Wie Dein Nokia 6300 GI508933-78BJ unsere Liebe einfror

Ich zündete mir gerade meine letzte, eine dritte Zigarre für diesen Abend an. Galant schob ich mir meine süße Berlin-Bombay zwischen Zeige- und Mittelfinger zu den anderen beiden in meine rechte Hand, als Du mein Herzchen, ach Herzchen gekonnt die roten Türen des Saloons aufstießest. Eifrig lächelnd, mit einer heftig winkenden Rechten tanztest Du Herzilein auf mich zu. Ich setzte eines dieser typischen elegant underdressed Mona-Lisa-Lächelns auf und hob, den kleinen Finger abspreizend, meinen Prosecco in luftige Höhen, nickte dir dabei sanft zu, um nur wenige Augenblicke später lauthals und weibisch irgendwie "Herzchen!" durch den Raum, den Saloon zu quieken.

Du Herzilein kamst indes an meinen Tisch stolziert, presstest Deine beiden Hände auf diesen, so dass ich in Dein Dekolleté sehen konnte, indem ich nichts entdeckte außer grausem Brusthaar und schobst mir einen Umschlag zu. Das Geld. Der abgemachte Betrag. Wohl sicher. Ich schaute nicht nach, kannte Dich, achtete Dich, vertraute Dir. Du fingst meinen Blick, ich den Deinen.


Tief, wortlos versanken unsere Augen ineinander bis Du mir ein so zärtliches "Wollen wir?", wie ich es noch nie zu vor, weder von Dir, noch sonst irgendjemandem vernommen hatte, zu hauchtest.

Einige Zeilen eines Villon-Gedichtes kamen mir dabei unweigerlich in den Sinn, drängten sich meiner auf, ich musste sie leise vor mich hin flüstern, den Blick senken, wie ein Betender:

"Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund - Ich schrie mir schon die Lungen wund.

Nach deinem weißen Leib, du Weib. Komm her, ich weiß ein schönes Spiel, im dunklen Tal, im Muschelgrund ...

Oh du ... du oh ... DU! Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund! Oh ..."


Ich würgte, rang noch immer nach diesen Worte, da wurde mir klar, man hatte uns bemerkt. Uns, unser Spiel! Unsere Kuriositäten? Unverfroren richteten sich Blicke auf uns. Berner Münder. Berner Mundwerk war zu vernehmen. Und Du mein Herzchen? Mein Herzilein?

Du lächeltest nur milde, weise, drehtest dich gekonnt auf einem Deiner Absätze zu mir. Deine roten Pumps! Du neigtest Dich tief, hieltest mir deine Hand hin und ludest mich ein sie zu ergreifen. Einzig Dein Blick sprach in diesem Moment, formulierte eine Frage, ob ich so weit wäre. Ja, ob ich es jetzt vielleicht wäre?

Hektisch, nervös mit zitternden Händen kippte ich meinen Prosecco hinter, klemmte mir die letzte noch brennende meiner Zigarren to go in den Mundwinkel und ergriff sie, Deine Hand, Deine angebotene Zärtlichkeit. Lachend, kichernd wie zwei junge Hühner, wie Mädchen gerade mal im Teenageralter rannten wir zu den Türen des Saloons, hüpften durch diese hindurch hinaus in die Nacht. Die Stadt empfing uns mit ihren warmen Nachtlichtern.


Wir nahmen den Weg. Das übliche Hotel. Übliche Erklärungen am Empfang, wir gebrauchten das Zimmer welches wir immer nahmen und taten worüber hier nicht gesprochen werden muss. Du mein Herzchen kennst das Geschehene nur all zu gut. Alsbald fanden wir uns in der Innenstadt wieder, schlenderten belustigt durch Häuserzeilen. Fühlten den Regen. Erst leise, dann lauter. Ich dachte an eines unserer letzten Mal, an Dich, wie Du mit dem Schirm ... und meine dabei tief empfundene Scham.


Herzchen, Herzilein meine Hand löste sich just in diesem Moment von der Zartheit der Deinen. Ich konnte Deine Hand jetzt nicht mehr halten, nicht mehr führen in Anbedacht an jene damaligen Szenen. Ein verstohlener Blick zur Seite offenbarte mir Deinen gesenkten Kopf, den schlürfenden Gang. Ganz ein kleiner Junge warst du jetzt wieder. Wieder einmal musste ich heimlich dabei zu sehen, wie du still vor Dich hin littest.

Herzilein, Herzchen heute keine Szenen mehr, du hattest es versprochen, vorgängig! Ich war so kurz davor diese, jene unaussprechlichen Worte auszusprechen. Doch gewiss hätte ich sie damit herauf beschwört, diese eine neue Szene, eine von schon so vielen.


Ich ging mit dir zum Hirschengraben zeigte Dir die neusten Modelle von Nähmaschinen genoss dabei unablässig das Strahlen in Deinen Augen. Herzilein, Du mein Modedesigner. Du warfst den Kopf zurück und lachtest lauthals, glückbeseelt, drehtest Dich wieder keck auf einem der Absätze Deiner roten Schuhe. Du tatest alles was Du tatest, so wie Du es immer tatest. Warst sogar mehr noch außer Dir, drehtest Dich, schriest, quiektest, sprangst und dabei rammtest du alsbald eine Frau, Marke jung und gutaussehend, Gott im Himmel, aber eben doch nur eine Frau, eine die gerade fragend begonnen hatte auf den QR-Code im Schaufenster zu schielen. Die Schöne schrie kurz auf und presste verlegen und heftig ihre Handflächen gegen ihre Wangen, als sie Deinen wohlgeformten Modedesigner-Körper an sich spüren durfte.


"Herzilein!", ich hätte einen erzieherischen Blick aufsetzen, die Hände in die Hüften stemmen müssen. Du aber strahltest in Deiner üblichen Weise:

"Kann ich ihnen helfen?"

Fassungslos stand die Schöne Dir gegenüber, gelocktes Haar von roter Farbe, die Arme erschrocken von sich geworfen, halb offener Mund, volle rosige Lippen, leise und schleichend zur Erstarrung verdammt.

"Ich ... Ich bin Hebamme!.", sagte sie mit zitternder Stimme, sie schien nicht zu wissen, was nun zu sagen war, sie verfiel in eine abwehrende Haltung. Kommt mir nicht zu nah!

"War das die Antwort auf seine Frage!", warf ich ein und konnte dabei einen latent eifersüchtigen Unterton nicht verbergen.

"Nein, aber ... ich wusste nichts zu sagen, ich wusste eben einfach nicht ... was ich jetzt sagen soll und da ..."

Herzilein, Du machtest einen Satz, strahltest, zücktest Dein hochmodernes Nokia 6300 GI508933-78BJ hieltest es vor den QR-Code am Nähmaschinenfenster, drücktest auf die mittlere prägnante Funktionstaste, sodass ein auffälliges Geräusch ertönte, welches den Auslöser einer analogen Kamera imitierte.

Herzilein, natürlich hattest du ihn, hochmodern, wie du schon immer sein wolltest, auf volle Lautstärke gestellt.


Aus dem Augenwinkel gelang es mir nicht zu übersehen wie einige Berner Passanten mokiert die Köpfe schüttelten. Ach Herzilein. So war das eben schon immer mit Dir. So würde das auch immer sein. Du hattest ein Foto geschossen. Stolz, denn dabei röteten sich immer deine Wangen auf ein eigensinnige Weise, hieltest du ihr das Handy vors Gesicht:

"Sehen Sie nur Fräulein Hebamme!", schwärmtest Du mein Herzilein.

"Das ist die Moderne."

Du drücktest noch ein paar Mal wie zum Spaß auf die Funktionstaste. Schwere Geräusche ertönten, Passanten drehten sich erneut mokiert, beschämt um. Auch ich, ein wenig abseits stehend, drehte mich diesmal heimlich zu diesen um, steckte mir Finger in die Ohren und in den Mund und zog eine grauenerregende Fratze.

"Sieh nur, sieh!" fuhrst Du Herzilein fort und tatest einen hysterischen Luftsprung und zeigtest das Handy, das Display, wiesest schließlich vor Stolz stöhnend auf die kleine Website Baujahr 98 hin, die ein paar hübsche kleine Bilder der verschiedensten und schönsten Nähmaschinen der Schweiz darlegte. Ach Herzchen du schienst niemals stolzer und glücklicher gewesen zu sein als in jenen Augenblicken.


Ich stieg ins 68er-Tram, ließ Dich stehen, das Warnsignal ertönte, Türen schlossen sich. Ich rannte durch die gesamte Tram, hektisch, Aufsehen erregend und beinahe stolpernd bahnte ich mir meinen Weg bis ganz nach hinten. Klopfenden Herzens presste ich meine Handflächen gegen die ausgerundeten Rückfenster. Und da standest du. Ich sah dich, sah dich reden, ungezwungen mit unserer Hebamme, Deiner Hebamme. Du und die Hebamme. Herzchen. Nein! Sag das nicht! Nicht Morgen. Nicht Jetzt. Nicht Heute. Einige von uns hatten schon des öfteren gemeint, dass Du mein Herzchen es nicht sein könntest, dass Du unmöglich schwul sein könntest. Dafür würdest du einfach nicht gut genug aussehen, hatten sie gesagt.

Aber ... Nein!

Niemals.

Herzchen?

Mit Panik in meinem Herzen, eine Hand heftigst an die Fensterscheibe pressend und eine andere zum Klopfen verwendend, schrie ich, schrie ich Dir nach:

"Herzchen! Herzilein!", meine Worte verhallten wie ungehört, nur die Köpfe der Mitfahrenden neigten sich kopfschüttelnd und kurz mir zu.

Worte die wie Blindtext, einfach ungehört verhallten.

Aber ... Und ...? Was sah ich da? Teufel. Nein. Nicht ich. Nicht mit mir.

Oh nein.

Die 68er-Tram fuhr an. Ich konnte nichts mehr tun, nun nicht mehr, konnte endgültig nicht mehr heraus. Als wir um die Ecke bogen, als ich DAS sah, da wusste ich es, dass ich Dich liebte, grausam liebte, liebte so wie noch nie.

Oh, Du mein Herzchen.

Herzilein.

hoch

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