Was von uns bleibt ...

Vor etwa 50 Jahren trauten sich die ersten aus den Bunkern, noch in Schutzanzügen, die bei ihrer Rückkehr entsorgt wurden. Eigentlich trauten sie sich auch nicht, aber die Vorräte wurden knapp, die Menschen immer unzufriedener, und es musste etwas geschehen, was ihnen Hoffnung machte. Die Späher, rats genannt, wurden ausgelost die Bewohnbarkeit der Alten Welt zu testen. Die meisten von ihnen kamen tatsächlich zurück, und die Messgeräte zeigten erfreuliche Werte an. Die rats selbst sagten nicht viel.

Vor 30 Jahren dann wurden die ersten Kolonien in der Alten Welt eingerichtet. Auch die Kolonisatoren wurden ausgelost, aus allen gesunden, fortpflanzungsfähigen jungen Erwachsenen. Diesmal lautete der Codename rabbits. Die Regierung definierte das Jahr 0 der Neuen Welt. Auch dieses Experiment verlief erfreulich. Seit der Katastrophe war genügend viel Zeit vergangen, es gab Pflanzen, sogar Tiere, wenn auch Mutationen, andersartig als in den alten Büchern beschrieben, aber den rabbits gelang es, in wenigen Jahren eine verwertbare Landwirtschaft aufzubauen.

Nach einigen weiteren Jahren stellte die Regierung fest, dass die Selbstmordrate in den Bunkern höher war als draußen und beschleunigte die kontrollierte Aussiedlung. cats hießen die Pioniere der dritten Generation, und zum ersten Mal fanden sich auch Freiwillige dabei, trotz des Gesetzes, das Siedlern jegliche Rückkehr in die Bunker versagte. Die Weltregierung, sicher in den Bunkern untergebracht, hatte mit Hilfe der "neckapp", einer Software, die jedem rabbit oder cat in einem Chip am Haaransatz im Nacken installiert wurde, und mit Mediamasten, die überall die Kolonien mit Kameras scannten, genügend viel Überblick, um die Außenwelt ebenso leiten zu können wie die hermetisch verschlossene Bunkerwelt, ja sogar besser, denn die neckapp enthielt neben Abhörfunktionen vor allem eine Steuerungssoftware, die direkt auf das Gehirn, auf den Willen einwirken konnte. Damit wurde sichergestellt, dass die Kolonisierung im Sinne der Gesamtplanung verlief.

Um mehr Freiwillige für die Aussiedlung zu finden, waren in den Eventstationen der Bunker große Displays aufgebaut, die das Leben der Kolonisatoren, ihre Freiheit, die schier unglaublichen Raum- und Bewegungsmöglichkeiten in verlockenden Farben zu zeigen versuchten. Aber genau da lag da Problem: die Welt war farblos geworden, reduziert auf grau und braun, schwarz und weiß, nur unterbrochen durch einige Pflanzenmutationen, die einen eher psychedelisch anmutenden Hauch von Lila und Blassorange hineinbrachten, und cats und rabbits waren so grau wie ihre Verwandten in den Bunkern. Selbst die Luft war grau, schien das Licht der Sonne nur begrenzt durchzulassen. Techniker versuchten es mit Farbfiltern, aber das Ergebnis war zu unwirklich, zu künstlich.

Jim und Amira gehörten zur zweiten Generation der Freiwilligen. Ihnen hatte man den Codenamen hero verpasst, doch in der nüchternen Welt der Bunker hatte dieses Wort seinen Glanz verloren. Sie bekamen als Freiwillige ein gutes Stück Land in einem nach gegenwärtigen Maßstäben als fruchtbar eingestuften Gebiet. Material für den Hausbau gab es genug, ihre landwirtschaftlichen Kurse hatten sie, quasi als Zweitausbildung, denn sie kamen aus der Filmtechnik, absolviert. Für die Installation des controllings, der elektronischen Steuerung ihres Lebens, waren in jeder Kolonie hochbezahlte Fachleute unterwegs.

Aber eigentlich hatten Jim und Amira nur mäßig viel Lust auf Erzeugergenossenschaftsarbeit. Sie waren jung, sie wollten leben, ihre Lust lag auf anderem Gebiet. Ihr Traumziel war es, wieder Freude in die Welt zu bringen, und mit Hilfe alter, ererbter, zum Teil verbotener Bücher hatten sie sich darauf vorbereitet. Wein wollten sie keltern, Bier wollten sie brauen, und eines Tages vielleicht auch Cognac und Whisky destillieren. Getränke, die Genuss verschafften, nicht mehr das synthetische Zeug, das zuerst Rausch und dann Depression hervorrief. Setzlinge und Samen hatten sie aus den Bunkerlaboren erhalten, wenn auch für reine Ernährungszwecke. Brauereien und Keltereien hofften sie draußen zu finden, denn alte Industriegebäude standen vielerorts noch, auch Keltern und Braukessel, soviel hatten ihnen die Schulungen zu Geographie und Wirtschaft klar gemacht. Mit Feuereifer machten sie sich an den Anbau der Pflanzen und die Vorbereitung der öffentlichen wie der speziellen Nutzung.

Aber auch nach fünf, sechs Jahren blieben Neuweltbier und Neuweltwein nicht nur weit hinter den Erwartungen von Jim und Amira, auch weit hinter der eher mäßigen Qualität der synthetischen Bunkergetränke zurück, sie waren schlicht ungenießbar. Einzig die stark Depressiven, denen inmitten von grau und lila schon beinahe alles egal war, stellten einen Abnahmemarkt dar. Allerdings hatte die Aufsichtsbehörde über die Kolonien mit der Zeit von den geheimen Bemühungen Wind bekommen. Eine Weile wurden sie nur beobachtet, denn Eigeninitiative war in gewissem Rahmen durchaus förderungswert, aber nun bekamen Jim und Amira per neckapp den Auftrag, sich ihren eigentlichen Aufgaben zuzuwenden. Wenn man eine direkt in das Willenszentrum eingespeiste Anweisung mit Auftrag bezeichnen konnte.

Amira hockte auf der Kante ihrer winzigen Holzveranda, ihre Zehen spielten mit dem Staub, sofern man Aufwirbeln und Absinkenlassen als Spielen bezeichnen kann. Hin und wieder blickte sie auf zum Mediamast, um die Uhrzeit abzulesen. Die gewollt muntere Werbung für Pflanzer-, Techniker-, Handwerkerkolonien sah sie schon gar nicht mehr, und die movies, Heileweltabenteuer mit Happyend, angesiedelt zwischen Holzbraun, Aschgrau und psychedelisch lila schimmernden Kulissen der Neuen Welt, interessierten ohnehin niemanden. Fast niemanden; bei beginnenden Depressionen waren sie praktisch die einzige Ablenkung von dem dunklen Loch, das sich im Bewusstsein bildete. Depressiver Suizid war nach wie vor die häufigste Todesursache, auch wenn Waffen und Gifte strengsten Kontrollen unterlagen. Aber die Menschen, Bunkerbewohner wie Kolonisatoren, waren erfindungsreich. Wenigstens diese Eigenschaft hatten sie bewahrt aus dem Leben vor der Katastrophe, und Diktaturen waren von jeher ein Rahmen, in dem Erfindungsreichtum blühte.

Zehen in den Staub bohren, hoch, runter. Hoch, runter. Blick zur Uhr. Staub. Endlich kam Jims Gleitmobil die Straße entlang. Er stieg aus, beugte sich über Amiras Ohr, streichelte sanft die Stelle, unter der der Chip saß und sagte, getarnt mit einem Kuss: "Pssst."

Amira schaute erstaunt auf. Er lächelte sie an und winkte ihr, hinter das Haus zu kommen. Dort, außer Reichweite der Kamera im Mediamast, fing er an, Müll zu sortieren, während Amira mit hängenden Armen verständnislos daneben stand.

"Jetzt komm, mach mit", zischte er, und als sie nicht reagierte, packte er sie heftig am Arm und zog sie zu den Müllstapeln.

"Fall jetzt nicht in Depression", raunte er ihr ins Ohr, die Hand fest auf ihren Nacken gelegt, "nicht jetzt. Hör zu. Ich bin im Wald gewesen. Kim kommt nachher noch vorbei. Entweder du auch, oder..." Er machte eine Geste des Abschieds.

Amira hielt mitten in der Bewegung inne und musterte seinen Haaransatz. Nur eine winzige Blutspur verriet die vorgenommene Manipulation.

"Wald" war in den Kolonien das Codewort für Widerstand, die geheimnisvolle Bewegung, die sich der Bunkerüberwachung entziehen und die Neue Welt nach eigenen Regeln bewohnbarer machen wollte. Um überhaupt arbeiten zu können, mussten die "Waldler" den manipulativen Teil der neckapp ausschalten und den Abhörteil steuerbar machen. Das nahmen Medizintechniker, medtecs, vor, die Nachfolger der früheren Ärzte. Natürlich waren nur einige medtecs im "Wald", denn sie hatten eigentlich ein ganz gutes Leben. Nur Behandlung oder mitunter Liquidation der Depressiven machte ihnen zu schaffen. Dann liefen wieder einige über, und Kim war einer davon. Von den Kameras konnte man sich fernhalten, sie waren noch immer nicht vollständig flächendeckend. Noch. Was und wie aber im "Wald" vorging, war den meisten Kolonisatoren ein Rätsel.

Natürlich wollte Amira mitmachen, und das dunkle Loch in ihr kam ihr sofort etwas kleiner vor. Nachdem sie den Müll zweimal sortiert hatten, Amira mit zitternden Fingern, klopfte es vorn. Jim ging ums Haus und begrüßte Kim laut und herzlich, begutachtete anerkennend den mitgebrachten Synthe-Cognac und bat ihn in ihr Häuschen. Amira kam durch die Hintertür, aber Kim winkte sie sofort in die WC-Kabine. Fünfzehn Minuten später saßen alle drei um den Küchentisch, Amira noch etwas benommen. "Und nun?", fragte sie leise.

Jim öffnete den Küchenschrank so, dass auch die Hauskamera dadurch abgeblendet war, und sagte: "Nun fangen wir an. Machen eine Bessere Welt aus der Neuen Welt."

"Keiner kann uns sehen und hören?", flüsterte sie, immer noch skeptisch.

"Keiner", antwortete Kim, "wenn du bei der Steuerung keinen Fehler machst."

Amira blickte auf den winzigen Schnitt an ihrer Daumenwurzel, hinter dem sie nun den Steuerchip trug.

"Nein, ich passe auf", sagte sie schon mutiger. "Aber was wollt ihr tun? Was können wir tun, wo es doch überall Kameras gibt? In jedem Haus, im öffentlichen Raum – wie stellt ihr euch das vor?"

"Da, liebe Amira, liegt deine neue Aufgabe", erklärte Jim, "wir arbeiten an einer Abschirmung. Die Kameras dürfen nur noch übertragen, was wir ihnen servieren."

"Und was soll das sein? Und was soll ich dabei tun?"

"Ganz einfach", fuhr Jim fort. "Wir, also der ‚Wald‘, haben Archive gefunden, mit schier unendlich vielen Terabytes Film, aus der Alten Welt natürlich. Deine Aufgabe wird es sein, die Farbverfremdung einzubauen, so dass es wie Neuweltszenen aussieht. So was hast du doch gelernt, oder?"

Amira nickte verblüfft. Nun setzte Kim fort: "Eine Reihe von Leuten haben die Filme szenisch schon aufbereitet in Hunderten von Dauerschleifen, andere von uns haben Geräte entwickelt, mit denen die Filme in die Kameras eingespeist werden. Wir hatten einen Testlauf mit ein paar sehr alten Schwarzweißfilmen. Schon mal von Charlie Chaplin gehört?"

Amira schüttelte den Kopf. Kim lachte und fuhr fort: "Dessen Filme laufen auf zwei Kameras vor dem Einkaufszentrum Nord. Entweder die Aufsicht schaut nie hin, oder sie wundern sich über nichts mehr. Und in zwei Häusern laufen schon Szenen mit Doris Day. 20. Jahrhundert alter Zeitrechnung."

Jim ergänzte: "Trotzdem, auch die alten Schwarzweißfilme brauchen ihre Farbanpassung, und die Farbfilme natürlich auch. Alles klar?"

Amira nickte und lächelte. Sie spürte das dunkle Loch in ihrem Innern auf Nussgröße schrumpfen. "Und du, Jim?", fragte sie. "Was machst du?"

"Neue Filme drehen, in Bezirken, deren Kameras schon abgeschirmt sind, und in den Häusern. Szenen aus dem Jetzt, in seiner ganzen Tristesse, für die nächsten Endlosschleifen. Wenn alle Kameras abgeschirmt sind, dann fangen wir an, an der Besseren Welt konkret zu arbeiten. Pläne gibt es schon jede Menge. Weinbau inklusive." Er zwinkerte Amira zu.

"Das wäre ja, das ist ja ...", Amira geriet ins Träumen. "Das wäre ja zu schön. Endlich selbst bestimmen, keine Zentrale steuert mehr, wir sind in unseren Häusern unter uns, trinken, singen und tanzen und ..."

"Und die drinnen", unterbrach Jim, "kriegen ihre depressiven Daten und können sie auswerten, so lange sie wollen."

"Aber", Amira war noch nicht zufrieden, "wenn sie es irgendwann doch merken?"

Kim winkte ab. "Wir bauen die Bessere Welt in einer anderen Gegend. Kalifornien hieß die früher. Ganz gut erhalten. Wenn die Zentrale Leute hierher schickt, sind wir längst weg. Nur unsere Filme, die bleiben."

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Science Fiction *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: