Aus der Bäckerblume

"Ich habe etwas gelesen, und es hat mir geholfen", sagte neulich sonntags ein falscher Schwede mit knirschender Stimme beim Bäcker zu mir und stieß mich an, obwohl ich ihn gar nicht kannte und gerade still und versonnen die Auslage mit den frischen, duftenden Schrippen betrachtete. "Es war eine sehr demokratische homöopathische Abhandlung, die dringend empfahl, im Frühherbst die Nieren mit heißen Honigwickeln einzupacken, damit sich im feuchten Wind die ätherischen Öle der elotischen Blütenpollen …"

"In Schweden ist wohl viel Wind in der Hose", sagte ich und vertiefte mich schnell in meinen Roten Taschenkalender, den ich zur Verteidigung aus der Gesäßtasche meiner festsitzenden Jeans zog.

"Oh, ich hab auch mal was gelefen", lispelte eine junge Frau mit auf alt gefärbten Haaren hinter mir in der Schlange und drängelte sich weiter vor.

"Was denn? Haben Sie vielleicht Buchstabensuppe gegessen?", fragte der fahle Schwede in seinem knochigen Akzent so kühl wie ein nebliger Tag im Frühherbst.

"Nein, daf ist mir tfu fwierig. Aber am Bahnhof ftand auf einem Ffffild 'Gleiff 3' und genau da fuhr mein Tfug ab."

Der Schwedenschatten sah sofort weg und hickste unangenehm, während die junge Frau auf einmal nervös und aufgelöst in ihrer abgewetzten, hellbraunen Kunstlederhandtasche herumnestelte.

Ich linste immer vorsichtiger über Korn und Kimme des knallroten, selbstveredelnden Büchleins.

"Ich lese ja immer gerne in der Bäckerblume. Da sind immer so schöne Verse zum Tage", sagte die alte Bäckersfrau nun, währen sie ein heißes Backblech mit noch dampfenden Schrippen direkt aus dem elektrischen Ofen in die Auslage kippte, und sie strahlte dabei übers ganze Gesicht, sodass sich ihre lebenslustigen Runzeln kräuselten, als führe ein Windstoß der Seele über ihr weises Antlitz. Alle sahen sie aufmerksam an und sie begann, frei und andachtsvoll zu deklamieren: "Sei nur immer frohgemut und heiter, dann wird das Brötchen breiter. Wirst du nicht zu bang & bänger, dann wird die Schrippe länger. So lache nur froh und fröher, dann wird der Wecken höher …"

"Äh", machte die junge Frau mit der abgeblätterten Haarfarbe, und dazu tellergroße Suppenaugen.

"Ich hab fei den ganzen Hä.... äh. Harry Po... Po...Plotter gelesen", krähte ein Junge von kaum zwölf Jahren, der einen Zwickel ganz fest in der Hand hielt, mit einer Stimme, die im oberen Tonbereich schon fast mit dem Stimmbruch drohte. "Und seitdem kann ich zaubern. Ich kann nämlich zaubern. Ich kann ihre ollen Brötchen in schleimige, warzige Fettkröten verwandeln."

"Untersteh dich!", rief die Bäckerin aus, ließ das scheppernde Blech fallen und zog ruckartig die Bluse enger. "Nicht meine Brötchen!!"

Doch der der Junge begann sofort, unverständlich zu zischeln, und plötzlich hüpften Dutzende von grünschillernden Kröten mit fetten gelben Fleischwarzen und blubbernd abschleimenden Drüsen hinter dem bald nicht mehr ganz sauberen Plexiglas der Vitrine anstelle der frischen Schrippen in der Auslage herum, und sie quakten und quiekten wirklich gar zu jämmerlich …

Ich versuchte weiter, mir nichts anmerken zu lassen, und behielt über die oberen Seitenränder den falschen Schweden fest im Auge.

"Ich habe mal bei einem Weihnachtsessen in einem Grand Hotel, gleich hinter dem großen Parade-Tor übrigens, sehr feine Adresse, auf einer bedruckten Papierserviette gelesen: 'Was satt macht, das füllt auch den Bauch'", erklärte ein älterer Herr mit graubraunem Spitzbart und einem goldenen Kneifer auf der scharfen, rötlichen Nase ganz hinten in der Schlange. "Ich nehme daher diese ganze Sahne-Mandel-Torte da, denn es gibt eine Heilige Verbindung mit dem Worte und der Welt. Schrift ist mir immer heilig gewesen."

"Aber heute ist Sonntag, der Herr. Die Torte ist von gestern. Na, Sie kriegen Sie zum halben Preis."

"Ich kann die Torte in ein sprechendes Meerschwein verwandeln. Warten Sie …", rief der Junge.

Doch die alte Bäckerin zog blitzschnell ein langes, krummes Messer mit doppelter Schneide aus der Bluse und zerteilte die große Torte in leckere, handliche Happen, als würde sie sie schlachten, wobei sie die Teilchen gleich ganz geschäftig auf Bäckerpappen packte und in braunes, mit dem Wappen der Backstube bedrucktes Frischepapier von der Rolle einschlug, die an der Rückwand des engen Verkaufsthekenbereiches angebracht war.

"Och, wie schade", murmelte der Junge und streckte dem Rücken der braven Frau die Zunge heraus.

"Ich habe mal in meinem Personalaufweif gelesen, wer ich bin, und daf hat mir fehr geholfen, denn feitdem weiff ich, daff mein Liebfter doch, alfo, daff er mich meint, und nicht meine Fff- ff-f, äh, Fffwester, wenn er im Flaf immertfu 'Fybil, ach Fybil!' ruft und mit feinem Kopfkiffen rummacht. Ich dachte nämlich immer, ich heiffe Petra, und meine Ff-fffwester ift übrigenf die Conny und geht fonntagf um fieben immer alf die Klavierlehrerin der Erbf-ffleicher auf den Motfart-Ftrich, und …"

"Ich lese die Erbsen einfach aus der Buchstabensuppe, das hilft immer", sagte der Schwede eisig und sein scheeler Blick wurde so hart und metallisch wie die Stahlkappen eines Springerstiefels.

Es entstand eine tödliche Pause, und ich verkroch mich tiefer in meinem Text. Dann begannen die Gäste der Backstube, nervös miteinander zu tuscheln, während die Bäckersfrau mit ihrem langen, krummen Messer vor sich hinschimpfend die aufquakenden Fettkröten abstach, die rüber in die Kuchenablage gehüpft waren, bis sich ihre schneeweiße Schürze mit ockerbraunem Blut färbte.

"Und Sie da, he, Sie! Ja, genau Sie meine ich", brüllte der knochige Schwede nach einem ewigen Augenblick sehr laut und brutal und baute sich wie ein gehörnter Rentierbulle vor mir auf. "Und Sie schmökern hier also einfach nur so ganz still und versonnen in diesem Roten Kalender da, wie? Habe Sie denn noch nie etwas gelesen, das Ihnen geholfen hat? Sie … Sie …"

Schlagartig wurde es wieder muxmäuschenstill und alle Augenpaare musterten mich von oben bis unten wie eine fesche Schaufensterpuppe ohne Preisschild. Der Schwede trat einen Schritt zurück und ein triumphierendes Lächeln umspielte seine beinahe sandbeigen, bleistiftdünnen Lippen.

"Äh. Weiß ich grad nicht. Ich hab nicht richtig aufgepasst", sagte ich vorsichtig, doch ich sah ihm dabei direkt in die blutrot und schmutziggelb geäderten Pupillenkränze, bis er den Blick senkte.

"Ich auch nicht", sagte der ältere Herr mit dem goldenen Kneifer wie zu sich selbst, ganz offenbar vollkommen fasziniert vom Todeskampf der zerstückelten und schrecklich quiekenden Fettkröten. Im Augenwinkel sah ich, wie die Bäckerin schwungvoll das Messer hob, als er sich über die von innen vom Krötenblut und Drüsenschleim längst völlig verschmierte Plexisglastheke beugte.

"Was ist, kommst du klar?", fragte ich den bebenden Bullenlappen direkt vor mir teilnahmslos.

"Nun, ich könnte Sie ja auch fragen, was denn da so in ihrem Taschenkalender steht", sagte der Knochenschwede gedehnt und hickste unangenehm. "Wollen Sie es nicht mal vorlesen? Wäre das nix für die Bäckerblume, Alter, im Spiegel der Gegenwart, hä, wie die schönen Verse zum Tage? Oder hat es ihnen etwa nicht geholfen, Sie, Sie, Sie …? HÄ??"

"Doch" erwiderte ich so leise, dass es jeder hören konnte. "Es hat mir sehr geholfen, diesen falschen Stockholmsyndromtext zu verstehen. Denn diese kleine, konterromantische Semmelgeschichte hier habe ich erst heut morgen selbst in den Tageskalender notiert. Sie ist recht konfabulistisch, aber …"

"Wie bitte? Heute morgen?", fragte der Schwedenschatten und zog die hartborstigen Rentierbrauen zusammen, dass seine fleischige Nasenwurzel fast aufplatzte, offenbar auf einmal sehr misstrauisch.

"Na klar doch!"

"Und?", zischte er.

"Äh. Tja. Und nun ist sie zu Ende."

"Och, wie schade", rief der Junge und streckte mir die Zunge heraus.

Doch ich klappte das kleine rote Büchlein einfach wieder zu. Es duftete nach frischem, knusprigen Brot und dem braunen Blut von Fettkröten. In mir roch alles wie eine Backstube am Sonntag. Still sank der falsche Schwede in sich zusammen, bis nur noch eine große Schleimpfütze aufblubberte.

hoch

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