Das Beispiel Dennis

Wenn Du unaufhörlich gibst, wirst Du unaufhörlich haben. (und, wenn Du hast, wird Dir gegeben werden)

An diesem Tag tat Dennis das gleiche, wie jeden Tag – jeden Tag seit etwa...drei oder vier Jahren: Er sah fern. Im Fernsehen lief "Barbara Salesch" - die Fernsehrichterin. Der Fall: Eine Sechzehn jährige klagte ihren Stiefvater an. Er habe sie in "unflätiger Weise" berührt. Dennis gefiel dieser Gedanke. Er hing ihm eine Weile nach. Er – als Stiefvater – mit zwei Frauen... Er beschloss ins Bad zu gehen. Als er zurück war, nahm er sich ein Häufchen Tabak und tat ein Häufchen Dope dazu. Er drehte sich einen Joint. Wie jeden Tag – den ersten im Laufe des Vormittags. Wenn er bekifft war, fühlte er immer eine große Inspiration in sich. Klar - das Kiffen erweiterte die Pforten der Wahrnehmung, dachte Dennis. Ein plötzlicher Schub von Inspiration überkam ihn. Er schaltete um. Auf MTV. Es lief das neue Marilyn Manson Video: "God is in the TV", tönte es in den Raum. Stimmt irgendwie, dachte sich Dennis und nahm einen weiteren bewussten Zug von seinem Joint. Er musste sich entspannen. Entspannung und Inspiration dachte er, waren die Grundlage der täglichen geistigen Arbeit die er zu verrichten hatte. Er befasste sich vor allem mit dem Thema Selbstfindung und hatte sich seit einiger Zeit auch Fragen der Astrologie zum einen, und der Astronomie zum anderen zugewandt. Er dachte viel und genau. All dies – das Kiffen - das Nachdenken – das Fernsehen – füllte ihn zwar nicht ganz aus, aber es hatte etwas für sich. Auf eine Art war das Leben OK, und auch, wenn die anderen oft mehr Glück zu haben schienen, so konnte er doch alles irgendwie mit sich vereinen. Er hatte nicht das Gefühl von Luxus in seinem Leben, aber andererseits musste er nicht einer Arbeit nachgehen, die ihm ohnehin keinen Spaß bringen würde. Sein Glück war – sind wir ruhig einmal so offen, dass der Staat und die Gesellschaft ihn mit durchfütterten. Und eben diese Gesellschaft war es, die ihn ausnutzte oder es tun würde, wenn er es zulassen würde und so blöd wäre, einen unter bezahlten Job anzunehmen, wie zum Beispiel alten Omis den Arsch abzuwischen oder den Müll anderer Leute zu entsorgen oder in irgend einer Bar Bier zu zapfen, etc. Nein, das alles war nichts für Dennis.

Es gab aber oft leider auch Tage, da ging es ihm richtig Scheiße. Tage, an denen alles hoch kam: Er hatte keine echte Perspektive, keine Aussicht auf ein erfülltes, glückliches Leben. An solchen Tagen fragte er sich, wieso er bloß von solchem Pech verfolgt war. Wieso alle um ihn herum etwas Besonderes waren oder zumindest wissen würden, was sie wollten, oder eben einfach mehr Glück hatten. Sicher, viele rieten ihm an - "Sei aktiv – bring Dich ein!" - aber das allein konnte auch keine Lösung sein. Man müsste eben einfach mehr Glück haben. An solchen Tagen kam Dennis sich so nutzlos vor, wie er so in seiner Wohnung vor der Glotze an seinem Kiffertisch den nächsten Joint rollte. Und er dachte, wie lange er das wohl noch so aushalten würde. "Man!" - dachte er dann und wurde richtig sauer.

An diesem Nachmittag regnete es mal wieder den ganzen verfluchten Tag lang. "Es war dieses Jahr ein echt beschissener Sommer.", dachte Dennis. Der Regen rauschte gegen seine Fenster – draußen war alles trüb und grau. Dennis öffnete seine Fenster und sah in den Hof. Jemand pfefferte ein paar Flaschen in den Glascontainer. Dennis sah sich die Wolken an. Plötzlich flaute der Regen langsam etwas ab. Das Wetter wurde friedlicher – bis die Wolkendecke aufriss und die Sonne sich zeigte. Und wie so die Wolken verschwanden – verschwanden auch ein Bisschen die Wolken in Dennis Kopf und er beschloss diesen unerwartet sonnigen Nachmittag zu nutzen um einen Spaziergang zu machen. Sich mal die Beine zu vertreten.

So ging er dann durch seine Straße. So schlenderte er durch seinen Kiez. Ging in den Park. Plötzlich sprach ihn jemand von der Seite an. Ein älteres Ehepaar. – wohl möglich Touristen. "Entschuldigung, könnten sie uns vielleicht weiterhelfen? Wir suchen so eine typische Friedrichshainer Kneipe. Sie kennen sich bestimmt besser aus als wir." "So ne typische Friedrichshainer Kneipe?? Haben sie keine Augen im Kopf?". Dennis hatte sich leicht im Ton vergriffen. Was soll's, dachte er und ging weiter. Weiter bis er auf der anderen Seite Friedrichhains zum Boxhagener Platz gelang.

Als er sich dem Platz näherte, sah er, dass dort offenbar eine Art Veranstaltung oder so was in Gange war. Alles war voll mit Leuten, die die Straße absperrten, und Trucks und Lieferwagen. In der Ferne Konnte man riesige Lampen und möglicherweise eine Kamera oder so was sehen. Dennis war offenbar an einem Filmset angelangt. Er ging näher heran und beobachtete alles ganz genau. Was die wohl drehen, fragte er sich. Neben ihm stand ein junges Mädchen mit Walky-Talky. "Was wird hier gedreht?", fragte er sie. Sie antwortete: "Das is' für 'ne neue Doku- Soap auf RTL!" "und wie soll die hießen??" ",Die Pfadfinder'" "Und was passiert da?" ., Eine Gruppe von zwölf Jungen muss sich einer Reihe von Prüfungen stellen, um ins Erwachsenenalter einzutreten" "Aha...interessant. Und du, was machst Du hier?" "Produktionspraktikum" "Aha – und du passt hier auf dass keiner aus Set kommt – klar." "Ganz genau – das ist meine Aufgabe im Moment" "Aha - na dann – schön' Tag noch." "Dir auch!"

Und Dennis ging am Set vorbei. Schon spannend - dachte er. Und er dachte an das Mädchen. So beim Film, das musste spannend sein. Eine neue Dokusoap... über Pfadfinder... Und wie soll so was aussehen? Fragte er sich. Wer die Oma am schnellsten die Straße rüberbringt hat gewonnen oder was? Und Dennis lachte in sich rein. Er erinnerte sich an die Zeit in der er selbst mal bei den Pfadfindern war. Eigentlich ne geile Zeit dachte er. Im Prinzip war das alles völliger Unsinn aber es war auch schön - wie alle so zusammen gehalten haben. Und irgendwie war es auch schön gewesen alten Omis über die Straße zu helfen oder für Obdachlose zu kochen oder so was... Heute lebt jeder nur noch für sich selbst – allein und einsam. Halt auf sich gestellt. Ohne an die anderen zu denken. Oder man wird eben ausgenutzt. Das Mädchen von eben lässt sich bestimmt auch total ausnutzen. Die merkt es bloß nicht, dachte Dennis.

Dennis hatte noch Lust ein wenig weiter zu laufen. Der Tag war ja zum Glück doch noch ganz schön geworden. Als er in die nächste Straße ein bog sah er in der Ferne eine Person auf sich zukommen. Als die Person sich näherte würde er ihr gewahr. Ein bildhübsches junges Mädchen. So schön und interessant, dass ihm ein wenig der Atem stockte. Sie ging an ihm vorüber und er drehte sich, um ihr nachzusehen. Plötzlich hörte er einen lauten Knall. Er spürte ihn förmlich. Er drehte sich wieder nach vorn. Vor ihm war von einem Baugerüst ein Stein herunter gestürzt. Dennis war erschrocken und ihm stockte wieder der Atem. Er hatte großes Glück gehabt. Plötzlich so schöne Aussichten und dann wär' man fast tot?? Dachte er. Er ging weiter die Strasse runter und fühlte, wie seine Seele sich beruhigte und gleichzeitig beunruhigte. Fast tot, dachte er, fast tot...

Langsam erholte er sich von seinem Schock. Was wäre, wenn jetzt alles zu ende wäre und er seine Zeit nicht richtig genutzt hätte. Wenn er seinem Leben keine richtige Richtung gegeben hätte?? Was, wenn...und ihm wurde bewusst, wie sehr er eigentlich an seinem Leben hing. Und, dass es eigentlich zu kostbar wäre, um es einfach so zu verschwenden. Man musste es unbedingt richtig ausnutzen. Und zwar nicht nur für sich selbst. Vielleicht war es ja so, dass man am Ende doch so einigen Omies über die Straße helfen müsste um mit sich eins zu sein... Er nahm sich vor, nächstes mal, wenn er die Gelegenheit hätte, wieder hilfsbereiter und freundlicher zu sein. Und er ging weiter durch seinen Kiez. Nach einiger Zeit fand er wirklich eine Gelegenheit. Gegenüber versuchte gerade ein Kleinwagen ein zu parken. Nun, wenn es der Zufall so will, dachte Dennis, und ging herüber um dem Mann beim ein parken zu helfen. Darauf hin bedankte sich dieser sehr höflich und Dennis ging mit einem Lächeln von dannen. Plötzlich hatte er ein Bisschen gefunden was ihm zu fehlen schien, glaubte er. Und so baten sich an dem Tag noch die eine oder andere Gelegenheit für Dennis, sich von seiner neuen Seite zu zeigen.

Am Abend kehrte er in ein nettes kleines Lokal in der Simon-Dach-Straße ein. Er bestellte sich ein Bier und setzte sich an die Theke. Er resümierte den Ablauf seines letztendlich doch noch glorreich verlaufenen Tages. Plötzlich war er ein reicher Mensch geworden. Glücklich ließ er seinen Blick durch das Lokal schweifen. Plötzlich entdeckte er das Mädchen, dessen Schönheit ihn vorhin fast um Kopf und Kragen gebracht hätte. So eine, das wär´s dachte Dennis. Ungläubig sah er sie an. Sie kam offenbar zu ihm rüber. Er wurde aufgeregt. Er war immer aufgeregt bei so hübschen Mädchen. Er hatte nie den richtigen Ton oder den richtigen Spruch für so was gefunden. Aber - vielleicht war heute ja auch das anders. Er schien großes Glück zu haben: Sie war möglicher Weise nicht aus Berlin, jedenfalls hielt Sie einen Stadtplan in Händen...

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: