Honig, Eisberg, Reisebericht, Fünfuhr und Aufwachen


Ingo wachte auf, heute, ja heute war der große Tag der Abreise. Das langersehnte Abenteuer war nur noch eine Mahlzeit entfernt, denn nach dem Frühstück sollte es losgehen. Sein Fahrrad hatte er gestern schon gepackt.

"Hoffentlich habe ich nichts vergessen", dachte er, während er seine Sachen packte und die Treppe in den ersten Stock seines Wohnhauses hinunterstieg. Unten angekommen sah er einen großen Tisch gedeckt und eine bauchige Tasse verströmte den süßen Duft heißen Kakaos. Den Reisebericht, den er sich vorgenommen hatte zu schreiben, sollte ihn über die Türschwelle hinaus in die ganze weite Welt führen. Getragen von seinem Fahrrad über Stock und Stein, zu den Wundern der Natur.

"Aber dass du mir ja rechtzeitig wieder zum Fünfuhrtee zurück bist", rief ihm seine Mutter noch hinterher, als er durch das Gartentor auf die Straße bog.

"Ja, ja, fragt sich nur zur welchem, he he" Mit dem Gedanken im Kopf machte er sich pfeifend auf den Weg.


Dreizehn Monate später

"Brrrr ist das hier kalt", sagte Ingo, als er vom Fahrrad abstieg, es an einer halbeingeschneiten Fischerhütte lehnte und auf einen dick eingekleideten Einheimischen zuging.

"Ja, das ist hier eigentlich immer so", sagte dieser während ein beeindruckender Eisberg im Hintergrund vorbei zog.

"In welche Richtung schwimmt den der", sagte Ingo ganz beiläufig. Während er beobachtete wie eine ganze Schar von Pinguinen über eine nahe Schneeverwehung in Richtung Landesinnere davon watschelte.

"Der da, das ist einfach, der schwimmt in Richtung da wo es warm ist, wird dann immer kleiner und ist irgendwann nicht mehr da."

"Das ist ja spannend", sagte Ingo, riss sein mittlerweile festgefrorendes Fahrrad von der Hütte und sprang auf den Eisberg. Der Einheimische schaute Ingo kopfschüttelnd hinterher.


Zwei Wochen später

Die Sonne drückte immer stärker auf den dahin schmelzenden Eisberg. Wäre nicht zufällig ein ganzer Schwarm Fische im Eis eingefroren gewesen, wäre Ingo sicherlich verhungert. Doch so hatte er es geschafft. Voll freudiger Erwartung schaute er in Richtung Äquator und damit auf die vermeintlich Karribischen Inseln. Als der Berg schon fast geschmolzen war, tauchte aus seinem inneren ein kleines Boot auf, plus dazu gehörigem Besitzer. Diesen stieß er kurzerhand über Bord und nahm die Ruder selbst in die Hand. So nun ausgestattet fuhr er auf das nahe Festland.

"Was? Karibik? Nee, da haben sie sich aber gehörig verfahren", sagte lachend ein braun gebrannter Mann mit einem Turban auf dem Kopf und einem Kamel an der Hand.

"Südpol", schoss es Ingo durch den Kopf. "Nicht Nordpol".

"Na ja, egal" Während er durch die verschiedensten Länder des mittleres Osten fuhr, vergingen die Wochen wie im Flug.

"Heimweh" war ein Wort, das Ingo in den letzten Tagen immer häufiger durch den Geist zogen. So beschloss er nach Hause zu fahren. Auf einem kleinen Basar in Istanbul erwarb er eine handvoll türkischen Honig und fuhr quer durch Europa in Richtung Heimat, wo die Mutter schon sicherlich sehnsüchtig mit dem Tee auf ihn wartete.


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* Prosa * Abenteuer *


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