Ich habe etwas gelesen und es hat mir geholfen

Wir wussten nicht wohin sie uns bringen würden. Sie hatten uns die Augen verbunden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Wir liefen blind in den Abend hinein. Und wer Wir eigentlich waren? Ich weiß es nicht. Wir hatten uns schon immer angeschwiegen und jetzt, wo uns das Leiden doch zusammenschweißte, wurde uns verboten zu sprechen. Sie sprachen eine fremde Sprache. Wir verstanden sie nicht. Ich verstand sie nicht. Aber dass Schnee fiel, das wusste ich, das konnte ich fühlen. Es war ein leichter schöner Schnee. Er knirschte unter meinen Schuhen und als wir die Treppen hinaufzusteigen hatten, da berührte der Schnee die freien Stellen meines Körpers, meine Hände, meine Wangen. Winzig kleine weiche tröstende Schneeflocken waren das, die meine Haut, mein Gesicht berührten. Der letzte Duft von Schnee.

Sie schoben uns durch schmale Gänge und über verschneite Wege, so erschien es mir. Und schließlich trieben sie uns Treppen hinauf in ein Etwas, einen stickigen Raum hinein.

Wir waren wie Tiere, hinterfragten nichts. Hatten unsere Leben gnadenlos schön gemacht. Hatten uns wohl und wohler gefühlt, die Kuscheldecken enger um uns geschlungen, wenn unsere Fernsehapparate Bilder menschlichen Grauens zeigten. Wir waren viele.

Herdenviecher.

Die ersten, die in den Flieger gebracht wurden, schienen Glück zu haben. Man trieb sie auf richtige Sitzplätze. Doch wir wurden mehr. Der Raum wurde enger. Wir waren zu viele. Die nächsten hatten auf den Beinen der schon Sitzenden Platz zu nehmen. Die Letzten nahmen einen Teil des Ganges ein, so schien es mir. Jene, die uns herbrachten. Jene die diese fremde Sprache sprachen, redeten und schrien und ich zuckte und schreckte zusammen und ich verstand sie nicht.

Es waren die Einzigen die sprachen, ich hätte sie so gern verstanden. Ob Wir sie nicht verstanden war nicht klar, denn wer WIR waren? Ich weiß es nicht.

Sie sprachen laut, gaben Befehle von sich und schlugen zu, wenn etwas gegen ihren Willen geschah, wenn etwas ihren Vorstellungen missfiel. Ich hatte Glück, mich schlug man nicht. Ich hörte nur die Geräusche. Einen klatschenden Knall auf der Haut eines Anderen. Die schmerzverzerrten Schreie eines Nächsten.

Ich hatte Angst.

Was geschah, war schlimm, doch ich nahm es hin, es war mein Schicksal. Ich hatte nichts getan, war nie ein politischer Mensch gewesen. Vielleicht hatte ein anderer etwas getan. Hatte für mich etwas entschieden. Einer meiner Landsleute. Einer aus der Politik. Ich hätte mich bemitleiden, mir Fehler eingestehen können. Aber nein. Ich trug die Verantwortung. Ich trug sie ja auch.

Wenn etwas so weiter lief oder falsch war, wenn mein Land eine falsche Politik betrieb, so trug ich jetzt in diesem Moment die Verantwortung, denn ich habe nichts getan. Nichts dafür und nichts dagegen, hatte mich nicht gewehrt, hatte die Geschehnisse nicht beachtet, ließ alles geschehen, wie es geschah.

Ich wurde auf den Schoß eines anderen gestoßen. Dort kauerte ich. Meine Füße standen auf den Beinen des Fremden. Seine Beine waren stark. Sein schmerzverzerrtes Stöhnen, war das Stöhnen eines Mannes. Ich roch seinen Atem, der Atem eines alternden Mannes, so schien es mir.

Als der enge Raum begann sich zu beschleunigen und wir, Körper an Körper, aneinander gedrückt wurden, da wusste ich, dass wir in einem Flieger saßen, ausgeflogen wurden. Ich fühlte wie wir abhoben. Mein Körper drückte sich gegen den Körper eines Fremden. Sein Röcheln direkt an meinem Ohr. Schweiß an Schweiß. Mein Magen war flau. Zu viel ungewollte Nähe, kaum zu ertragen.

Wir flogen. Stunde um Stunde. Man hatte hier nichts. Nichts. Es gab einfach nichts. Man konnte sich nicht bewegen und an Schlaf war nicht zu denken. Sie spielten uns auch keine Musik. Ach, hätten sie uns doch Musik gespielt. Aber nein. Nur das Rauschen der Maschine, ein altes Modell, war zu hören, ein lautes unangenehmes Rauschen.

Was mir jetzt noch blieb, waren meine Gedanken. Ein paar wenige lebendige Bilder für immer konserviert vor meinem inneren Auge. Und die Zeilen aus einem Roman, den ich noch am Vorabend las. Aufgeschlagen und mit dem Buchrücken nach oben liegt das Buch wohl noch jetzt auf meinem Tisch. Und diese Zeilen, Zeilen die ich mir wieder und wieder leise vorsagte, die haben mir geholfen und die habe ich vor mich hin geflüstert, wieder und wieder:

„Für den gut vorbereiteten Geist, ist der Tod nur das nächst größere Abenteuer.“

16.01.2011

hoch

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Genres:
* Prosa * Krimi *


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