. Wir müssen eine Milzperkussion durchführen!", deklarierte er mit triumphierend erhobenen Zeigefinger.

"Können sie das denn?", fragte die Mutter.

Schulze hielt inne. Schluckte. Spreizte die Finger.

"Aber natürlich."

So selbstbewusst wie möglich klatschte er beide Hände auf den Bauch der Patientin und begann, auf der Haut herum zu fühlen.

"Ähm… Müssen sie ihr nicht das Oberteil hochkrempeln?", fragte der Vater.

"Äh… Nein", beschloss Schulze und wühlte weiter sinnlos im Stoff herum. "Die Milz fühlt sich – Äh – normal an."

"Also ist es nicht die Milz", fragte die Mutter hoffnungsvoll.

"Äh – doch. Eine normale Milz ist nicht immer normal. Ich meine – unter diesen Umständen ist eine normale Milz anormal!"

"Bei Bauchschmerzen?", fragte die Heilerin leicht ironisch.

"Ja genau", bestätigte Schulze, "deswegen brauche ich das harte Zeug."

"Was heißt das?", fragte die Mutter ängstlich.

"Höher potenzierte Globuli", raunte Schulze und zog schon wieder eine Packung aus seiner Tasche.

"Weiter verdünnte Zuckerkugeln", kommentierte die Heilerin.

"Tss – Tss – Tss – Immer nur negativ", gab Schulze zurück und kippte eine weitere Ladung in den verkrampften Mund der Kranken.

"Wieviel kostet denn sowas?", meldete sich noch einmal der Vater zu Wort.

"Sie sind Erstkunden, das ist ein Geschenk", antwortete Schulze stolz.

"Zum Anfixen", murmelte die Heilerin giftig und erntete einen weiteren missbilligenden Blick. Die Kranke erbrach sich noch einmal.

"Sie Monster", zischte die Heilerin in Schulzes Richtung, "jetzt haben sie das Kraftfeld ganz zerstört." – Irgendeinen Heilstein traf es wohl immer.

"Was machen wir denn jetzt?", fragte die Mutter, den Tränen nahe.

"Sie muss doch schon übermorgen in der Früh aufstehen und fit sein", sagte der Vater, etwas gefasster.

"Hm", machte Schulze, "vielleicht benötigen wir eine … einen … äh … natür- … künstlichen … Darm … Ein-Äh … Ausgang?"

"Was?", schrie die Mutter entsetzt.

"Wie soll sie da denn ihr Physikum schreiben?", rief der Vater aus.

"Physikum?", entfuhr es Schulze und Heilerin zugleich.

"Dann ist sie ja…", begann Schulze.

"Medizinstudentin", beendete die Heilerin den Satz ihres Kollegen. Sie schauten sich entsetzt an.

"Der Feind!", rief Schulze.

"Die Nemesis", schrie die Heilerin.

Und mit einem scharfen "Hiss!" verschwanden Schulze und Heilerin durch die Tür in der Dämmerung.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Humor *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: