Eisschmerz

Muriel öffnet die Augen, wird angelacht, ein Troll auf ihrem Kissen. Sie dreht sich um. Nur weg. Die Sonne streicht durch rote Vorhänge. Muriel steht auf, pfeift time flies, hat einen faden Geschmack auf den Lippen. "Time flies.", sagt sie, öffnet die Tür zum Balkon. Sie stellt ihre nackten Füße in den Schnee. Die Sonne, die Wärme ihrer Füße schmelzen den Schnee zu Wasser. Nackte Füße in farblosem Match. Irgendwo Hundegebell. Er hinter ihr. Keine Füße. Keine Schuhe. Er ist nicht da. Er ist da. Muriels nackte Arme. Er greift nach ihrem Handgelenk. Die Tür zum Balkon steht noch offen, bewegt sich nicht. Er zieht Muriel nach Drinnen, haucht: "time flies." in ihre Ohren und drückt Muriel einen Strauß trockener Rosen in die Hand. Die Blüten sehen schwarz aus. Muriel schaut auf ihre roten Füße. Kalte Füße. "Eisschmerz.", sagt sie nimmt die Rosen, zupft schwarze Blüttenblätter ab und zerdrückt sie in ihren Händen. Dunkelroter Blütenstaub auf hartem Schnee. Irgendwo Vogelgezwitscher. Er noch immer neben ihr im Schnee, neben ihr im farblosen Match. Keine Füße. Keine Schuhe.Er ist nicht da. Er ist da. Der trockene Rosenstrauß schaukelt in seiner Hand. Der vertrocknete Strauß ist ohne Blüten jetzt. "Das Mädchen mit den Zündhölzern." , sagt er und singt: "Time flies."

Trauriges Märchen denkt Muriel. Keine Krone. Keine Liebe. Der Strauß fällt ohne Blüten in den Schnee. Muriel hebt langsam, mit zitternden Händen ihre Füße nach drinnen. Stehr er noch draußen? Die Tür zum Balkon fällt zu. Muriel ist, als ob er das getan hätte.

"Ich will dich doch auch nicht sehen.", sagt sie, zieht rote Vorhänge zu, nimmt einen Keks in die Hand, denkt: Ich muss essen, schiebt den Keks in ihren Mund. Kekskommunion. Staub. Trockener Staub. Sie beißt, schmeckt nichts. Auf dem Tisch ihr Ausweis: Meermann – Muriel Catrin – 09.09.1984 – Nationalität: deutsch. Muriel spuckt trockenen Keksstaub aus dem Mund, sieht ihr Bild an, denkt diese Frau mit den weinende Augen, sagt: "Wer bist du nur? Wer bist du nur!", nimmt den Ausweis und schiebt rote Vorhänge beiseite. Fies und grell scheint ihr die Sonne ins Gesicht. Ihre Augen verziehen sich zu einem Weinen. Ohne zu weinen reißt Muriel die Tür auf, schmeißt ihren Ausweis aus dem 15. Stock, schmeißt ihre Identität aus dem Fenster. Lässt ihre Identität Selbstmord begehen, schreit: " Ich hasse Dich. Ich hasse Dich. Du dumme Fotze. Verschwinde. Hörst du? Verschwinde endlich!" Dann dreht sie sich um, pfeift Time flies, öffnet die Tür zum Bad, wühlt im Schrank neben dem Klo, nimmt einen Tampon, denkt: Wäre ich ein Mann, wäre ich er, ich hätte Mitgefühl. Ich würde ihr in die Augen sehen, einmal nur, würde sagen ... wüsste nicht, was ich sagen würde, aber ich würde etwas sagen. Irgendetwas. Nur ein Wort. Eisschmerz. Ich würde sie ansehen, ihre Augen fixieren und sagen: "Eisschmerz." und sonst nichts.


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Genres:
* Prosa * Liebe *


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