Giacomo. Nur du und ich und das Bahnhofsklo.

von Kimberly Killer

Die Luft riecht nach Regen. Die Luft riecht nach Alkohol. Lauter und leiser knallen die Absätze der Frauen, neben mir, hinter mir, vor mir. Gelächter, ihr Gelächter. Anhäufungen von lachenden Frauen und Blicke, die mir folgen. Die langen Gänge. Steinfußböden. Meine Schritte werden fester. Dann sitze ich endlich. Die S-Bahn. Zerrissene Sitzgarnituren. Verfall überall Verfall. Vor mir sitzt ein Typ, im Streifenpulli. Riesenkopfhörer. Er dreht die Daumen, schlägt seine Fäuste in die Luft zum Takt der Musik in seinen Ohren. Seine Beine wippen nervös. Dieser Ort, meine Haltestelle, der Hauptbahnhof. Kein schöner Ort an grauen Tagen. Glasig kalte verrottete Architektur. Das Blau der Bahnhofsuhren. Die sich langsam vorwärts schiebenden Zeiger. Vor Jahren muss dieser Ort einmal hochmodern gewesen sein.

Ganz unten. Im U-Bahntunnel, auf dem Klo bin ich mit ihr verabredet. Roseline. Ich öffne die Tür und da steht sie, die Puppe. Sie sieht mich nicht, klopft von unten an den Wasserhahn und sagt: "Na wirst du wohl! Los komm schon! Los komm schon!" Der Bewegungsmelder vom Wasserhahn ist hin. An diesem Ort ist alles hin. Auf diesem Klo ist alles hin. Stinkender Raum aus Edelstahl.

"Puppe!", sage ich und sie zuckt zusammen, als sie mich sieht. Ihre Augen leuchten. Mit einem Mal hat sie ihn wieder, ihren grinsenden Gesichtsausdruck. Dieses selbstgefällige Grinsen, sobald sich mich erblickt. Wie sich mich anhimmelt.

"Giacomo", sagt sie in hohem Ton und wirft sich mir an den Hals. "Giacomo, du hast mir so gefehlt."

"Ist gut Puppe.", antworte ich. "Sei so gut Puppe, nimm mir den Mantel ab, ja!"

Dann stehen wir in diesem verrotteten Raum aus Edelstahl. Es stinkt nach Pisse und Fekalien. Doch ein anderer Ort war nicht möglich innerhalb so kurzer Zeit. Niemand darf es auch nur ahnen.

Sie nimmt mir den Mantel ab, mein weißes Hemd ist voller Blutflecken. Ich schlage die Augen nieder, verzerre mein Gesicht, gebe mich jungenhaft und verletzlich.

"Giacomo!", sagt sie. "Du blutest! Du blutest! Oh mein Gott ... du ... du blutest." Dann wirft sie ihren Kopf gegen meine Brust: "Wie konnte das passieren?"

"Der Job, Puppe.", antworte ich.

Die Puppe weiß nicht, dass es das Blut meines Gegners ist. Ich hatte ihn verkannt. Roy den sächsischen Geheimagenten. Ich hätte ihn erschießen müssen. Er hätte tot sein müssen! Stattdessen spuckt mir dieser Roy ins Gesicht und sagt: "Na du Vochel, war wo dooch nischt!", in seinem widerlich sächsischen Dialekt. Mistkerl.

Aber die Puppe darf das nicht merken, ich will verwöhnt werden, muss ihr Mitleid wecken.

"Giacomo", sagt sie: "Giacomo, nur du und ich und das Bahnhofsklo."

Jetzt kommt ihre ekelhaft romantische Ader wieder durch. Aber sie soll mir heut noch gefällig sein. Wenn ich nur wüsste, wo ich mit ihr hin könnte. Doch heut gibt es keinen anderen Ort, wir können uns nur hier sehen. Also schiebe ich ihr meine Zunge in den Rachen, ziehe sie an mich heran. Regeln, was sind schon Regeln. Ich zerre sie vor ein Pissoir. Lasse von hinten meine Arme an ihr hinabgleiten, streife ihre billige weiße Bluse nach oben und befummle ihren Bauch. Dann ziehe ich an ihrem Pferdeschwanz ihren Kopf nach hinten, reiße ihr den Rock herunter und ....

Mit einem lauten Knarren öffnet sich die Edelstahltür. Rentner, zwei alte Männer, die uns fragend ansehen, sich dann rechts und links von uns, an den Pissoirs platzieren, um in Ruhe und von uns scheinbar unbeeindruckt ihr Geschäft zu verrichten. Doch da ist es bereits zu spät. Jetzt nehme ich die Puppe von hinten ran. Pech für die zwei. Wir legen los. Doggystyle. Die Puppe fährt drauf ab, wenn ich den Revolver, wie ein französischer Revolutionskämpfer in die Höhe halte, während wir es miteinander tun. Heute bin ich nervös, meine Verfolger könnten in einer der schmutzigen Kabinen sitzen. Ich sterbe vor Geilheit. Ich verpasse der Puppe einen harten Stoß von hinten und zerre noch einmal kräftig an ihrem Haar. Sie schreit auf, schluchzt und quiekt: "Ohhhhhhhhhh Giacomo! Oh Giacomo, nur du und ich und das Bahnhofsklo."

Die Rentner stehen noch immer neben uns und halten beschämt die Köpfe nach unten. Eine Grauhaariger rechts und der andere links. Ich nehme mir die Puppe weiter von hinten vor. Ein Stoß, ein weiterer Stoß und noch ein Stoß. Ich sterbe fast vor Erregung. Mein erhobener Arm entspannt sich, ich bin kurz davor. Meine Finger zucken, ich will kommen. Ich will einen phänomenalen Orgasmus und dabei will ich morden. Das hatte ich noch nie. Noch während ich die Puppe stoße und stoße, halte ich einem der Rentner den Revolver an die Schläfe. Schweiß verklebt mein Haar. Ich drehe meinen Kopf, um mich zu sammeln, um den Mann anzusehen. Das tut meinen Bewegungen in der Puppe keinen Abbruch. Ich keuche und danke meiner ausgezeichneten Kondition.

"Scusi Fetente", sage ich und der Grauhaarige checkt es nicht. Er checkt es einfach nicht!

"Scusi Fetente", schreie ich also. Laut und lauter, bis dem Grauhaarigen sein letztes betagtes Blut zu Kopf steigt. "Scusi Fetente", bis er mich mitleidig und ängstlich ansieht. "Scusi Fetente", bis er jämmerlich wimmernd um Gnade fleht. Ich schreie. Ich schieße. Ich schreie. Ich komme. Stille. Die Puppe sinkt zusammen. Ich halte sie. Stille. Gestank von Pisse und Fekalien. Die Luft riecht nach Sex. Die Luft riecht nach Blut.

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