Wo ist eigentlich der verflixte Schlüssel vom Keller


Nebel Schwaden woben sich über das blanke Kopfsteinpflaster durch die breiten Straßen am äußersten Rand einer dunklen Stadt. Ein großes altes hölzernes Haus. Schwarz, düster und unheimlich.

Graue Gestalten schlichen sich, besonders in der Abenddämmerung, schnellstmöglich daran vorbei, denn man erzählte sich viele düstere Geschichten die in diesem Haus passiert sein sollen und jede einzelne reicht, um einem kleinen Kind die Nachtruhe zu rauben.

Es war an einem verregneten und ganz besonders verhangenem Morgen. Blitze zuckten und der Donner grollte so laut das selbst die Bäume zu zittern schienen.

Es war gerade als der Nebel sich ein wenig zu lichten begann als der Mann im dunklem Kamelhaarmantel laut sich selbst verfluchend, auf das alte Haus zu, quer über die Straßenkreuzung, halb ging, halb rannte.

Scheiß Regen. Warum eigentlich immer ich. Mensch sollte meinen das es auch einmal einen der anderen treffen sollte aber nee am Ende bin immer ich, der Blöde, der der durch den verfluchten Regem latschen muss. Nass bis auf die Haut bin ich, das gibt garantiert eine saftige Erkältung und weshalb? Wegn... ... ach ich mag´s gar nicht aussprechen.

Er öffnete das kleine Metallene Gartentor, blieb mit dem Mantel daran hängen, riss einen langen Riss hinein und ging fluchend weiter auf die dunkle mit Eisen beschlagene Tür zu. Trat sie auf und blieb auf der Schwelle stehen.

Beim Barte meiner Mutter ich hasse dieses Haus und alles was darin ist. Die Dunkelheit, die Leere und, bei Merlins Mundgeruch, ich hab' dem Hausverwalter schon tausend mal gesagt das er sich endlich um die Scheißrohre im Bad kümmern soll. Jetzt tropft es schon durch die Decke.

Warum zahl' ich eigentlich noch Miete für diese Bruchbude? Was hat mich eigentlich geritten als ich mich für diese Katastrophe hier entschieden habe.

Ja ja, schöne Aussicht stand in der Anzeige, großzügig geschnitten meinet der Makler, das ich nicht lache. Ein reinstes Labyrinth ist das hier, und nicht mal Strom ist in der Miete enthalten... ... ach. Und außerdem ist es muffig hier und der Schimmel is' alles andere als freundlich zu meinen Nebenhöhlen.

Was stand noch mal im Mietvertrag? –mit dunkler Stimme "10 Jahre in diesen Räumen mit allem was darinnen zu finden und zu erdulden... ..." und dann war da irgendwas ausradiert.

Na ja.

Er ging weiter durch einen großen, schwarz und weiß, gefliesten Vorraum, von dem zahlreiche Türen in weitere nicht auszusprechende Zustände führten und zwei geschwungene Treppen die in den ersten Stock reichten, direkt auf eine kleine unscheinbare Tür zu.

"Keller" stand in verwitterten Buchstaben darauf zu lesen. Außerdem war ein dickes Vorhängeschloss an einer langen Kette davor. Von drinnen war ein leises aber energischen kratzen zu hören.

Schlüssel, Schlüssel, mmmmmmm, wo ist der eigentlich? Warum ist hier überhaupt ein Schloss angebracht? Als ob da unten noch irgendwas anderes gäbe als Ratten, Spinnen und Dreck.

"Und dieses Ding" ging es ihm noch durch den Kopf, aber daran wollte er es erst denken, wenn es soweit war. Er stellte die zwei schweren schrill bunte Plastiktüten neben sich auf die Erde. Durch eine der Tüten suppte roter Jogurt auf die Fliesen der langsam eine Lache zu bilden begann.

Scheiße, auf den hab ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Warum immer ich, immer ich... . Ach egal, Schlüssel. mmmmmmmm

In der Manteltasche sind sie nicht: alle Taschen \ Klamotten abklopfen

Nein, jetzt weis ich´s. Am Brettchen im obersten Turm, hinter der letzten Tür, da wo "Vorsicht bissig" dran steht, da muss er sein, also, sollte zumindest.

Was fällt den Hausmeister eigentlich ein Den da oben hin zu hängen. Was soll das hier den werden? Als ob das hier nicht schon düster genug ist, jetzt muss ich auch noch da hoch latschen und das, obwohl aus den meisten Zimmern im dritten Stock so komische Geräusche kommen. Vom Vierten gar nicht zu reden und im Fünften war ich noch gar nie, na das kann ja heiter werden.

Sichtlich genervt ging er die zweite der Treppen hoch in den ersten Stock, von der ersten ergoss sich ein Rinnsaal, irgendeiner grünen Pampe, welche er sich genauer anzuschauen nicht getraute, der Geruch aber ließ auf einiges schließen.

"Moin Minka" rief er seiner Katze zu, welche aus der Küche sprang, an ihm vorbeihuschte und in einer der vielen anderen Türen auf diesem Stockwerk verschwand. Ein kurzes helles Fauchen erklang gefolgt von einem dumpfen Schlag, wieder rum gefolgt von Stille.

Mit dem Gedanken "Minka liebes, wird schon wissen was sie da tut" ging er in die Fünfte Etage und weiter durcheinen langen schmalen Gang.

Wer war hier eigentlich für die Tapete verantwortlich? Die blättert ja von überall herunter und dann das Muster und die Farben. Also, Beige ist ja jetzt nicht so meins, da werd' ich wohl mal was machen müssen.

Ah, da ist er ja, der Turm, mal schauen, ganz vorsichtig jetzt

Quietschend ging die Tür zum Turm auf. Staub aus scheinbar unzähligen Epochen wirbelte auf, so das der Mann furchtbar huste musste

hust hust hust

Ach, jetzt soll ich hier wohl auch noch ersticken oder was, was denkt sich dieser Schreiberling eigentlich, reicht es ihm denn nicht das ich schon in diesem Haus sein muss was soll den da noch alles kommen? ... ... Na gut also weiter.

Wo ist den jetzt dieser verflixte Schlüssel?

Ah ja, hier ist er ja

Als er den Schlüssel in die Hand nahm schlug ein Blitz in einen nahen Baum und tauchte das Innere des Turmes in helles Licht, gefolgt von einem gewaltigen Donner.

"Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa" schrie der Mann und rannte aus dem Turm.

Knallend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Staub wirbelte auf als der Mann endlich zum Stehen kam.

"Nie wieder werde ich diesen Turm betreten" sagte er sich, drehte sich um und ging zu der schmalen Treppe die in den fünften Stock zurückführte. Als er die quietschenden Holzstufen herunter schritt und in der Mitte der Treppe angelangt war, fiel ihm auf, das der Strom ausgefallen war und von unten aus der Tiefe ein seltsames rötliches Schimmern zu sehen war. Voller Schreck blieb der Mann stehen und klammerte sich an das Geländer welches unter seinem Gewicht zu zerbrechen drohte.

"Was ist den da los, woher kommt den das rote Licht und was ist das für ein Summen aus dem fünften Stock?" Langsam tastend ging er weiter. Ein heißer Luftzug schlug ihm entgegen als er das Ende der Stufen erreicht hatte. Ohne zu wissen warum ging er auf die erste der vielen Türen auf diesem Stockwerk zu. Seine Tritte halten auf dem mit Fliesen bedeckten Boden.

Er öffnete das Zimmer und trat hinein. Innen stand ein großer gedeckter Tisch und rundherum vier Stühle. An den Wänden hingen alte Bilder in dicken Rahmen. Über allem lag eine dicke Schicht Staub und fettige Spinnenweben hingen kreuz und quer im Raum. Aus einem Nebenzimmer hörte er ein leisen Miauen. Langsam ging der Mann durch den wallenden Staub auf das Nachbarzimmer zu. Dass er keine Spuren hinterlies merkte er nicht. Im Nebenraum angelangt sah er auf einem kleinen Nachttisch neben einem hölzernen Himmelbett sieben lange brennende Kerzen.

"Wer hat die den hier angezündet, will mir hier jemand einen Streich spielen? Da hat er sich aber geschnitten, mich gruselt so schnell nichts." Da hörte er aus dem Vorzimmer etwas klappern und ein haariges Wesen sprang im aus dem Bett heraus in den Rücken. Krallen gruben sich durch seinen Mantel in die Haut. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er drehte sich um und rannte panisch aus dem Zimmer auf den Flur und schlug die Tür hinter sich zu, lehnte sich dagegen und wischte sich keuchend den kalten Schweiß von der Stirn.

Dass auf allen vier Stühlen eine durchsichtige Familie beim Essen saß, fiel ihm nicht auf. Es war kalt geworden im Haus, als er zitternd zur Treppe in den vierten Stock ging sah er seinen Atem in der Luft kondensieren und als Dampfwolke aufsteigen. Die kaputten Rohre von denen Wasser auf den Boden floss haben mittlerweile eine Eisschicht auf der Treppe entstehen lassen. Lange spitze Eiszapfen hingen von der Decke und vom Geländer. Der Mann rutschte aus und fiel die Treppe hinab in das nächste Stockwerk. Dabei holte er sich etliche blaue Flecken. Während er noch so seinen Hintern rieb fragte er sich was hier eigentlich los sei. So etwas hatte er noch nie erlebt. Erst solch eine starke Hitze und gleich danach diese arktischen Temperaturen und was sollten die Kerzen auf dem Zimmer in einem Stockwerk, welches er noch nie betreten hatte. Das das haarige Biest nur seine Katze sein konnte war für ihn klar. Er ahnte ja nicht das sie erst vor ca. fünfzehn Minuten gefressen wurden ist. Ihr Kadaver klebte in Fetzen gerissen an der Decke eines Zimmers im ersten Stock. Der Mann brach sich einen der längeren Eiszapfen ab.

Obwohl er sich einredete das eigentlich überhaupt nichts seien konnte fühlte er sich mit dieser Waffe sicherer als ohne sie. Ohne zu wissen warum ging er auf ein großes Glasfenster zu, welches sich nach außen wölbte und einen Blick in den Garten freigab. Das Gewitter war vergangen aber der Regen war geblieben. Trotz des Wassers hing ein dichter Dunst zwischen den Bäumen. Der Mann strengte seine Augen an um durch den Nebel zu sehen, da schien es ihm, dass in mitten des Gartens eine Person vor einem schwachen Feuer stand und sich die Hände rieb. Er dachte, dass das doch alles nicht möglich sein könne, dass das ein schlechter Traum sein müsse, als ein geflügeltes Tier mit breiten ledrigen Flügeln durch die Scheibe brach. Der Mann stürzte nach hinten, das Wesen auf seiner Brust und der Eiszapfen im Leib des Tieres. Der Mann kroch hektisch rückwärts von dem strampelnden Wesen fort.

Dieses stieß einen markerschütternden, langen, hohen, klagevollen aber wütenden Schrei aus. Mit aller Kraft versuchte es sich hoch zu stemmen, rutschte auf dem Eis aus, versuchte es noch einmal, fand Halt und kroch auf den Mann zu. Lange dünne mit Krallen besetzte Beine fasten in die Fliesen und rissen sie auf. Einen eigentlichen Kopf besaß das Monster nicht, aber ein breites Maul mit zwei Reihen spitzer Zähne reichte quer über einen halbrunden Vorsatz, da wo bei anderen Tieren der Hals angesetzt hätte. Der Mann war starr vor Angst und entsetzen, er konnte sich nicht weiter fortbewegen. Blut schoss aus der Wunde in der immer noch der Eiszapfen steckte und färbte alles in ihrer Umgebung scharlachrot. Das Monster setzte gerade zum Sprung auf den Mann an als es ein heftiges Zucken durchfuhr und es reglos zu Boden sackte. Der Mann übergab sich in seinen Schoss, ehe er in eine tiefe Ohnmacht viel.


Als er wieder erwachte war das Tier weg. Alles war weg. Das Blut, das Eis einfach alles, nur das rote Schimmern aus der Tiefe der Etagen war wahrzunehmen. Der Mann zitterte am ganzen Leib, erkonnte sich das alles nicht erklären. Bis heute hatte er an so etwas wie übernatürliche Wesen... ... Dinge nicht geglaubt. Doch jetzt? Wer war das unten im Garten am Feuer? Was war das für ein Ding, was da durch das Fenster auf ihn drauf krachte? Es war entsetzlich. Wacklig kam er auf die Beine. Das Fenster war immer noch kaputt. Eine große Wasserpfütze hatte sich mittlerweile auf dem Fußboden gebildet. Er wusch damit seine Hose sauber, brach sich eine lange Latte vom kaputten Fenster und schaute sich um.

"So schnell wie möglich hier raus" sagte er sich. "Nur schnell weg von diesem verfluchten Ort und nie wieder herkommen" So ging er den Flur entlang zur Treppe. Als er sie erreicht hatte musste er mit Entsetzen feststellen, dass sie in der Mitte durchbrochen und somit nicht mehr passierbar war. Als ob etwas großes versucht hatte herauf zu gelangen, aber zu schwer war und nun alle Treppen bis zum Erdgeschoss zerschlagen hatte. Grundgütiger, dachte er, wie soll ich den jetzt nach unten kommen. Er schaute die Reihe Türen entlang.

"Vielleicht finde ich dort etwas brauchbares um den Abgrund zu überbrücken." Die Latte im Anschlag machte er sich auf den Weg zu einer großen Flügeltür, die er nur durch starkes Drücken und Schieben aufbekam. Drinnen war es kalt. Ein Fenster, welches weiter hinten offen stand, ließ die Gardienen geisterhaft wehen. Ansonsten war das Zimmer mit etlichen Gegenständen angefüllt welche alle und ausnahmslos mit weißen Tüchern überzogen wahren. Er ging auf den Ersten zu und sog das Laken weg. Er schrie, stürzte nach hinten und knallte gegen einen Schrank. Das weiße Tuch glitt herunter und umhüllte den Mann, der immer noch schrie. Auf dem Sessel saß ein ausgeweideter Mensch mit aufgerissenen Augen, ein Schrei auf den Lippen und ein großes Loch im Bauch.

Der Mann brauchte etliche Zeit um sich unter dem Laken wieder zu beruhigen. Der Boden war nass. Langsam sog sich das Laken mit dem dunkelroten Blut voll, welches aus dem Schrank floss. Mit einem erneuten Schrei sprang er auf und warf das Tuch von sich. Der Schrank war gefüllt mit abgehakten Gliedmaßen.

"Ich werd verrückt, ich will verrückt werden." Er fing an mit weinen, er zitterte am ganzen Körper. Er warf sich hin und her, krallte seine Fingernägel ins Gesicht, er schrie. "Das soll aufhören, das soll aufhören, ich will nicht mehr Ah, ahhhh ahhhhhhhh!" Er krümmte sich zusammen und fing an mit wimmern.

Nach einer Weile verstummte er. Sein Gesicht war fahl, seine Augen weit aufgerissen. Mitten im hohen Zimmer lag er ganz allein da. Er wusste das keine Hilfe kommen würde, ihm war kalt, ganz kalt.

Langsam regte er sich wieder, kam auf die Beine und schleppte sich zum offenem Fenster. Herunterklettern konnte er nicht, dazu war die Mauer zu glatt und zu hoch. Am Fenster ca. zwanzig Meter links von ihm sah er eine verrostete alte Metalleiter die in die Wand eingelassen war.

"Dort muss ich hin, dort will ich hin" war das einzige was er dachte. Er nahm seine Latte und ging zur Tür, dabei beachtete er die Leiche auf dem Sessel mit keinem Blick. Ein dicker, schwerer, süßlicher Verwesungsgeruch hing in der Luft. Auf dem Flur bog er nach links und ging zur vermeintlichen Tür hinter der er das Zimmer mit der Leiter vermutete. Das rote Licht aus der Tiefe war nun heller und strahlender geworden. Auch hörte er das Summen nun viel deutlicher als zuvor auf der dünnen Turmtreppe. Der Mann schenkte alldem keine Beachtung, er wollte nur zu der Leiter.

Er öffnete die Zimmertür, bereit die Latte gegen alles zu schlagen was darinnen lauern könnte. Doch das Zimmer war leer. Er atmete erleichtert auf und betrat den Raum, der in ein Halbdunkel getaucht war und schloss die Tür hinter sich. In einer Ecke des kleinen Raumes stand ein kleiner Tisch mit einem Hocker davor. Gerade als der Mann durch das Zimmer ging und im Begriff war das Fenster zu öffnen, hörte er aus dieser Ecke eine alte traurig klingende Stimme. Erschrocken drehte er sich um.

"Was tust du hier? Warum störst du unsere Ruhe? Was haben wir dir getan?" fragte ein Geisterwesen in der Gestalt eines alten Mannes.

"Wer sind Sie und was sind Sie?" brachte der Mann hervor, völlig überrascht eine Stimme zu hören.

"Wir waren schon immer da... , na ja, zumindest seit geraumer Zeit. Warum störst du unsere Ruhe?"

"Ich wohne hier und ich bin jetzt seit zwei Jahren jeden Tag hier gewesen. Ich kenne euch nicht. Warum greift ihr mich an? Was habe ich euch getan?"

"Wir haben dir nichts getan, es sind die anderen, die böse sind. Warum hast du das Päckchen in das Haus gebracht, dessen Inhalt all die Dämonen anlockt. Warum tust du uns das an?"

"Das Paket?" fragte der Mann, "Wegen eines bekloppten Steines muss ich hier um mein Leben fürchten?"

Der Mann atmete laut aus. "Hast du dir diesen Stein einmal genauer angesehen? Hast du die Inschriften nicht gelesen?" erwiderte der alte Geist aufgebracht. "Weist du nicht was sie bedeuten?"

"Nein, weiß ich nicht, woher weist du von dem Stein?"

"Wir wissen über alles bescheit was in diesem Haus passiert, wir sind überall, wir sind viele, viel zu viele, die in diesem Haus gestorben sind. Dieses Haus hält unsere Seelen fest. Es ist ein Fluch, nicht lebendig und nicht tot zu sein."

Der Mann schaute ungläubig drein. "Du bist wirklich ein Geist? Was kann ich tun damit diese anderen, diese bösen - wie nanntest du sie noch gleich, Dämonen? - wieder verschwinden?"

"Du musst den Stein zerstören, aber dazu ist es wohl schon zu spät es sind schon sehr viele gekommen und es werden immer mehr."

"Gekommen? Woher denn?"

"Aus den Herzen der Menschen, aus den Herzen die verstummt sind. Der Stein zieht sie an. Es sind alte Zeichen darauf geschrieben wurden, Zeichen die das Böse anziehen." Der Geist schaute traurig den Mann an.

"Aus den Herzen der Menschen? Kannst du dich nicht etwas deutlicher ausdrücken?"

"Du kannst sie an den versteinerten Gesichtern erkennen, an den glanzlosen Augen, stumpfe Augen die keine Träume mehr haben und keine Fantasie, welche die nicht mehr frei lachen können. Aus den Herzen kommt das böse, es ist die Gleichgültigkeit die alles zerfrist."

"Warum greifen sie mich aber an?"

"Warum wohl? Weil sie Angst haben und weil sie neidisch auf alles und jeden sind. Sie sind missgünstig und nur auf ihren Vorteil bedacht. Sie sind wie kleine Kinder die ihren Willen nicht bekommen und aus Mangel an anderen Möglichkeiten alles zerschlagen was sie finden. Das sie dabei alles zerstören, was sie zum Leben brauchen, merken sie schon gar nicht mehr. Sie sind blind vor Hass und Angst. Sie haben Angst vor dem freien Fall und indem sie wild um sich schlagen, stürzen sie sich noch selber in den Abgrund. Vielleicht ist es das beste so. Reinen Tisch machen und von vorne anfangen. Das böse kommt allein von den Menschen."

"Ich will aber noch nicht sterben, ich habe noch so viel vor" sprach der Mann völlig aufgebracht.

"Was soll das den sein?" fragte der Geist. "Ich habe dich gesehen und gehört seit du in das Haus gezogen bist. Du hast dich immer nur beschwert, über alles und jeden. Weist du denn selbst noch wann du dich das letzte Mal aufrichtig über etwas gefreut hast, ganz uneigennützig und nur zum Wohle eines anderen? Keine Sorge ich mache dir keinen Vorwurf... ..., oder doch ich mache ihn dir. Aber ich war genauso wie du. Das ist vielleicht der Grund warum ich noch hier bin, warum wir alle noch hier sind. Ohne Perspektive gibt es keinen weiteren Weg."

"Meinst du ich sollte mehr Liebe zeigen? Warum?"

Der Geist schaute resigniert auf den Boden vor dem Mann. "Genau das meine ich." murmelte er und verschwand, so dass der Mann allein im Zimmer zurück blieb.

"Nein, geh nicht..., bitte" rief der Mann erschrocken. "Komm zurück ich habe doch noch so viele Fragen an dich!"

Der Geist lies sich aber nicht mehr blicken. Verwirrt sah er sich im Zimmer um, fand aber nichts mehr was ihm interessant erschien. Er öffnete das Fenster und streckte seinen Kopf hinaus um zu sehen, wo die Leiter war. Sie verlief direkt neben dem Fenster und reichte einen Stock nach unten, danach war sie verrostet und abgebrochen.

Er lehnte die Latte an die Wand und wand sich wieder dem Fenster zu. Unsicher zog der Mann sich aus diesem heraus, schwang sich auf den Fenstersims, streckte sich zur Leiter, bekam sie auch zu fassen, zog sich auf sie und stieg langsam die Sprossen in die Tiefe. Unten schlug er mit seinem Ellenbogen eine Scheibe ein und öffnete das Fenster von innen.

Als er im Zimmer stand, sah er sich um. Die Tür zum Raum stand offen. Von draußen war ein dunkles Knurren zu hören welches sich mit gelegentlichem Fiepen ablöste. Auf der Suche nach einer neuen Waffe öffnete er die Tür eines großen Schrankes. Er erschrak, aber die Gestalt im Schrank drückte sich nur in die hinterste Ecke und brachte ein panisches bibbern heraus.

"Was machst du hier?", fragte der Mann völlig außer Atem.

"Bitte geh, bitte geh" die Lippen des Kindes bebten, als er versuchte sich noch etwas kleiner zu machen.

"Du brauchst keine Angst zu haben" sagte der Mann, aber erkannte gleich, wie unsinnig seine Worte wahren, wo doch das Knurren vor der Tür nicht zu überhören war.

"Wie kommst du hier herein, wer bist du?"

"Ich? Ich bin niemand ich habe keinen Namen, sie dürfen ihn nicht wissen. Das ist das einzige was hilft. Der alte Geist hat das gesagt. Namen seien Identität und schaffen Geschichte, das sagte er. Ich will hier weg."

"Der alte Mann ist auch zu dir gekommen?" fragte der Mann. "Wie bist du hier her gekommen?"

Da sprang der Junge auf seine zitternden Beine und stürzte aus dem Zimmer. Die Tür flog zurück ins Schloss. Völlig perplex schaute der Mann zur Tür.

"Hoffentlich schafft er es aus dem Haus, aber wer war er und wo kam er her? Was soll das hier nur alles." Als er sich wieder dem Schrank zu wandte, entdeckte er, das der Junge hinter sich eine Metallstange mit einer Spitze versteckt hatte. "Er hatte sie wohl vor lauter Panik vergessen" dachte er. "Wenn es wirklich stimmte, dass Namen vor diesen Monstern schützen, woher kennen sie dann den meinen. Er steht doch nirgendwo, nicht einmal an der Klingel."

Vorsichtig öffnete er die Tür zum Flur. Von außen knallte mit einem dumpfen Schlag etwas dagegen, sodass die Tür wieder zuschlug. Das Knurren war zu einem Fletschen und Reißen geworden. Durch den Spalt zwischen Tür und Boden floss Blut, immer mehr Blut.

Der Mann faste sich ein Herz und seine Eisenstange, nahm Anlauf und wuchtete sich mit aller Kraft gegen die Tür. Diese schob sich auf. Was er sah war ein aufgerissener Körper. Eine Hand streckte sich ihm entgegen, die Augen, welche aus einem halb zerfressenen Gesicht durch ihn hindurch blickten, sprachen von blanker Panik und Entsetzen. Es war der Junge.

Der Hund kam wie aus dem Nichts, er sprang gegen die Tür und klemmte den Mann zwischen Tür und Angel ein, er schrie auf vor Schmerz. Der Mann achtete aber nicht weiter darauf, er schob sich schnell in den Flur und ging auf den schwarzen langhaarigen Hund zu, welcher sich aufgerichtet hatte und nun mit lautem Knurren den Mann ansah. Er reichte dem Mann bis zum Bauch. Der hob seine Metallstange und stach mit dem spitzen Ende auf den Hund ein, doch dieser wich aus. Der Hund duckte sich, seine weißen, viel zu langen Zähne gebleckt. Stoff und Fleischfetzen hingen ihm noch aus den Mundwinkeln, er stank entsetzlich nach verwesendem Fleisch.

Der Hund sprang, der Mann duckte sich, der Hund flog über ihn hinweg, der Mann drehte sich, schwang die Stange nach oben und bohrte sie dem Tier, noch in der Luft, in den Bauch, welches sofort in ein markerschütterndes Schreien verfiel. Der Mann sprang auf und bohrte die Stange weiter in den Hund hinein, bis er verstummte. Der Junge war in der Zwischenzeit gestorben. Der Mann zog die Stange aus dem noch zuckenden Hund und ging zu ihm herüber.

"Scheiße, was soll das? Hatte er nicht gesagt dass er geschützt sei? Hatte das ihm der Geist nicht gesagt? Ich will endlich wissen was hier eigentlich los ist. Vielleicht sollte ich versuchen den Stein zu bekommen und diesen zerstören. Hatte ihm das der alte Geist nicht gesagt? Er hatte aber auch den Jungen schon belogen. Ich will es nicht versuchen, aber wagen werde ich es trotzdem."

Er drückte die Stange fest an sich, warf noch einen letzten Blick auf den Jungen, drehte sich um und ging den Flur entlang, weg von der kaputten Treppe in einen anderen schmaleren Flur ins Hausinnere. Er erinnerte sich an eine andere Treppe. Eine schmale eiserne Wendeltreppe die bis in den ersten Stock führte, so glaubte er zu mindest.

Der schmale Gang führte geradeaus. Links und rechts bröckelte der Putz von den Wänden. Es war dunkel. Nur durch ein bläuliches Schimmern drang vom Ende des Ganges zu ihm und tauchte den Gang in ein diffuses Licht. Plötzlich hörte er irgendwo hinter sich laute, rennende Schritte. Der Mann fuhr zusammen und drehte sich blitzartig um. Im schalem Licht sah er eine aufrechtgehende Person mit wehendem langen Haar und einem weißen dreckigem Kleid auf ihn zu rennen. Es war eine Frau. Ihr Gesicht war vom Schatten verdeckt. Fünf Meter vor dem Mann blieb sie stehen, sie keuchte in kurzen Zügen.

"Wer bist du? Geh weg, geh weg du bist in Gefahr, wir alle sind das." Sie drehte sich um und rannte den Gang zurück.

"Warte, so bleib doch da. Wer bist du? Komm doch zurück." rief der Mann. Doch sie hörte nicht auf ihn. Sie bog am Ende des Ganges um eine Ecke und er hörte nur noch ihre Schritte, die sich schnell entfernten.

"Was zum Kuckuck machen auf einmal all die Leute hier in meinem Haus, in MEINEM Haus. Wie kommen die hier her. Erst der Junge und jetzt die Frau. Von den ganzen Toten da oben im Zimmer mal ganz zu schweigen." Die Erinnerung brachte ihn zum erbrechen, er bückte sich nach unten, aber da kam nichts mehr außer bitterer brennender Säure. "Nur schnell zur Treppe. Hoffentlich ist sie wirklich da, hoffentlich ist nur die Treppe da und nicht noch etwas anderes."

Er ging weiter den langen schmalen Gang entlang. In einiger Entfernung trat ein Geist in mittleren Jahren durch die Wand und verschwand gleich darauf in der gegenüberliegenden. Der Gang war lang, so lang, dass der Mann sich fragte, wozu er eigentlich da ist und wer sich dieses Haus erdacht und gebaut hat. Stille senkte sich über ihn. Eine bedrückende Stille. Der Mann konnte seinen eigenen Atem hören und seine Schritte, die auf dem abgebröckelten Putz und dem Staub knirschten.

Er blieb abrupt stehen. Nichts war zu hören. Erste Anfänge von wiederkehrender Panik krochen in ihm hoch. Er fühlte sich allein, ganz allein. Er sank nach unten, lehnte sich gegen eine Wand und fing an zu weinen. Schluchzend, fragte er sich was das alles soll, warum ihm das alles wiederfahren muss und was er denn getan hatte, dass er das alles verdiente. Lange saß er so da, weinend und leise wimmernd.

Schließlich verfiel er in einen unruhigen Schlaf, in dem ihn dunkle Träume heimsuchten. Da wahren verzogene Fratzen, die auf ihn zuflogen und immer wieder Szenen aus seinem früheren Leben, aber alle waren sie bedrückend und lieblos, auch die vermeintlich guten Erinnerungen seiner Kindheit. Über allem lag ein grauer Schleier der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

"Warum ist das alles nur so? Warum ist das alles so grau und dunkel? War es den nicht gut früher? Was hat sich den verändert? Ist es die Zeit? Ich, ich kann es doch nicht sein der anders ist. Ich bin doch immer noch der gleiche. Was hab' ich den getan das alles nur so grau in grau ist? Wann ist den all die Farbe nur von mir gegangen? Hatte der alte Geist vielleicht recht und ich bin wirklich blind allem Schönen gegenüber geworden? Ich war doch ein glückliches Kind, oder nicht? Ich weis es doch. Wann kam den die Wende nach der es anders wurde? Wann habe ich den vergessen was wirklich zählt im Leben. Was wollte ich den? Was will ich denn? Wer bin ich den heute und wie bin ich den hier hin gekommen?"

Mit einem mal bemerkte der Mann das er nicht mehr schlief, sondern vor sich hin flüsterte. Immer noch hockte er in dem schmalen Gang auf dem abgebröckelten Putz. Er schaute nach oben und zur Seite. Da sah er im Gegenlicht den alten Geist stehen der ihm in die Augen blickte. Oder blickte er durch ihn hindurch? Genau konnte der Mann das nicht sagen.

"Du hast Glück" sagte der Geist. "Vielleicht bist du doch noch nicht verloren, vor dir selbst. Suche weiter und du wirst dich vielleicht wiederfinden."

Mit den letzten Worten verschwand das alte Wesen und nur das grelle Licht blieb zurück. Der Mann sprang auf, rannte auf den Geist zu , rief "so warte doch", doch da war er schon verschwunden. Ratlos sah sich der Mann um, doch da war nichts außer dem Gang und das Licht.

"Das Licht" fuhr es durch den Mann, "das war doch vorhin noch nicht so hell, wie kann denn das nur kommen?" Er nahm seine blutverkrustete Metallstange in seine Hände und ging vorsichtig weiter. In der Ferne hörte er wieder das pochen rennender Füße.

Mit letzter Kraft schleppte er ich über die mit Morgentau benetze Wiese, vorbei an den Hohen Bäumen durch den Frühnebel auf das kleine Feuer zu, vor dem, mit den Rücken zu ihm, eine Gestalt stand und etwas in die Flamen warf. Der Mann blieb drei Meter vor dem Feuer stehen. Er nahm all seine letzte Kraft zusammen, richtete sich auf und fragte, "wer bist du?"

Da drehte sich die Gestalt um. "Weist du das den immer noch nicht?" Der Mann erschrak. Der der sich da umdrehte, hatte das gleiche Ebenbild wie er selber, nur Zwanzig Jahre jünger.

"Wer bist du? Habe ich dir das Ganze zu verdanken?"

"Im gewissen Sinne schon, nur das ich du bin. Ich bin du am Wendepunkt deiner Geschichte. Der Punkt ab dem alles Grau wurde."

"Alles grau? Was wirfst du da die ganze Zeit in das Feuer, sind das Bilder?"

"Es ist deine Vergangenheit die ich da verbrenne. Die, welche du kaum noch hattest als du in das Haus gegangen bist. Du hattest dich verraten, hast alles was du warst und was dir wichtig war verschenkt, einfach so, verschenkt. Das, was da verbrennt, ist alles, was du vergessen hast, all deine Jugend, deine Individualität, dein ich. Das was da brennt ist eine andere Person und gleichzeitig du."

hoch

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Genres:
* Prosa * Fantasy * Horror * Drama *


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