Assur

"Und dies", sagte der Reiseleiter "ist eine Statue aus Assyrien, die wahrscheinlich Assur genannt wurde und er wies auf einen Steinkoloss mit Bart und einer Art Turban auf dem Kopf, mit breitem, grimmigen Gesicht und dem Körper eines Buddhas.

Clara blickte auf die Statue, die eigentlich ein Koloss war, und als sie so in sein Gesicht sah, dünkte ihr, als würde es sich beleben. Sie schaute schnell zur Seite und auf den Reiseleiter. Sie litt nicht unter Halluzinationen. Das war eben eine Spiegelung von Sonne und Schatten.

Der Reiseleiter dozierte weiter von assyrischer Kunst, die 7000 Jahre alt sei und diese Statue eine der wenigen Überbleibsel aus dieser Zeit.

Er sagte immer Statue, obwohl es doch ein Koloss war.

Merkwürdigerweise fühlte sich Clara von dem Koloss magisch angezogen, obwohl sie es eigentlich nicht wollte, und sie schaute wieder und wieder auf ihn und in sein Gesicht. Da beugte der Koloss leicht sein übergrosses Haupt und flüsterte: "Du gefällst mir! " . Clara erschrak, doch flüsterte sie zurück: "Aber nein, Sie gefallen mir gar nicht. Sie sind viel zu hässlich, mit Verlaub." " Waaas" sprach der Koloss mit grollender Stimme nun etwas lauter "zu hässlich"? "Ja" wiederholte Clara mit fester Stimme, "zu hässlich". "Wissen Sie, was sie da sagen," rief der Koloss nun ziemlich laut, "Sie beleidigen mich! Ich bin der Herrscher des irdischen Reiches und der Gott des Kosmos, der Sonne und aller Sterne und der schönste Mann der Ober- und Unterwelt!". "Nun," antwortete Clara ruhig, "das mag ja sein, aber nach meinen Massstäben sind sie eben hässlich!"

"Mit wem reden sie denn da"? fragte der Reiseleiter zu Clara gewandt, "mit, mit", stotterte diese und sah auf den Koloss, der jetzt wieder unbeweglich da stand. "Etwa mit dieser Figur? Sind sie verrückt"? Der Reiseleiter blickte argwöhnisch auf Clara und dachte im Stillen: Hat sie vielleicht hier in der Hitze den Verstand verloren? Wenn, dann bekomme ich viel Arbeit und eine Menge Ärger ! Laut sprach er: " Diese Figur ist aus Stein, etwa 5000 Jahre alt und spricht nicht". "Nein nein”, beeilte sich Clara dies zu bestätigen, "diese Figur ist 5000 Jahre alt und spricht nicht, weil sie aus Stein ist”, und sie senkte den Kopf. "Na also", sprach der Reiseleiter etwas erleichtert und richtete das Wort wieder an die übrige Reisegruppe.

"Also was ist", zischelte der Koloss. "Kommen Sie heute Nacht hierher? Ich offenbare Ihnen die gesamte Kunst der Sumerer, die Herkunft meines Namens und überhaupt alles, was sie für Ihr künftiges Leben wissen müssen. Und den Reiseleiter dort, den können Sie vergessen" und er ruckte sein massiges Haupt in dessen Richtung. "Ich mache das viel besser als ihr komischer Zwerg da".

"Hm", murmelte Clara, "mal sehen" und da sprach der Reiseleiter erneut "Sie reden ja schon wieder".

Am Abend stand Clara in ihrem Hotelzimmer und überlegte, was sie tun sollte Hingehen oder nicht? Natürlich war sie neugierig, aber sie fürchtete sich auch ein bisschen. Es war jetzt 11 Uhr. Sie könnte in die Tempelanlage gehen, zu dem Koloss und ein bisschen mit ihm plaudern, was immerhin besser war als allein im Hotelzimmer zu sitzen. Oder mit den anderen in der Lounge beim Drink. Roberto schien sich ohnehin nicht für sie zu interessieren. Und plötzlich kam ihr der Koloss gar nicht mehr so hässlich vor, wie heute Vormittag. Eigentlich wäre es doch auch gar nicht so schlecht, mehr über vorderasiatische Kunst zu wissen, um damit vor dem Reiseleiter zu punkten, indem sie z.B schlaue Fragen stellte, damit sie nicht als die Dümmste vor den promovierten Kunstgeschichtlern dastand. Schliesslich hatte sie nur Germanistik studiert und das auch nur bis zur Zwischenprüfung . "Ein typisches Weiberfach", hatte ihr Bruder damals gespottet.

Am nächsten Tag fand eine neue Exkursion statt, zu der Clara sich angemeldet hatte. Als die Gruppe auf dem Vorplatz des Hotels versammelt war, fehlte Clara. "Wo ist Clara", rief man, "warum kommt sie nicht". Jemand ging in ihr Zimmer, wo er alles unberührt vorfand. Als hätte dort nie Jemand gewohnt. Selbst die Koffer waren verschwunden.

Von den Damen an der Rezeption wusste Niemand etwas von Claras Abreise. Merkwürdigerweise war die Hotelrechnung bezahlt. Nein, Niemand konnte sich erinnern, wer das getan hatte. Selbst der aus dem Schlaf gerissene Nachtdienst wusste nichts von einer Abreise. Clara war und blieb verschwunden. "Dann gehen wir eben ohne sie", entschied der Reiseleiter fröhlich, aber ihm war gar nicht wohl zumute. Er erinnerte sich an Claras undeutliches Gemurmel, gestern an der Statue und war heute unsicher. Gab es da einen Zusammenhang?

Sie gingen nochmals zur Statue, um von dort aus weiter zu wandern. Und da sahen sie es alle. Wie die Statue dastand, 5000 Jahre alt, aus Stein und unbeweglich Und an ihn gelehnt stand Clara. Ebenfalls aus Stein, unbeweglich. Sie war sehr viel kleiner als er. Man erkannte sie zwar, aber nur, wenn man sich an sie erinnerte, und genau hinsah. Dann aber war kein Missverständnis möglich Es war Clara. Sie sah sehr verliebt aus. Aber das erkannte man nur, wenn man noch genauer hinsah. Man konnte sie aus den Gesteinsbrocken nicht herauslösen. Sie war fester Bestandteil neben Assur geworden.

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Genres:
* Prosa * Alltagsgeschichten *


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