Winke Winke Willie und ich


Überall in Berlin kann man sie finden, winkend, lächelnd sich als Katzen deklarierend. Winkekatzen halt. Sie stehen in den Ramschläden genau so oft, wie in den hipperen Schaufenstern, so als fesche Dekoration. Mein Balkonfenster ist irgendwie auch so ein Schaufenster. Mein Vermieter, ich wohne so was wie Hochparterre, steht jeden Morgen vor meinem Fenster und winkt wenn ich meinen Kaffee noch schnell schlürfe. Ja sein Weg zur Arbeit, er endet direkt vor meinem Fenster und dann winkt er mir eben. Das tut er nicht immer, aber oft. Dabei grinst er dämlich und ich grinse dämlich zurück, denn ich bin ein Morgenmuffel und er wohl auch. Hach die Höflichkeit, was tut man nicht alles, um gegenseitig bloß keinen schlechten Eindruck voneinander zu bekommen. Mmh?!

Manchmal habe ich wirklich schlechte Laune und winke nicht zurück und ziehe genervt die Vorhänge zu. Eigentlich hat das mein Vermieter nämlich von mir, das mit dem Winken. Ich mag diese Küsschen-links-und-rechts-Sachen nicht und deswegen habe ich mir wohl angewöhnt zu winken oder es ist mir aus der Kindheit geblieben, wer weiß das schon so genau. Auf jeden Fall sieht es schön dämlich aus, dass ist doch alles was zählt, oder?

Letztens stand ich dann wieder mal aufm Flohmarkt. Ach ich liebe das. Dieser ganze Trödelkram, den kein Mensch braucht. Und, nie weiß man, wer dieses Zeug hatte bevor man es ersteht. Das ist so romantisch. Diese Gegenstände, die haben einfach das gewisse Etwas, so was wie eine Vorgeschichte eben. Gut, genug jetzt mit der Laberei.

Ich stehe also auf so einem Flohmarkt, zwischen Stehlampen, alten Kommoden, falsch vergoldeten Kleiderständern und da seh ich Ihn. Er! Wow. Ich mag ja kein blond bei Männern. Aber, ach ... ich weiß nicht. Also er: blond, blaue Augen, latent weibische Gesichtszüge, muskulös aber nur in zarten Andeutungen und ... ach einfach süß halt und nackt und schutzlos, ohne Namen, ohne, dass er hätte seinen Namen nennen können. Und ich stehe auch da und strahle ihn einfach nur an. Ich weiss nicht wie er heisst, Willie vielleicht. Willie nackt und schutzlos, ja du hast mir Leid getan, und dann habe ich auch gleich an mich gedacht.

Ich, wie ich Willie die Schaufensterpuppe kaufe, wie ich Willie die Schaufensterpuppe ein halbe Stunde im Schwitzkasten durch die U-Bahn trage. Willie dabei nackt, ohne jegliches Bekleidungsstück. Willie und ich wir könnten doch so glücklich sein. Ich könnte; seine Statur ist nicht sehr stattlich; meine Mädelsoutfits passend an ihm zusammen stellen. Willie und ich, vielleicht hat er auch so einen Knopf, den man drücken kann, so wie ...

...So wie die kleinen Puppen aus der StarTrek Sammlung von Burger King zum Beispiel. Ich habe zwei davon. Es war der letzte Mr. Spock! Wenn man ihm auf den Rücken drückt sagt er: "Frieden! Und ein langes Leben!" Wenn man ihm mehrmals auf den Rücken drückt, dann sagt er ganz schnell hintereinander: "Frieden! Und ein langes Leben!" – "Frieden! Und ein langes Leben!" oder auch einfach: " Frieden! Frieden! Frieden! Frieden! Frieden! Frieden!" – "Und ein langes Leben!" er ist schon wirklich süß, lässt sich das mit dem langen Leben auch nicht nehmen.

...Aber Willie ist süßer! Willie der früher mal im Schaufenster gestanden haben muss. Hach ich könnte meinen Freundinnen einfach erzählen, mein neuer war früher ein Modell, aber jetzt modelt er nur noch für mich. Äääätsch! Wenn Willie diesen Knopf da am Rücken nicht hätte, dann könnte ich ihm vielleicht einen bauen.

Ich sehe es schon von mir! Willie und ich auf meinem Balkon. Ich strahle ihn an und er mich. Ich habe ihm den verstellbaren Arm zum Himmel gestellt und den anderen habe ich mir um die Schulter gelegt. Willie lacht und hört auch nicht auf damit und dann sagt er immer:

"Ich hole Dir die Sterne vom Himmel!" –

und ich antworte: "Selbst ist die Frau."

"Ich hole Dir die Sterne vom Himmel!" –

"Selbst ist die Frau eben.", antworte ich –

"Ich hole Dir die Sterne vom Himmel!"

"Ich weiss" würde ich dann zufrieden lächelnd erwidern.

"Die Sterne!" "ja" – "Die Sterne!" – "Die Sterne...!" "...Ich..."

"...Himmel..." "Die Sterne!" "Die Sterne!" "Die Sterne!" "hole" "Ich"

"Himmel" "Sterne"

"JA! Doch!" vielleicht würde ich auch mal lauter werden und sagen:

"Man, es heisst einfach, die Sterne vom Himmel holen, klar! Hol mir gefälligst die Sterne vom Himmel und zwar schnell. Pronto! Sonst reiß ich dir den Arm ab, du Möchte-Gern-Frankenstein-in-Gut-Mensch-Manier!"

Ja, wir würden uns sogar manchmal streiten und das, obwohl Willie doch nun wirklich nur einen Satz kennt. Mist! Ich würde mich ärgern müssen über mich selbst, ärgern, dass ich die Kabel falsch gelötet hätte. Frauen und Technik eben!

Vielleicht würde mir auch wirklich langweilig werden eines Tages. Willie, ich und dann immer nur die blöden Sterne. Sterne die kein Mensch je so richtig hat definieren können. Funkeln die nun immer nur oder sind sie heiß und tun weh, wenn man sie berührt? Wer weiß das schon?

Willie. Wenn ich dann tagsüber auf Arbeit bin, stelle ich dich einfach hinter den Vorhang und schiebe den Vorhang ein wenig auf. Nein, du schiebst ihn auf mit der einen Hand. Ich stelle dich dann nackt dahinter. Dein verstellbarer Arm hält den Vorhang genau so auf, dass man deine primären. Du weißt schon was sehen könnte. Ausserdem hättest du einen Winke-Motor. Lässig lächelnd ständest du dann hinter dem Vorhang und würdest einfach den ganzen Tag nichts tun, außer zu Winken. Damit würde ich meinem Vermieter bestimmt das Leben versüßen.

Und wenn mein mich alles liebender Vater, dann wieder fragt, warum ich die Kirche nicht mehr besuche und mir erklärt, dass er findet, dass es in der katholischen Kirche vernünftige Männer gibt und dass es eben langsam mal an der Zeit sei, mit was Kleinem. Ja, dann müsste ich ihm nicht mehr erklären, dass ich schon froh bin, wenn ich es schaffe die Verantwortung für mich zu übernehmen! Wie ich letztens erst gescheitert bin, nämlich an meinem Kater. Wie Er davon gerannt ist. So wie alle Männer!

Dann.

... dann könnte ich einfach sagen: "Du Papa! Das ist Willie ... Er wird mir nie davon laufen. Weil er das gar nicht kann! Ich habe beschlossen, dass wir heiraten!" Und, dann sehe ich uns schon vor mir.

Die Familie, zufrieden lächelnde Gesichter, weil alle sich freuen, dass ich es nun doch geschafft habe. Die Familie mit Ausdrücken auf den Gesichtern die sagen: "Herzlichen Glückwunsch! Dabei sein ist alles!" Wir wären ja alles so froh.

Willie,der starke Schaufensterpuppenmann und ich. Die lächelnde Familie. Ich, wie ich Willie steif im Schwitzkasten hinter mir her, vor den Altar ziehe. Freudig ertönt dann dieses DamDam-DiDiDu-DamDam-DamDam Hochzeits-Walzer-Gedöhns. Ich, ein wenig frustriert, weil mir der Träger vom Brautkleid über die Schulter rutscht.

Ich, wie ich Willies verschraubbare Beine so richten muss, dass er stehen bleibt, so dass er nicht umfällt, vor lauter Lampenfieber. Willi und ich wir könnten ja soooo glücklich sein.

Mein Gesicht schaut, in den Himmel und träumt mit geschlossenen Augen, als Karla Lucci, eine Medizinstudentin, die mal Schönheitsrestaurateurin bei Menschen werden will, mich antippt:

"Ne 5 Euro!? 5 Euro? Das ist wirklich zu viel für ihn!" und dann zerrt sie ihn hinter der Stehlampe vor, hebt ihn in die Höhe, um ihn ein wenig besser ins Licht zu rücken und raunzt:

"Sieh dir doch mal die Glocken an! Nichts dran an dem Mann! Kannst ihn ja mit Christbaumkugeln behängen, vielleicht macht ihn das schöner?!"


hoch

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