Wenn alle Menschen weg wären...


Vannesa kam stockbesoffen aus der Kneipe herausgetorkelt. Es war eine der Kneipen, bei denen das Wasser von den Wänden lief, ohne dass irgendeiner hätte sagen können, woher es eigentlich kam. Es war spät geworden, und eigentlich hatte sie überhaupt nicht so viel trinken wollen, da sie am Morgen einen dringenden Termin auf dem Arbeitsamt hatte. Doch auf einmal war da dieser tolle Typ, der ihr einen Drink nach dem anderen ausgegeben hatte. Es war der einzige Typ, der noch in der Kneipe gewesen war. Vannesa kannte diese Sorte Typen zu Genüge. Gutes Aussehen aber nix in der Birne, und genau so einer war dieser auch gewesen. Ja, gewesen. Nachdem er Vannesa viel zu lange mit irgendwas zugelabert hatte, meinte er, dass er nur mal kurz auf die Toilette gehen müsse und er danach noch eine aufregende Überraschung für sie hätte, bei der sie nicht nein sagen könne.

"Na klar", sagte sich Vannesa, "so siehst du gerade aus, erst das Blaue vom Himmel versprechen und dann keine fünf Minuten durchhalten, und schnarchen tust du bestimmt auch noch."

Trotz dieser Vorahnungen blieb Vannesa sitzen. Als er jedoch nach ca. einer halben Stunde immer noch nicht zurückgekommen war, schob sie sich langsam und missmutig von ihrem Hocker und verließ die Kneipe. Gefährlich schwankend stand sie nun auf mitten einer Kreuzung in Berlin Friedrichshain und überlegte, in welcher Richtung ihr Zuhause wohl am ehesten zu finden wäre. Es war kein Mensch auf der Straße. Es war aber auch Mittwoch früh, so gegen vier Uhr. Langsam ging sie die Straße entlang in Richtung Frankfurter Allee und dann zur gleichnamigen S- Bahn-Station.

Die frische kühle Morgenluft sorgte dafür, dass ihr Kopf klarer wurde. So klar, dass ihr auffiel, dass es immer noch keine Menschen oder fahrenden Autos auf der Straße gab, aber nicht so klar, dass sie diesen Gedankengang hätte weiterverfolgen hätte können. Auf dem S-Bahnsteig angekommen, wunderte sie sich kurz über die vielen Haufen von Kleidungsstücken, die überall auf dem Bahnsteig verteilt waren.

"Hicks, alssssssss ob, hehe, alle Menssssssssschen verschwunden wäääären, hicks, und nur ihre Klamotten da gelassen hätten plus Taschen und Schuhe, hicks, hehe." Da gerade eine Bahn mit offenen Türen am Gleis stand, ging sie hinein, setzte sich und wartete auf die Abfahrt. Irgendwann schlief Vannesa völlig übermüdet ein.

Als Vannesa wieder aufwachte, fühlte sie sich dreckig, klebrig, aber nüchtern. Mit Verwunderung stellte sie fest, dass sie noch immer an der Frankfurter Allee in der S-Bahn saß. Suchend schaute sie sich um, doch außer ein paar Kleiderhaufen war nichts weiter zu sehen. Ja, es war überhaupt nichts weiter zu sehen. Vannesa war völlig allein. Kein Mensch war in irgendeiner Richtung zu sehen, und dass, wo es mittlerweile nach zwölf Uhr war. Sonst waren hier um diese Tageszeit Hunderte von Leuten unterwegs. Mit einem leicht mulmigen Gefühl stieg sie wieder aus der Bahn und schaute sich um. "Allein, ganz allein", ging es ihr durch den Kopf. Sie ging aus dem Bahnhof. Als sie ganz verlassen vor einer Bäckerei mit quietschender offener Tür stand, überkam sie ein ungeheuerliches Gefühl. Sie kannte das Gefühl. Wie oft hatte sie es sich nicht schon gewünscht und vorgestellt, wie es wäre, wenn mit einem Mal alle Menschen außer ihr selber nicht mehr da wären, aber dass das wirklich einmal passieren würde, daran hätte sie im Traum nicht gedacht.

"Kann das wirklich wahr sein?", fragte sie sich, " kann es wirklich sein, dass ich der einzige Mensch hier weit und breit bin? Das muss ich genauer herausfinden." So dachte sie sich und ging die schmale Gasse zur Frankfurter Allee zurück, aber auch diese war völlig verlassen. Ein paar wenige Autos standen kreuz und quer auf der Straße, aber von einem anderen Menschen war nichts zu sehen. Vannesa blieb mitten auf der Straße stehen und schaute erst lange in die eine Richtung und dann lange in die andere.

"Haaaaaallo, haaaaaaaaaaaaaaaallllllllllllllo," rief sie ganz laut, doch ihre Rufe verhallten in der langen Straßenschlucht, ohne dass sie eine Antwort erreichte.

Sie wurde ganz ruhig. Nach einer Weile drehte sie sich um und ging mit ausdruckslosem Gesicht an den Straßenrand auf ein großes sich spiegelndes Schaufenster eines Einkaufszentrums zu. Vannesa blickte sich im Fenster an. Lange rot gefärbte, zerfranste Haare hingen ihr ins Gesicht.

"Unzählige Male habe ich mir das vorgestellt." Mit dem Rücken zum Fenster rutschte sie auf den Boden und blieb auf den kalten Steinen hocken. "Total verrückt, echt krass." In ihrem Gesicht machte sich gequältes Lächeln breit. Vannesa stand wieder auf und ging die Straße in Richtung Ostbahnhof. Unterwegs nahm sie sich ein herrenloses Fahrrad, um schneller voranzukommen. Dort bog sie in die Köpenicker Straße ein und kam ein paar Minuten später am "Schwarzen Kanal", einem der letzten verbliebenen Bauwagenplätze der Stadt, an. Auch hier war kein Mensch zu sehen. Noch einmal versuchte sie es mit lautem Rufen, aber wieder bekam sie keine Antwort.


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* Prosa *


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